Frankenthal Es schlägt die Stunde des Dreivierteltakts

Das war am Montagabend ein durchaus vielversprechender und erfolgreicher Start ins Konzertjahr 2018: gut gefüllte Zuhörerreihen im großen Saal des Congress-Forums, ein beschwingtes musikalisches Programm voller Abwechslung und dazu die beherzt agierende Neue Philharmonie Frankfurt, für die der inzwischen vierte Auftritt an Neujahr in Frankenthal schon so etwas wie Heimspielcharakter hatte.
Optisch wurde mit Lichteffekten und blau angestrahlten Deko-Elementen auf der Bühne so einiges aufgefahren. Freilich war das zur Einstimmung per Video eingespielte Feuerwerk wegen der mäßigen Tonqualität nicht gerade der Knaller. Dann schon eher die Ouvertüre der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“, bei der mit fulminanten Percussion-Einwürfen nicht gespart wurde. Dass die gut 40 Instrumentalisten aus der Mainmetropole auch mit dezent-romantischen Tönen vertraut sind, bewiesen sie bei Camille Saint-Saëns „Morceau de Concert“ für Harfe und Orchester. Die junge Solistin Alexandra Heyn überzeugte mit ausgereifter Technik, rhythmisch pointiertem Spiel und perlenden Arpeggien. Vom gleichen französischen Komponisten hatte der künstlerische Leiter Ralph Philipp Ziegler, der das Neujahrskonzert in gewohnt amüsant-informativem Plauderton moderierte, die „erotischste Arie der Opernliteratur“ ausgesucht: „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ aus „Samson und Dalilah“. Die zierliche Mezzosopranistin Judith Berning sang sicher und einfühlsam, ihr dunkles Timbre wurde insbesondere bei den Piano-Stellen von dem etwas zu dominanten Orchester leider zugedeckt. Ganz im Zeichen des Mottos „1001 Nacht“ stand die sinfonische Dichtung „Auf einem persischen Markt“ des Engländers Albert Ketèlbey, der ebenso wie Karl May nie den Orient gesehen hat, aber die Kameltreiber, Schlangenbeschwörer und die weiterziehende Karawane in seinen Klanggemälden treffend zu charakterisieren vermochte. Kaum hatte die Gesangssolistin Judith Berning ins Märchenland des Berliners Paul Lincke entführt, kamen die vielen Harry-Potter-Fans bei „Wondrous World“, jener genialen und fantasievollen Tonschöpfung des Filmkomponisten John Williams, voll auf ihre Kosten. Dann endlich schlug die Stunde des Dreivierteltakts – beim opulenten Strauß-Walzer „Märchen aus dem Orient“, vom Ludwigshafener Turniertanzpaar Christian und Kim Weber in schwungvolle Bewegungen umgesetzt. Die von Steven Lloyd Gonzales mit spürbarer Leidenschaft dirigierte Neue Philharmonie Frankfurt lief nach der Pause so richtig zu Hochform auf und präsentierte überwiegend Melodien mit hohem Wiedererkennungswert – so den türkischen Marsch von Mozart und drei zauberhafte Tänze aus der Ballettsuite „Der Nussknacker“ von Peter Tschaikowsky. Das Orchester musizierte stimmlich sehr ausgewogen und homogen, auch schwierige Bläsereinsätze wurden souverän gemeistert. Bei Franz Léhars Schmusehit „Lippen schweigen“ (eigentlich ein Duett) schien die Solistin etwas überfordert zu sein. Bei dem überzeugend interpretierten „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ von Robert Stolz war dann die Welt wieder in Ordnung. Judith Berning heimste hochverdienten Applaus ein. Der Rest des Programms lief dann nach dem gleichen Strickmuster ab wie am Morgen beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Zuerst die Mutter aller Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“, von den Frankfurtern mit sicherem Gespür für dynamische Feinheiten und große Melodiebögen dargeboten. Und zu guter Letzt der unverwüstliche Radetzkymarsch von Vater Strauß mit der kollektiven Klatscheinlage eines begeisterten Publikums. Es geht halt am ersten Tag eines neuen Jahres nichts über lieb gewonnene Rituale.