Frankenthal
Entdeckung in Hamburg: Knochen lagen in der falschen Kiste
Frau Dr. Weigel, hat bei den Schädeln etwa jemand den Kopf verloren?
(lacht) Nein, dass Museen einzelne Exponate für eingehendere Untersuchungen an externe Fachleute herausgeben, ist ganz grundsätzlich etwas völlig Normales. Um solch eine genauere Untersuchung ging es auch bei unseren Funden, als sie der Universität Hamburg zur Verfügung wurden. Nun kann es vorkommen, dass ein Vorgang auf einer der beiden Seiten liegenbleibt oder nicht eins zu eins dokumentiert worden ist. Das passiert beispielsweise, wenn Personalwechsel stattfinden. Wie Sie wissen, hat beim Museum die Leitung mehrfach gewechselt. Und in Hamburg ist der zuständige Mann in Ruhestand gegangen.
Wie ist das Fehlen der Objekte bemerkt worden?
Bei uns laufen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Sanierung des Erkenbert-Museums Inventarisierungen. Dabei sind die dafür verantwortlichen Mitarbeiter auf den Sachverhalt gestoßen.
Wie lange war das Eigentum des Museums denn verschollen?
1995 hat der ehemalige Museumsleiter Edgar Hürkey die menschlichen Knochenfunde zur Altersbestimmung an einen Humanbiologen in Mainz gegeben, der später eine entsprechende Professur in Hamburg innehatte. Sie gelangten, weil die Bestimmung nicht direkt erfolgte, in die human-osteologische Sammlung der Universität Hamburg. Der Nachfolger auf dem Lehrstuhl ist inzwischen emeritiert, er hat jedoch auf wiederholtes Nachfragen unsererseits die von ihm ehemals geführte Sammlung noch einmal durchsucht und ist fündig geworden. Unsere Knochen waren irrtümlich mit nicht zugehörigen Objekten anderer Herkunft in eine Kiste gepackt worden. Es handelt sich um 15 Objekte.
Welchen, sagen wir mal, historischen Wert haben denn diese Funde?
Entdeckt wurden die menschlichen Schädelfragmente und Knochen 1962 bei Baggerarbeiten am Strandbad. Das Kiesbett dort stellt eine Art vorgeschichtliche Fundgrube für Fossilien dar, beispielsweise wurden dort wiederholt Knochen von Mammuts oder anderer eiszeitlicher Tiere entdeckt.
Handelt es sich denn tatsächlich um Relikte von Neandertalern?
Es handelt sich bei den Funden offenbar nicht, wie zunächst vermutet, um Überreste von Neandertalern. Das ist die Auskunft des Wissenschaftlers in Hamburg. Die Knochen sind jüngeren Datums. Das genaue Alter wurde noch nicht bestimmt. Auch die Ursache der Verletzungen, die die Schädel aufweisen, konnte noch nicht geklärt werden. Dazu sind weitergehende Untersuchungen erforderlich. Möglicherweise liegen in einigen Fällen medizinische Eingriffe am lebenden Menschen zugrunde. Dazu wird das Museum im kommenden Jahr an die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz herantreten. Wir sind gespannt auf das Ergebnis!
Werden die Schädel, sobald sie wieder in Ihrem Fundus sind, in Frankenthal zu sehen sein?
Auf alle Fälle wird es nicht so sein, dass wir sie als Exponate einfach in eine Vitrine legen und ausstellen. In dieser Hinsicht hat sich der Umgang mit menschlichen Überresten in den zurückliegenden Jahren deutlich geändert. Als Beispiel fällt mir eine Ausstellung über die sogenannten Skythen-Gräber ein. Da wurde eine vollständig erhaltene Grabstätte dieses Reiternomadenvolks gezeigt – aber mit dem deutlichen Hinweis, sich beim Betrachten pietätvoll zu verhalten.
Wie kommen die Objekte wieder nach Frankenthal?
Die Objekte sollen im kommenden Jahr vom Erkenbert-Museum abgeholt werden. Interview: Jörg Schmihing