Frankenthal
Eismann auf Rädern: „Da kommt Luigi!“
Heiß brennt die Sonne über den Dächern am Pilgerpfad. Pünktlich zur Abholzeit im Kindergarten am Jakobsplatz biegt ein knallgelber VW Bully um die Ecke. „Luigi, da kommt Luigi!“ Es gibt kein Kind, das seine Eltern nicht mit aller Kraft zu dem Bus zerrt. Eisige Köstlichkeiten und warme Worte sind das Erfolgsrezept des fahrenden Italieners, der in vielen Stadtteilen bekannt ist wie ein bunter Hund.
Wie Bienen den Honig umschwärmen die Kinder den Eismann auf Rädern. „Bester Mann in Frankenthal, so muss es sein!“, ruft Nikolay Panov, der mit Sohn David und dessen Kumpel Joan als einer der ersten am Tresen auftaucht. Der Bulgare stemmt mit beiden Armen gleichzeitig die dreijährigen Steppkes in Luigis Augenhöhe, damit sie Milchshakes bestellen können. Nun ist Constantin dran. Er ist vier Jahre alt und kann, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt, in den kleinen Verkaufsraum hineinschielen. „Ich will Regenbogeneis wie immer!“ Constantin ist, seitdem er vor zwei Jahren Kitakind wurde, Stammgast und würde Luigi gerne in den Sommerurlaub auf Kreta mitnehmen. „Das geht doch nicht“, sagt seine Mutter Doreen Pufe schmunzelnd und erzählt, dass die traditionelle Eiskugel nach dem Tag im Kindergarten ein kleiner Höhepunkt sei. „Constantin und Luigi sind inzwischen Freunde geworden, er hat einen tollen Umgang mit Kindern wie ein ausgebildeter Erzieher“, sagt die 34-Jährige, die ihre Kindheit in der ehemaligen DDR in Dresden verbracht hat. „Mobile Eismänner gab es damals bei uns nicht“, meint Pufe etwas wehmütig. Constantin darf in den Bully krabbeln und sich selber die Schokostreusel auf seinen Eisbecher krümeln. „Schau, so wird es besser“, sagt Luigi und pflanzt den Eisbecher kopfüber in eine Schüssel mit braunen Streuseln. Voilà, das himmelblaue Regenbogeneis ist perfekt paniert, und Luigi erklärt seinem kleinen Helfer das Innenleben des Bullys: „Da ist der Seitenkühlschrank für die Soßen und die Schlagsahne, gekühlt auf minus 16 Grad. Und dort der Kühlschrank für meine 17 Eissorten, der hat minus 20 Grad“, doziert Luigi und entlässt seinen Helfer mit einem dicken Lob. Einige Eltern hasten vorbei. Ihr Nachwuchs darf nicht zu Luigi, Tränen fließen. „Manche sind sauer, dass ich da bin. Einige schimpfen, dass sie wegen mir Nein sagen müssen. Ein Mann hat mich deswegen sogar mal mit dem Rad verfolgt“, beschreibt der Eismann die Schattenseiten seiner Arbeit. Die Kritik kann er nicht nachvollziehen. „Man muss halt auch mal Wünsche der Kinder abschlagen. Und das, was ich anbiete, ist doch gesünder als Chips, Fast Food oder das süße Kratz-Eis.“ „Hier, meine Schulden von gestern!“ Eine Frau drückt Luigi Münzen in die Hand. Bei ihm darf man anschreiben lassen. Das Geld kommt irgendwann bei ihm an. „Wir leben zusammen. Die Kunden werden erwachsen und ich älter“, sagt der 51-Jährige und streicht sich über die ergrauten Schläfen. Vor 20 Jahren begann er sein Geschäft. Das Eis bezieht er von den Brüdern Vinciguerra, die am Rosengarten eine Eiskonditorei betreiben und sechs mobile Eismänner beliefern. Diese haben sich Frankenthal und das Umland untereinander aufgeteilt. Luigis Bezirk reicht von Eppstein-Flomersheim über die Carl-Bosch-Siedlung und Lauterecken bis hin zum Albrecht-Dürer-Ring. Hier hat er wie ein Linienbus seine festen Haltepunkte, die er täglich von 12 Uhr mittags bis nachts um 1 Uhr anfährt. Besonders die Bewohner der Carl-Bosch-Siedlung, in der es keine Läden gibt, und in Lauterecken sind froh, wenn Luigi kommt und mit seiner antiken Glocke bimmelt. Stammkunden, die aus seinem Revier weggezogen sind, darf Luigi weiterhin beliefern. Auch wenn, wie er bekümmert bemerkt, die Zahl der Kinder in Frankenthal abgenommen hat, läuft sein Geschäft recht gut – nicht zuletzt wegen der Stammkundschaft, die ihn wochenends besonders gern per Handy bucht, „manchmal bekomme ich 30 Bestellungen per WhatsApp auf einen Schlag“. Dann müsse sich ein Kunde auch mal eine halbe Stunde gedulden, „das sind halt dann die italienischen fünf Minuten“. Zu Festen wird er gerne gebucht. Als sich die Rektorin der Carl-Bosch-Schule, Ingrid Göhler, Ende Juni von ihren 100 Schülern verabschiedete, spendierte sie jedem Kind ein Eis. „Das sind dann gute Tage. Schlechte gibt es auch, das gleicht sich aus.“ Schlechte Tage sind für ihn auch Tage, an denen ihm Kunden ihr Herz ausschütten. „Ich hatte eine Dame, die jeden Tag ein Eis kaufte. Sie hatte einen Tumor. Eines Tages sagte sie: Morgen komme ich nicht. Morgen sterbe ich“, sagt Luigi und ist plötzlich nicht mehr so heiter. Inzwischen ist es ruhiger geworden am Eiswagen. „Sind schon Gutscheine angekommen?“, will ein Kita-Vater wissen. Es ist Frank Skalecki, Vorsitzender des Elternausschusses. Als Dankeschön an engagierte Eltern hatte der Elternausschuss Eisgutscheine verteilt, erklärt er. „Ja, es sind schon welche angekommen“, antwortet Luigi. „Er hat was davon und wir auch“, sagt Skalecki und erzählt, dass Luigi schon Teil des Lernprogramms der Kita war: „Die Kinder durften bei ihm Eis bestellen und lernten so, wie man etwas kauft und bezahlt.“ Kinder seien seine dankbarsten Kunden, berichtet Luigi und kramt zum Beweis aus den Winkeln seines 30 Jahre alten Gefährts Stapel mit kleinen Geschenken: Kieselsteine, Ketten und Bilder. Auf einer Zeichnung ist eine schnauzbärtige Figur im Blaumann zu sehen, die Luigi heißt und aus den Super-Mario-Videospielen stammt. „Viele Kinder fragen mich, ob ich der aus der Reihe bin“, sagt der Eismann schmunzelnd. Dann muss er manchmal den Ausweis zeigen. Auf dem steht: Luigi Tasca aus Ravanusa, einem Dörfchen am südlichsten Zipfel Siziliens. Dorthin will Luigi zurückkehren, wenn seine jungen Stammkunden selber Kinder haben. „Ich hoffe, das erlebe ich noch“, sagt er und fügt hinzu, dass er die Mentalität der Deutschen trotz ihres Hangs zur Pünktlichkeit schätze. Mit einem kulturellen Unterschied komme er bis heute nicht klar: Komplimente an die „bella Signoras und Signorinas“ kommen nicht immer positiv an. „Sie sagen dann oft, ich sei ein Charmeur“, beklagt Luigi mit Kummer in der Stimme. Dabei wolle er sich nicht einschmeicheln oder gar den Eisverkauf ankurbeln. „Wenn eine Frau hübsch ist, dann sage ich das, und es kommt von Herzen, basta“, sagt er. Schließt das Fenster und tuckert zum nächsten Haltepunkt.