Frankenthal
Einmal Mlyny und zurück: Hilfsfahrt an ukrainische Grenze
3100 Kilometer in knapp zwei Tagen und zwei Nächten: Es ist ein Gewaltritt, den Leon Arbeiter (27) und Daniel Weitsch (20) vom Pfadfinderstamm John. F. Kennedy hinter sich haben. Mittwochvormittag in Frankenthal. Arbeiter hat seit Sonntag zum ersten Mal wieder richtig geschlafen. Am Telefon klingt er noch erschöpft und erzählt aufgewühlt von 45 Stunden, in denen er nur ab und zu ausruhen konnte. „Wir fuhren auf Tempo. Fahrerwechsel bei laufendem Motor. Ohne Zeitgefühl und Hunger.“
Rückblende auf Sonntagabend. Mit einem guten Gefühl geht es los. Alle Spenden haben in den weißen Sprinter gepasst, jeder Millimeter wurde ausgenutzt. Bis Krakau wird jetzt durchgefahren. Hier gönnen sich die Freiwilligen eine kurze Rast. Dann verlassen die beiden die Autobahn. Unwegsame leere Landstraßen führen durch das verschneite Südost-Polen, ab und zu sehen Arbeiter und Weitsch polnische Militärfahrzeuge. Montag, 15 Uhr, erreichen sie das Städtchen Lodyna, acht Kilometer Luftlinie entfernt von der Grenze. Zwei Fahrstunden weiter östlich in Lwow bereitet man sich gerade auf den Ausnahmezustand vor. In Lodyna erwartet die Frankenthaler ein unerwartet freudiger Empfang: Zwei Dutzend polnische Soldaten helfen, die Spenden auszupacken. Und sind beeindruckt, dass neben Lebensmitteln unter den von den Pfadfindern gemeinsam gesammelten und sortierten Spenden so viel technisches Equipment ist – Campingkocher mit Gaskartuschen, Handys mit Ladestationen, drei Kisten voller Taschenlampen. Die Soldaten geben den jungen Deutschen zu verstehen, dass gerade diese Hilfsgüter aus Frankenthal wertvoll sind, wenn Flüchtende nachts ohne Licht, Strom und Wärme unterwegs sind.
Feldbetten und Babynahrung
Die ersten Flüchtlinge sehen Arbeiter und Weitsch in der alten Schule von Lodyna: 300 Ukrainer sind hier untergekommen. „Jeder Platz wurde für Feldbetten genutzt. In einer winzigen Küche wuselten Helfer umher und machten heiße Getränke und Essen“, berichtet Arbeiter. „Auch wir stärkten uns hier mit Kaffee. Es türmten sich Babynahrung, Lebensmittel und Decken.“ Ständig treffen neue Kleinbusse mit Spenden ein. Sie fahren weiter in die Ukraine und bringen von dort neue Flüchtlinge.
Mit dem leeren Sprinter fahren die Pfadfinder weiter nach Norden. Nach zwei Stunden erreichen sie das Dörfchen Mlyny, fünf Kilometer sind es von hier zur Grenze. Der Umschlagplatz in Lodyna war nur ein Vorgeschmack für das, was die jungen Männer hier sehen: Ein leergeräumter Supermarkt von der Größe eines Kaufland. Arbeiter schätzt, dass dort bis zu 5000 Ukrainerinnen auf Feldbetten liegen. Die Luft ist zum Schneiden, die Frauen machen einen teils verzweifelten und teils erleichterten Eindruck. Alle wirken zutiefst erschöpft. „Ich hatte Tränen in den Augen“, sagt der Lehramtsstudent, der einen Teil seiner Semesterferien für die Hilfsfahrt geopfert hat.
Mit Reisebussen ins Landesinnere
Permanent kommen Reisebusse an, laden neue Flüchtlinge ab und bringen diejenigen, die sich ausgeruht und gegessen haben, ins Landesinnere. Ein organisiertes Chaos, koordiniert durch Polizisten, die die jeweiligen Zielorte per Megafon durchgeben. Mit dem Hilfsnetzwerk Gorod München haben die Pfadfinder abgesprochen, eine Gruppe Flüchtlinge von Mlyny nach München zu bringen. Sie wissen nur, dass darunter eine Frau ist, die Irina heißt. Auf ein Schild haben sie „Irina, Munic“ geschrieben.
Und tatsächlich taucht in der Menschenmenge eine Frau auf. Sie ist vielleicht Ende 30 und hält zwei kleine Mädchen an den Händen. Daneben warten eine 15-Jährige und vier ältere Frauen. Irina kann ein wenig Englisch. Sie spricht nur das Nötigste, dankt den Helfern unentwegt. Sieben freie Plätze hat der Sprinter. Die Flüchtlingsgruppe ist aber zu acht. Irina wird in Mlyny bleiben und auf eine Mitfahrgelegenheit nach München warten. Arbeiter vermutet, dass sie die Mutter eines der Mädchen und des Teenies ist. Und dass die Übrigen aus der Gruppe mit ihr verwandt sind.
Abschied von den Kindern
Der Abschied von den Töchtern fällt Irina nicht leicht. Aber sie weiß, dass ihre Kinder in Sicherheit sein werden. Per Handy will sie sie später in München finden. Die Abfahrt erlebt Arbeiter als „sehr emotionale Situation“. Er fragt das jüngste Mädchen, ob es etwas essen oder trinken will. Als Antwort drückt es ihm wortlos eine kleine Tüte Gummibärchen in die Hand. „Da war ich sprachlos.“ Sofort nach der Abfahrt am Montagabend über Tschechien und Österreich schlafen alle Mitfahrerinnen ein. Erst zwölf Stunden später in München wachen sie auf. Es ist Dienstag, 7 Uhr. Die Flüchtlinge beziehen eine Wohnung, die das Hilfsnetzwerk organisiert hat. Die Pfadfinder finden ein Hotel, in dem sie das erste Mal, seitdem sie Frankenthal verlassen haben, duschen können. Abends sind sie wieder daheim.
Besonders beeindruckt hat Leon Arbeiter „die grandiose Hilfe von so vielen Polen und die internationale Verständigung mit Handy, Hand und Fuß“. Immer wieder kommen Szenen hoch: Als der mit ukrainischer Flagge dekorierte Sprinter von entgegenkommenden Autos mit Lichthupe begrüßt wurde. Der Anblick von Tausenden Kleinbussen, die mit Spenden und Geflüchteten in der Grenzregion pendelten. „Polen meistert gerade mit Bravour eine Riesenleistung, das hat man an jeder Ecke gespürt.“ Am meisten betroffen gemacht hat ihn der Anblick der ukrainischen Kinder. „Sie haben noch bis vor wenigen Wochen in einem friedlichen Land gelebt.“ Und die Erfahrung, in nur wenigen Stunden in die Nähe zu einem Kriegsgebiet gekommen zu sein. „Der Krieg ist näher, als man denkt.“