Frankenthal Einmal auf der Bühne sterben
Dass Heiderose Henker am Sonntag bei den Bobenheim-Roxheimer Lesegärten mit dabei ist, verwundert kaum. Die quirlige 65-Jährige mischt im Ortsgeschehen kräftig mit, beim Theaterkreis und im Heimatverein ebenso wie bei der Frauenfasnacht.
Der Terminkalender von Heiderose Henker ist prallvoll. Sie habe einfach Lust am Tun, egal, ob in der Schauspielerei und als kommunales Engagement. Ihre Liebe zum Laienspiel begann 1967 in der Theaterabteilung der SG Bobenheim, die ihr Vater leitete. „Er suchte noch jemanden für die weibliche Hauptrolle. Ich hab’ gleich gesagt, ich mach’s.“ Das Stück hieß „Weihnachten im Wildbachhof“. Die junge Heiderose gab ihr Debüt als Bauerntochter Agnes – und war mit dem Theatervirus infiziert. Etliche Lustspiele von Millowitsch und Camoletti folgten, 31 Jahre lang stand sie auf der Bühne. In ihrer letzten Rolle bei der SG spielte sie 1996 eine Oma. Zwölf Jahre lang führte sie dort später auch Regie beim Kindertheater. Bei der SG war Heiderose Henker außerdem schon als junge Frau im Turnen und Tischtennis aktiv. 1967 stellte sie eine Damenhandballmannschaft auf die Beine und suchte dafür einen Trainer. Den Job übernahm Vereinskollege Siegmar Henker, ihr späterer Ehemann. Er wurde als sechsfacher Paralympics-Teilnehmer zum Aushängeschild für den Behindertensport in Rheinland-Pfalz. Von 42 gemeinsamen Jahren war das Paar 33 Jahre lang in Sachen Sport in rund 60 Ländern unterwegs. Ihre zweite Bühnenkarriere startete Heiderose Henker, die auch mit 65 Jahren neugierig und umtriebig ist, nach dem Tod ihres Mannes 2012 beim Theaterkreis Bobenheim-Roxheim. Auf der Freilichtbühne Im Busch spielte sie in „Heribert, der Klosterfraunarzissengeist“ die Schwester Apollonia und ein Jahr später die Tante Abby in „Arsen und Spitzenhäubchen“. Diesen Sommer erfüllte sich ihr lange gehegter Wunsch, einmal auf der Bühne zu sterben. Und so ließ sich Heiderose Henker als Vampiropfer von Dracula höchst selbst stilecht meucheln. Etwas weniger gefährlich als auf den Brettern verlief Heiderose Henkers bürgerliches Leben als gelernte Arzthelferin und spätere Sachbearbeiterin bei den Gemeindewerken. Beim Heimatverein gibt sie das Museumsgespenst und veranstaltet Lesungen für Kinder, seit 2001 organisiert sie die Rosenmontagssitzung der Katholischen Frauengemeinschaft (KFG) Bobenheim. Bei den Bobenheim-Roxheimer Lesegärten wird Heiderose Henker am Sonntag in der „Oase der Ruhe“, dem idyllischen Garten von Maria Weinfurter im Littersheimer Weg 36, vorlesen aus „Titos Brille“ von Adriana Altaras. „Es geht um das aktuelle Thema Flucht“, sagt sie. Altaras, geboren 1960 in Split (Kroatien), lebt in Deutschland und ist als Autorin und Schauspielerin mehrfach ausgezeichnet. „Von Talkshows her war sie mir sehr sympathisch, sie hat ein ähnliches Temperament wie ich“, findet die Vorleserin. In ihrem autobiografischen Roman, der im Dezember auch als Film in die Kinos kommt, erzählt Adriana Altaras die Geschichte ihrer strapaziösen jüdisch-europäischen Familie und nimmt ihr Publikum dabei mit auf eine humorvolle Zeitreise durch zwölf Jahre Naziregime, 25 Jahre jugoslawischen Sozialismus und 20 Jahre BRD.