Frankenthal Ein Stückchen Jazzgeschichte

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Der 13. März 1961 war ein gewöhnlicher Montag, aber für die Jazzfans in Ludwigshafen muss es ein ganz besonderer Tag gewesen sein. Quincy Jones und sein Orchester traten damals im alten Pfalzbau auf. Der Bandleader stand noch am Beginn seiner großen Karriere, die er nicht als Musiker, sondern als Musikproduzent machen sollte. Und sein Orchester war bestückt mit jungen Stars der Jazzszene wie Freddy Hubbard und Phil Woods. Ein Mitschnitt dieses Konzerts des SWR ist nun als CD veröffentlicht worden.

Die Band legt los wie der Teufel. Benny Goodmans Swing-Hit „Air Mail Special“ spielt man in atemberaubender Geschwindigkeit, die Rhythmusgruppe akkurat, die Bläsersätze präzise und geschmeidig. Der schwedische Posaunist Ake Persson und Altsaxofonist Joe Lopes steuern kurze Soli bei. Als Warm-up für die Band und als erste Kontaktaufnahme mit dem Publikum ist das Stück perfekt. 1961 war im Jazz stilistisch viel los. Die Big Bands der Swingära hatte man noch im Ohr, und die großen Orchester von Duke Ellington, Count Basie und Lionel Hampton konnte man live erleben. Gleichzeitig eröffneten Hardbop und Cool Jazz ganz andere stilistische Türen. Und die Revoluzzer des Free Jazz waren auch schon am Werk: John Coltrane nahm in diesem Jahr seine berühmten Konzerte im New Yorker Village Vanguard auf, und Ornette Coleman hatte schon ein Jahr zuvor sein wegweisendes Album „Free Jazz“ veröffentlicht. Quincy Jones gehörte nicht zu den Avantgardisten. Er hatte sich seine musikalischen Sporen in der Band von Lionel Hampton verdient, wo er sich von der Aushilfe zum festen Mitglied hochgearbeitet hatte. Da war er gerade mal 20 Jahre alt. Er hatte mehrere Instrumente ausprobiert und war schließlich bei der Trompete gelandet. Seine wahre Liebe galt aber dem Arrangieren. Die Grundlagen dafür hatte ihm sein Jugendfreund Ray Charles beigebracht, die Weiterbildung fand bei Lionel Hampton statt und am Berklee College. Bald schon durfte er Arrangements für Count Basie, Sarah Vaughan und Duke Ellington schreiben, und 1956 engagierte ihn Dizzy Gillespie als Orchesterleiter für eine Tournee in den Nahen Osten. In Paris arbeitete Jones als Musikproduzent für den französischen Ableger des renommierten Labels Mercury Records und studierte gleichzeitig bei Nadia Boulanger am Konservatorium in Fontainebleau. Quincy Jones war also schon recht erfolgreich, als er 1959 für das Musical „Free and Easy“ in Paris ein Orchester zusammenstellte. Bis Februar 1960 war die Show auch in Belgien und in den Niederlanden zu sehen. Als damit Schluss war, wollte Jones sein gut eingespieltes Orchester nicht einfach auflösen und organisierte eine Tournee durch Europa. Zehn Monate hielt er durch, dann wurde das Geld knapp, 33 Musiker und Begleiter mussten schließlich finanziert werden. Am Ende hatte Jones 145.000 Dollar Schulden und musste seinen Musikverlag verkaufen. Später hat er ihn für das Zehnfache zurückgekauft. Die Konzerte 1961 waren eine Art Nachspiel zu diesen Ereignissen. Der damals 28 Jahre alte Quincy Jones hatte die Band erneut nach Europa gebracht, bevor er im Juli einen legendären Auftritt beim Newport Festival hinlegte. Bislang gab es einen Mitschnitt von einem Konzert in Zürich vom 10. März 1961. Das Ludwigshafener Konzert war drei Tage später, organisiert von Joachim-Ernst Berendt, dem legendären Leiter der Jazzabteilung des Südwestfunks. Bei der SWR-Jazz-Session war außerdem das Quartett von Schlagzeuger Art Taylor und Saxofonist Jackie McLean dabei. Die CD enthält allerdings nur den Auftritt des Quincy Jones Orchesters. Nach dem swingenden Auftakt folgten Stücke von Patti Brown, Duke Ellington, Lester Young und Oliver Nelson, zu dessen Ballade „Stolen Moments“ Freddy Hubbard ein lässig-brillantes Trompetensolo beisteuerte. Die Hälfte der Stücke hatte Quincy Jones neu arrangiert, dabei das Publikum mit neuen Orchesterfarben überrascht. Später folgte mit „Summertime“ ein Evergreen, allerdings in deutlich flotterem Tempo als gewohnt. Hier waren Trompeter Benny Bailey und Tenorsaxofonist Eric Dixon die Solisten. Im Programm war auch „I Remember Clifford“, das Benny Golson in Erinnerung an den tödlich verunglückten Trompeter Clifford Brown ein paar Jahr zuvor für die Gillespie-Band geschrieben hatte. Und dann erfreute man das Publikum mit dem damals schon zum Jazzstandard avancierten „Caravan“, ein Stück, das Juan Tizol komponiert und das in der Version des Ellington-Orchesters in den 30er-Jahren populär wurde. Den Abschluss des Ludwigshafener Konzerts bildeten zwei Kompositionen von Quincy Jones selbst, erst „The Midnight Sun Will Never Set“ mit einem Solo des Altsaxofonisten Phil Woods, ein weiterer Rising Star im großartig besetzten Orchester. Nachdem Jones die Musiker alle namentlich vorgestellt hatte, gab’s als letztes „The Birth of a Band“, Titelstück eines Albums, das Jones zwei Jahre zuvor bei Mercury veröffentlicht hatte. Bei diesem Plattenlabel bekam er nach seinem Big-Band-Abenteuer in Europa einen Managerposten in New York angeboten und stieg drei Jahre später zum Vizepräsidenten des Labels auf. Er war damit der erste Afroamerikaner in der Vorstandsetage einer großen Plattenfirma in den USA. Vor allem als Produzent machte sich Jones in den folgenden Jahrzehnten einen Namen, mit Michael Jacksons „Thriller“ produzierte er das meistverkaufte Album aller Zeiten. Für seine Arbeit wurde er mit 27 Grammys und einem Oscar ausgezeichnet. Zu der gelungenen Veröffentlichung des Ludwigshafener Konzerts gibt es zwei berichtigende Anmerkungen: Das Konzert fand zwei Tage früher statt, als im Booklet angegeben, und auch der Veranstaltungsort, den ein Foto suggeriert, ist nicht richtig. Aufgetreten sind Quincy Jones und seine Musiker noch im alten Pfalzbau am heutigen Berliner Platz. Der neue Pfalzbau wurde erst 1968 eröffnet. Da war das Quincy Jones Orchester schon Jazzgeschichte. CD-Tipp Quincy Jones and his Orchestra, Live in Ludwigshafen 1961, SWR Jazzhaus.

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