Frankenthal Ein Anzug in Cis-Dur

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Der Komponist Alexander Scriabin hatte eine große Vision: Ein Kunstwerk, das alle Künste in sich vereint und alle Sinne anspricht. Das Konzertprogramm „No Borders/Scriabin Code“ greift diese Idee auf. Es verbindet Hören mit Sehen und überschreitet musikalische Genregrenzen. Im Wormser Theater fand es am Sonntag großen Anklang.

Es gibt Menschen, deren Sinne auf geheimnisvolle Art miteinander verknüpft sind: Synästheten erleben Klänge als Farben und umgekehrt. Der deutsche Dichter E. T. A. Hoffmann hat mit der fiktiven Figur des Kapellmeisters Johannes Kreisler bereits 1810 einen Synästheten beschrieben, der davon überzeugt ist, die Farbe seines neuen Anzugs müsse Cis-Dur sein. Systematisch erforscht wurde das Phänomen ab Mitte der 1910er-Jahre. Scriabin, der 1915 starb, war seiner Zeit also voraus. Er war ein Multimedia-Künstler, als es die Medien dafür noch nicht gab. Ein Paar Experimente mit einer Farb-Orgel machte er, sie verliefen aber im Sand. Da hat es Reinhard Geller besser: Er ist der Künstler, der für das Scriabin-Projekt den visuellen Beitrag erstellt. Im Wormser Mozartsaal spannte sich über die Bühnenbreite eine Leinwand, auf der zur Musik, die live gespielt wurde, Gellers sogenannte Visuals abliefen. „Echte Synästhetiker würden schreiend rausrennen“, erklärt er schmunzelnd. Tatsächlich sind Synästheten den Verknüpfungen ihrer Sinne ausgeliefert. Wenn für sie zum Beispiel C-Dur der Farbe Blau entspricht, fühlt es sich für sie falsch an, wenn Geller für seine Visualisierung eine andere Farbe wählt. Einige Musiker konnten Klänge sehen: Jimi Hendrix, Duke Ellington und Pink Floyd Gründer Syd Barrett; und aus dem Bereich Klassik Chopin, Liszt und Sibelius. Geller selbst hat Assoziationen, die er mit Klangereignissen verbindet. Tatsächlich gibt es da auch unter Laien große Übereinstimmungen. Mit tiefen Tönen verbindet man etwas Schweres, Großes. Hohe Töne gelten eher als hell und glänzend. Geller, der auch Tontechniker ist, bekommt die elektrischen Signale der Musikmikrofone in einen Computer mit Mischpult gespeist. In dessen Speicher hat er Fotos und Videosequenzen vorrätig. Die Bilder werden über verschiedene Parameter verändert, die von der Musik gesteuert werden: Größe, Farbe, Form sind variabel. So können die Trommelschläge von Schlagzeuger Dirik Schilgen eine optische Figur im selben Rhythmus bewegen. Zu hören ist im Konzert zuerst ein Stück von Scriabin, das Pianistin Asli Kilic spielt – das Original. Danach übernehmen Jazzer die Musik und führen sie weiter: Daniel Prandl (Klavier), Katharina Groß (Bass) und Schlagzeuger Schilgen; der künstlerische Leiter des Ganzen, Martin Albrecht, spielt Klarinette. Für die Jazzmusiker bietet Scriabins Musik einiges „Futter“: Der Russe arbeitete viel mit Akkorderweiterungen und Alterationen, die zur Klangsprache des Jazz gehören. Ebenso befasste sich der Komponist mit Akkorden, die aus Quarten anstelle der üblichen Terzen aufgebaut sind. Auch das gibt es im Jazz – bekannt dafür ist Pianist Alfred McCoy Tyner. Spannend ist auch, wie die Jazzer die Themen Scriabins aufgreifen. Das wirkt schlüssig und bezieht sich nachvollziehbar auf Eigenschaften der Originale. Im ersten Teil des Konzerts gab es eine Art Einführung in Scriabins musikalisches Umfeld und zeitlichen Kontext. Die Pianistin Anna Gourari spielte Werke von Chopin und Prokofiev. Scriabin war ein großer Verehrer Chopins, während Prokofiev wiederum stark von Scriabin beeinflusst wurde. Gourari, ausgezeichnet mit mehreren Echo-Klassik-Preisen, stellte die Werke beeindruckend dar. Zurück zu den visuellen Impressionen: Zunächst war wenig Bewegung und Dynamik zu sehen. Vielleicht hat Geller etwas zu verhalten begonnen. Später gab es dann stärkere Farben, kräftigere Bewegung. Da kam der Zusammenhang zur Musik besser zur Geltung. Sabine Fallenstein als Moderatorin hatte interessante Informationen, doch gerieten die eingeschobenen Moderationsblöcke zu lang: Wer sich gerade mit offenen Sinnen auf das musikalisch-visuelle Erlebnis eingestimmt hatte, wurde aus der meditativen Stimmung gerissen.

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