Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel „Don Giovanni“ fürs Sofa: Anleitung zum Hören des Opernfinales

Der ewige Verführer: Don Giovanni. Hier Konstantin Gorny in der Titelpartie in einer Inszenierung am Badischen Staatstheater Kar
Der ewige Verführer: Don Giovanni. Hier Konstantin Gorny in der Titelpartie in einer Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Eine Oper von der CD hören oder gar am Radio? Wie soll man der Handlung folgen, wenn man doch mit Sicherheit den Text nicht verstehen kann? Und vor allem weiß man nie, wer da gerade singt! Also lieber nicht. Oder doch?

Bei fast allen Opern (und heutigen Sängern) ist diese Skepsis angebracht. Doch es gibt Ausnahmen. Im Finale von Wolfgang Amadeus MozartsDon Giovanni“ lassen sich die vier beteiligten Personen leicht auseinanderhalten, obwohl neben einer Sopranistin die drei Männerrollen von Bässen gesungen werden. Die aber verkörpern völlig unterschiedliche Persönlichkeiten: Gegenüber der dominanten Hauptperson, dem lebenslustigen und völlig rücksichtslosen Don Giovanni muss der zwar freche, aber unterwürfige und bis zur Feigheit ängstliche Diener Leporello stimmlich blasser sein; außerdem hat Mozart für jeden der beiden sehr verschiedene Melodien erfunden, vor allem in der Rhythmik: Ungehemmter Egoismus kennzeichnet Giovannis Motive, aus Leporellos Singen erkennt man schon bei Szenenbeginn, dass er sich am Ende unter dem Tisch verstecken wird. Die Töne des dritten Bassisten entsprechen in düsterer Majestät der furchterregenden Gestalt: Kein Mensch, sondern eine Statue setzt dem Festmahl ein Ende.

Schlagernummer aus dem „Figaro“

Auch die Handlung ist leicht zu verfolgen, zumal zunächst nur wenig geschieht. Prachtvoll festlich beginnt die Szene (Finale des 2. Aktes: „Già la mensa è preparata“). Nach kurzem Vorspiel freut sich Giovanni über die bereits gedeckte Tafel und fordert die anwesende Blaskapelle auf, mit dem Spielen zu beginnen. Leicht werden Sie (nach etwa einer Minute) den anderen Klang und die volkstümlich unterhaltsamen Melodien erkennen. Mozart zitiert aus zu dieser Zeit gerade erfolgreich aufgeführten Opern anderer Komponisten, schiebt aber auch eine zum Schlager gewordene Nummer aus seinem eigenen „Figaro“ ein.

Leporello freut sich, dass er die Stücke erkennt, und nennt sie, zuerst „Cosa rara“, dann „I Litiganti“. Währenddessen serviert er, wechselt die Teller, gießt Wein ein – und staunt über den gewaltigen Hunger seines Herrn: Gut zu verstehen ist sein „Ah che barbaro appetito!“ Er selbst behauptet, vor Hunger fast umzukommen, hält es schließlich nicht mehr aus und nimmt sich heimlich ein Stück vom Fasan. Giovanni tut, als hätte er es nicht bemerkt, stellt ihm Fragen und spottet über seine Versuche, mit vollem Mund zu sprechen.

Sich zu bessern kommt für Giovanni nicht in Frage

Unerwartet tritt Elvira ein, eine der vielen von Giovanni betrogenen Frauen. Sie hofft noch immer, ihn zurückgewinnen zu können. Als Beweis ihrer Liebe, sagt sie, will sie ihm alle Untaten verzeihen, wenn er ihr verspricht, sich zu bessern. Das prallt an ihm ab; seine Einladung, mit ihm zu tafeln, lehnt sie entrüstet ab. Mit einem Loblied auf Frauen und guten Wein („Vivan le femmine, viva il buon vino“) wendet sich Giovanni wieder seinem Mahl zu. Sie gibt auf, verlässt den Raum – und stößt draußen einen fürchterlichen Schrei aus.

Leporello wird hinausgeschickt, um nachzusehen, schreit ebenso entsetzt, wankt herein und fleht Giovanni an, ja nicht hinauszugehen. Die Statue des von Giovanni zu Beginn der Oper erstochenen Komturs, ein steinernes Denkmal, hatte er spöttisch und pietätlos zu seinem Festmahl eingeladen – und nun nähert sie sich mit gemessenem, wahrhaft steinernem Schritt, den Leporello schaudernd nachahmt: „Ta-ta-ta-ta!“. Leporello verkriecht sich unter dem Tisch, Giovanni muss selbst die Tür öffnen, und unvermittelt bricht eine ganz andere Musik unheildrohend mit düsteren Posaunenklängen herein. Hier sollten Sie direkt nach den zwei langgehaltenen Akkorden, noch vor den ersten Worten der Statue, abbrechen und sich die ersten Takte der Ouvertüre anhören. Es sind die gleichen Akkorde (nur ohne Posaunen), danach folgen leise Akkorde der Streicher in geheimnisvollem Rhythmus, plötzliche Betonungen wie Aufschreie, drohende auf- und absteigende Tonleitern – doch dann, nach etwa zwei Minuten, geht es ganz anders weiter, lebhaft, fast heiter. Prägen Sie sich diese zwei Minuten gut ein, Sie werden Sie wiedererkennen.

Finale im Flammenmeer

Bevor Sie zum unheilvollen Opernschluss zurückkehren, könnten Sie noch einmal kurz in den Beginn dieses Finales hineinhören: Vielleicht erkennen Sie Mozarts genialen Einfall, die beiden düsteren Akkorde hier als Eröffnung des Festmahls in heiterem Dur erklingen zu lassen.

Hören Sie nun die letzten Minuten dieser Szene. „Ich bin deiner Einladung gefolgt“, sagt die Statue. „Wirst du es wagen, mir zum Gegenbesuch zu folgen?“ Voller Schrecken ruft Leporello dazwischen: „Sagt nein, sagt, Ihr habt keine Zeit!“ Giovanni: „Ich kenne keine Furcht, ich komme.“ Das Standbild reicht ihm die Hand, Giovanni ergreift sie, stößt einen Schreckensruf aus, kann seine Hand aber nicht mehr freibekommen. Im Hintergrund haben Sie jetzt die unheilverkündenden Motive aus der Ouvertüre wiedererkannt, insbesondere die drohenden Tonleitern. Nun sei, sagt der Komtur, die letzte Chance für Giovanni gekommen, zu bereuen und sein Leben zu ändern. „Ich bereuen? Nie!“ Die Statue: „Si!“ Giovanni: „No!“, mehrmals hin und her. Da öffnet sich der Boden, Feuer dringt heraus, Giovanni fühlt namenlosen Schrecken, sein Herz droht zu zerspringen, er ruft „Entsetzlich! Das ist die Hölle“ und versinkt in der Tiefe, im Flammenmeer.

Da das Publikum in Prag, dem Ort der Uraufführung, positive Opernschlüsse wünschte, ließ Mozart noch eine Szene folgen, in der sich die übrigen Beteiligten über den Untergang des Schurken freuen. Für einige der Wiener Aufführungen kürzte er sie, strich sie manchmal ganz, fand aber nie zu einer endgültigen Entscheidung. Sie ist auf jeden Fall entbehrlich.

Die Oper: „Don Giovanni – Der bestrafte Wüstling“

Mozarts Oper behandelt das Motiv des Don Giovanni, besser bekannt als Don Juan, spanischer Lebemann und Frauenverführer, der hier am Ende seine verdiente Bestrafung erhält. Als er Donna Anna in ihrem Schlafzimmer bedrängt, kommt ihr Vater, der Komtur, hinzu. In einem kurzen Schwertkampf tötet Giovanni ihn und kann zusammen mit seinem Diener Leporello entkommen, zunächst unerkannt. Während der beiden Akte der Oper versucht Giovanni weiterhin, Frauen zu verführen, scheitert aber aus verschiedenen Gründen jedesmal. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern – Donna Anna hat ihn an der Stimme erkannt - ruhen sich Herr und Diener auf einem Friedhof aus, genau neben dem Standbild des Ermordeten. Giovanni freut sich ausgelassen über sein Entkommen, da ruft mit schauerlicher Stimme das Denkmal: „Noch vor der Morgenröte wirst du mit Lachen aufhören!“ Leporello, obwohl fast starr vor Entsetzen, muss auf Giovannis Anordnung hin das Standbild zum Mahle einladen; sein Schrecken wird übergroß, als die Statue mit dem Kopf nickt. Natürlich erwartet keiner der beiden, dass der Komtur wirklich erscheinen wird. Nach weiteren Abenteuerversuchen Giovannis folgt das Finale.

CD-Empfehlung

Es gibt sehr viele Gesamtaufnahmen dieser Oper, auch einige gute. Eine herausragende ist der fulminante Live-Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1956 mit den Wiener Philharmonikern unter Dimitri Mitropulos und unter anderem mit Cesare Siepi (Don Giovanni), Lisa della Casa (Donna Elvira), Gottlob Frick (Komtur) sowie Fernando Corena (Leporello). Schlussszene und Ouvertüre der Oper findet man auch auf der Internetplattform Youtube.

Die Serie

Eine Stelle immer wieder und bewusst anzuhören – das ist im Konzert nicht möglich. Wir nutzen in dieser Serie die veranstaltungsfreie Zeit und geben Anregungen, wie man zu Hause Musik hören und verstehen kann. Unser Autor, der Frankenthaler Komponist und Pianist Wolfgang Müller-Steinbach, leitet unter diesem Titel auch eine Reihe der Volkshochschule in Kooperation mit der Musikschule.

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