Bobenheim-Roxheim
Der Theaterkreis präsentiert Johann Nestroys Posse „Der Talisman“
Bange Blicke richteten sich zum tiefgrauen Himmel. Nach dem heftigen Gewitterregen zwei Stunden vor Beginn drohte noch eine Absage. Doch fleißige Hände legten die beschauliche Freilichtbühne im Busch weitgehend trocken, sodass einem unbeschwerten und niederschlagsfreien Theatergenuss nichts mehr im Wege stand, zumal sich auch die lästigen Stechattacken der Rheinschnaken dank des vom Veranstalter bereitgestellten Autan-Sprays in Grenzen hielten. Einziger Wermutstropfen: Auf der Zuschauertribüne blieben sehr viele Plätze leer.
Leider zu wenig Publikum
Dabei wäre eine stärkere Publikumsresonanz nicht nur als verdienter Lohn für den Einsatz der engagierten Laienspieltruppe wünschenswert werden. Denn Johann Nestroys 1840 in Wien uraufgeführte Posse ist keineswegs aus der Zeit gefallen, sondern in ihrer bitterbösen Kritik an einer mit Vorurteilen infizierten Gesellschaft aktueller denn je. Mit sicherem Gespür hat Regisseur Gerwin Schmitt eine ganze Reihe von Gegenwartsbezügen herausgearbeitet und die Handlung von der Donaumetropole an den Altrhein transferiert. So muss das nur schwer über die Zunge gehende Weanerische der vertrauten Pfälzer Mundart weichen – allerdings nur bei der unteren Schicht, die auch die Rieslingschorle aus dem Dubbeglas trinkt. In höheren Kreisen wird selbstredend die Hochsprache kultiviert.
Eine unterhaltsame Inszenierung
Deutlich gemacht werden die Standesunterschiede in dem flott und unterhaltsam inszenierten Stück nicht ausschließlich verbal, sondern auch optisch. Das Bühnenbild, das Helmut Dries sowie Hermann und Ilka Feise gebaut haben, eröffnet drei Spielebenen: ein Ziehbrunnen mit grasenden Gänsen, das Gartenhaus fürs gemeine Volk und ein Schlosstrakt mit Turmzimmer für die feinen Herrschaften. Die wichtigsten Requisiten indessen sind drei Perücken in schwarzer, blonder und grauer Farbe, die dem Protagonisten Glück bringen sollen. Der nennt sich Titus Feuerfuchs und ist ein rothaariger Vagabund, der seinen Wohnsitz mit der weiten Welt vertauscht hat. Bei der Suche nach Arbeit stößt er auf massive Vorbehalte und Antipathien, die schwerer wiegen als das Mitgefühl für einen, der ganz unten ist.
Klaus Beckerle spielt den Part souverän und abgeklärt, zeigt sich textsicher und punktet mit sprachlicher Wandlungsfähigkeit. Seine Singstimme indessen ist noch ausbaufähig. Lediglich die ebenfalls rothaarige und als Außenseiterin abgestempelte Gänsehüterin Salome Pockerl entdeckt in dem armen Kerl einen Seelenverwandten. Karolin Eberle agiert überaus einfühlsam und meistert die für sie ungewohnte Dialektrolle ebenso wie die gesangliche Herausforderung mit Bravour.
Der „rote Rotzbub“
Als der „rote Rotzbub“ den mit seinem Gefährt im Rhein landenden Monsieur Marquis aus den Fluten rettet, nimmt die Story allmählich auf. Titus bekommt zum Dank von dem blasierten Friseur – Cameron Strenge mit viel Spielfreude - als Talisman eine rabenschwarze Perücke verehrt und mogelt sich binnen kürzester Zeit mit scharfem Sprachwitz und wechselnden Identitäten ganz nach oben. Gleich drei Witwen machen sich amouröse Hoffnungen und lassen ihn in die Second-Hand-Klamottage ihrer Verflossenen schlüpfen: die Gärtnerin Flora Baumscheer (authentisch rustikal Gabi Schäfer), die Kammerfrau Constanze (mit gespielter Eleganz Mirka Besch) und die Frau von Cypressenburg (mit treffender Hochnäsigkeit Katharina Mattick).
In das turbulente, von Verwechslungen befeuerte Bühnengeschehen reihen sich die Nebenrollen des vorlauten Gärtnergehilfen Schnitzer (Daniel Fuchs), der einfältigen Tochter Emma von Cypressenburg (Vanessa Friedrich), des Notars Falk (Peter Feise) und der Bauernburschen (Noah Fischer und Noah Fabian) nahtlos ein.
Am Ende hat der schwerreiche Winzer Spund – überzeugend dargestellt von Markus Fischer – seinen Auftritt. Er möchte den Neffen Titus zum Universalerben einsetzen. Doch der hat nur noch ein Auge für die liebreizende Salome und will mit ihr eine Familie gründen. Wie schön, sind doch beide auch im richtigen Leben ein Ehepaar.
Termine
Weitere Aufführungen sind am 28. Juni sowie am 5., 6., 12. und 13. Juli. Einlass 19 Uhr, Spielbeginn 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf bei Freer Elektronik, Danziger Straße 1, und Bücher Bessler in Worms, unter Telefon 06241 24327 sowie im Internet unter www.theaterkreis1975.de.