Mannheim
Der Star spielt nicht die erste Geige: André Rieu und Orchester begeistern in der SAP-Arena
Als die erst 16-jährige Emma Kok „Let it Go“ vom Disney-Klassiker „Die Eiskönigin“ zelebriert und mit dem Chanson „Voilà“ imaginär durch die Gassen von Paris schlendert, gibt es stehende Ovationen. Fast 9.000 Menschen erheben sich, ganz benommen von der durch Mark und Bein gehenden Stimme, aber auch von der Geschichte, dem Schicksal der jungen Sängerin aus den Niederlanden. „Seit ihrer Geburt hat sie einen gelähmten Magen und muss durch Schläuche künstlich ernährt werden. Und doch hat sie diese Kraft, für mich ist sie ein Vorbild“, sagt André Rieu – und rückt respektvoll zur Seite.
Graziler Frauenchor und stimmige Belcanto-Tenöre
Es sind Situationen wie diese, die sich immer wieder durch die fantasievolle Bild- und Klangkulisse bahnen. Mit dem 60-köpfigen Ensemble seines Johann-Strauß-Orchesters kreiert der ewig jung wirkende Dirigent mit der Pudelfrisur einen zauberhaften Kosmos. Da sind die entzückenden Grazien des Frauenchors in ihren pastellfarbenen Ballkleidern, die sich immer wieder Handküsschen zuwerfen, mit den Wimpern klimpern, spaßhalber Flirten und dabei perfekt von Kameras eingefangen werden. Da sind die Platin-Tenöre, mit denen Rieu schon seit 20 Jahren um die Welt reist: Gary Bennett, Béla Mavrák und Serge Bosch aus Australien, Ungarn und Belgien, die als Gesangstrio bei Liedern wie „Torna a surriento“ wie echte Italiener wirken.
Da werden nicht einfach nur Bühnenbilder, sondern ganze Bühnenwelten geschaffen, die einen visuell in die Toskana, in eine einsame Bergwelt bis hinauf zu den Sternen entführen. Da strahlt einem 120 Minuten lang eine perfekte Ästhetik entgegen, vom Klang über die Kulisse bis zu den Kleidern. Doch hinter diesem Vorhang aus Eleganz und Virtuosität blitzt bei Rieu immer wieder das Echte, Unverstellte und Ehrliche hervor.
Es wird gelacht und gestaunt
Mal humorvoll, wenn er die vielen Zuspätkommer (aufgrund des Verkehrschaos trudeln manche Gäste erst nach einer Konzertstunde ein) mit einer hochgezogenen Augenbraue tadelt. Mal als stummfilmartige Slapstick-Einlage samt Striptease (nicht von Rieu, sondern einem Orchestermitglied aus Venezuela), wenn für das „Feuerfest“ von Josef Strauß ein Amboss auf die Bühne gehievt und der Gussklumpen stilecht im Unterhemd bespielt wird.
Dann wird gelacht, und im nächsten Moment wieder gestaunt: Michel Tirabosco aus Genf wurde mit verkürzten Armen und ohne Hände geboren. Und doch lernte er schon als Kind die Panflöte zu spielen. Heute ist er Musikprofessor, gibt international Konzerte und erteilt auch Rieu und seinem Publikum eine Lehrstunde darin, wie man sein Leben trotz widriger Umstände meistert. Die amerikanische Opernheldin Micaëla Oeste verwandelt Puccinis Arie „Un bel di, vedremo“ aus „Madame Butterfly“ in ein zu Tränen rührendes Klagelied. „You raise me up“ singt die polnische Sopranistin Anna Majchrzak, während ihr schneeweißen Kleid im aufziehenden Nebel verschwindet.
Träumerisch, weich, verschmust, aber nie kitschig
Ruhig, friedvoll und besonnen manövriert der Maestro aus Maastricht seine Orchestercrew durch eine sacht dahinwogende Walzerwelt. Bei Hymnen wie „An der schönen blauen Donau“, dem Sportpalast-Walzer oder den „Tulpen aus Amsterdam“ verwandelt sich die Arena in einen Ballsaal. Es wird getanzt, geschunkelt und mitgepfiffen. Das ist träumerisch, weich, verschmust, aber nie kitschig.
Nur ganz am Ende strahlt ein Scheinwerferlicht auf Rieu. Seine Geige, meist nur Requisite, wird an den Hals gelegt und „You’ll never walk alone“ angestimmt. Der Dirigent weiß, ohne sein Orchester, mit dem er für 80 Konzerte im Jahr von Kolumbien bis Australien reist, wäre er nichts. Vom Tontechniker bis zum Lkw-Fahrer schafft er es, für den größten Applaus des Abends alle Beteiligten mit einzubeziehen. Auch das wirkt nicht theatralisch oder gekünstelt, sondern aufrichtig, von Herzen kommend. Und vielleicht macht auch das den anhaltenden Reiz seiner Konzerte aus: dass Rieu, der Star mit der Violine, so selten die erste Geige spielt.