Frankenthal Der Alleskönner

Achim Freyer inszeniert, malt, zeichnet, entwirft. Jetzt wird der Kunst-Alleskönner in Worms mit gleich zwei Ausstellungen geehrt. Während im Kunstverein sein malerisches Werk gezeigt wird, dreht sich im Museum Heylshof – passend zu den anstehenden Nibelungen-Festspielen – alles um Freyers „Ring“-Inszenierungen.
Unheimlich wirkt die weiße Maske aus Gips an der Wand. Die Mundpartie ist verschmiert. Als hätte jemand wild mit einem Lippenstift herumgepinselt. Aus dem Bereich, in dem man eigentlich Augen erwartet, hängen zwei Schläuche, deren Enden in zwei Sprühflaschen münden. „Die Tränen der Brünnhilde“ – so heißt das Objekt. Der renommierte Regisseur Achim Freyer schuf es für seine Inszenierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ überm großen Teich, in Los Angeles. So wie viele andere Exponate, die im Erdgeschoss und im Keller des Museums Heylshof hängen, zwischen niederländischen Stillleben und alten farbig gefassten Holzskulpturen aus der Sammlung. Olaf Mückain, wissenschaftlicher Leiter des Museums, spricht von einer „mutigen und spannenden Konfrontation“. Und das ist es. Da treffen flüchtig gemalte Skizzen und raumgreifende Textilplastiken auf alte Ölschinken. Und über die Bildschirme alter Röhrenfernseher, die auf dem Boden stehen und liegen, flimmern Freyers Inszenierungen in den USA. Doch nicht nur vorbereitende und begleitende Skizzen, Entwürfe, Puppen, raumgreifende Textilplastiken für Los Angeles sind zu sehen, sondern auch etliches, das zwischen 2011 und 2013 für seine Interpretation von Wagners „Ring“ am Nationaltheater Mannheim entstand. Zum Beispiel „30 Maskenentwürfe“. 30 übermalte Fotokopien, größtenteils gruselig, hängen dicht an dicht und zeigen, wie Freyer sich seine Darsteller in ihren Rollen vorstellte. So ist etwa Jürgen Müller mit gelbem Haar, rotem Ohr, blauem Auge und grotesk anmutendem Clownsgesicht zu sehen. So, wie der Darsteller schließlich auf der Mannheimer Bühne den Siegfrid gab. 2009/2010 legte Freyer an der Oper in Los Angeles einen gefeierten „Ring“ vor. 2011 bis 2013 war dann das Nationaltheater Mannheim an der Reihe. Freyer führte nicht nur Regie, nein, er gab auch noch den Bühnen- und Kostümbildner. Und er kümmerte sich ums Licht. Kurz gesagt: Er machte alles. Die Ausstellung im Museum Heylshof gibt einen guten Überblick über Freyers Schaffen. „Mit Freyer kommt endlich Richard Wagner in die Nibelungenstadt“, freut sich der Wormser Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek. Einige Requisiten aus der Mannheimer Inszenierung sollen künftig nämlich dauerhaft im sogenannten Sehturm des Nibelungenmuseums zu bestaunen sein. Das Nationaltheater macht’s möglich. Das Museum Heylshof präsentiert Achim Freyer als Bühnenmenschen, der bereits an vielen führenden Theatern Deutschlands und Europas inszenierte. Doch bevor er 1954 Meisterschüler von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble wurde, hatte er sich zum Grafiker und Maler ausbilden lassen. Als bildender Künstler war er zum Beispiel 1977 und 1987 auf der Kasseler Documenta vertreten. Darüber hinaus war er bis 2002 über 25 Jahre lang ordentlicher Professor an der Universität der Künste Berlin. Als bildender Künstler wird Freyer parallel zur Schau im Museum Heylshof bis 17. August im Kunstverein gefeiert. Kunst ist seine Leidenschaft, quasi seine Heimat. „Ich habe mein Leben lang Kunst gesammelt – aber ,gesammelt’ ist eigentlich falsch, sie ist mir zugeflogen“, berichtet Freyer, der im Frühjahr seinen 80. feierte, aber glatt 20 Jahre jünger wirkt. Er hat nicht nur eine Sammlung mit rund 2000 Werken aus dem 20. Jahrhundert – von Neo Rauch („Den kenn’ ich gut“) über Joseph Beuys bis hin zu Sigmar Polke und Salvador Dalí –, sondern greift auch selbst zum Pinsel oder Stift. Dafür zieht er sich dann in die Toskana zurück. Dort ist er auch jetzt gerade wieder. Dort ist Freyer frei, nicht an die Bühne gebunden. 44 Werke des Künstlers hängen im Kunstverein – und können gekauft werden. Die Preise liegen zwischen 800 und 18.000 Euro. Große Leinwände und kleine Papierarbeiten sind dabei. Mal mit Ölfarben gemalt, mal mit Kohle gezeichnet. Mal abstrakt, mal figurativ. Hier eine Aktdarstellung, da ein Farbrausch neben einer Landschaftsdarstellung. Jene frühe Bleistiftzeichnung aus den 1960er-Jahren, die relativ unscheinbar an einem Pfeiler hängt und einen akademisch gezeichneten Jüngling zeigt, geht da fast unter. Erst Recht im Vergleich mit jener 20-teiligen Arbeit, die 1996 entstand: „20 Köpfe, Nase in die Vergangenheit, Auge ins Jetzt, Ohr in die Zukunft.“ Die 20 Figuren, naiv gemalt, erinnern nicht nur an surrealistische Porträts Picassos oder Comicfiguren, die einem vertraut und zugleich doch fremd vorkommen, sondern vor allem an jene 30 angsteinflößenden Fratzen, die im rund 600 Meter entfernten Keller des Museums Heylshof hängen. Und so schließt sich der Ring.