Frankenthal Das tapfere Schneiderlein als Comedy

Wie das kleine, tapfere Schneiderlein Riesen und Einhörner besiegt und nicht zuletzt sieben dicke Fliegen auf einen Streich erledigt – das Berliner Theater Zitadelle brachte das mehrfach preisgekrönte Stück nach dem Märchen der Brüder Grimm am Freitagnachmittag in die Frankenthaler Zuckerfabrik.
„Das tapfere Schneiderlein“ war gleichzeitig der Auftakt der neuen Kindertheatersaison des Kinder- und Jugendbüros der Stadt. „Ich bin richtig froh, dass ich dieses Stück nach Frankenthal bringen konnte“, freut sich Elke Altmayer, die die Kindertheater-Reihe organisiert. Sie habe alles drangesetzt, dass dies möglich geworden ist. Und es hat sich gelohnt: denn das unter anderem in Wiesbaden und Göttingen ausgezeichnete Stück ist in der Spielweise von Daniel Wagner an die Comedy herangerückt, im besten Sinn. Mit viel Humor und Situationskomik spielt Wagner diesen kleinen Schneider, der mit Mut und Verstand zum König wird. „Es gibt nicht so viele Märchen über einen coolen Typen“, meint Wagner, „der Schneider ist klug und kommt ohne Probleme zu seinem Ziel, auch wenn er am Anfang noch gar nicht weiß, was sein Ziel ist.“ Die Geschichte ist gespickt von Gags und geschickt eingebettet in eine Rahmenhandlung. Erzählt wird sie vom Schneider selbst mit Berliner Schnauze, während er darauf wartet, dass seiner Prinzessin-Braut die Frisur für den großen Hofball gerichtet bekommt und das Kleid nachgebessert wird, denn die Taille der Prinzessin weitet sich – „Zwillinge“, verrät der Schneider, „zwei auf einen Streich“. Er hat also Zeit. Und versetzt sich zurück an den Anfang, als er in seiner Werkstatt saß, sich bei Frau Schmidt ein kleines Pflaumenmus kaufte, und das Schicksal seinen Lauf nahm mit sieben Fliegen, einer Zeitung, einem Gürtel, der die Heldentat verkündet. Und der ihm alle Türen bis zum Schlafzimmer der Prinzessin öffnet. Es sei nicht so, dass Kinder alle Gags verstehen würden. „Was sie nicht verstehen, das vergessen sie wieder“, weiß Wagner, „aber dafür haben auch Erwachsene ihren Spaß.“ Immer wieder neue Scherze bauen er und Regisseur Pierre Wagner in die Inszenierung ein, die so zu einem dynamischen Prozess wird. Denn anderes fällt wieder weg, „sonst würde das Stück viel zu lang. Mit fast einer Stunde ist es schon an der Grenze fürs Kindertheater.“ Und so gefallen den Kindern die Geräusche, mit denen Wagner sein Spiel begleitet, vom Knarren des Küchenschranks bis zum Zwitschern seines Zeisigs. Mit den tumben Riesen gibt es eine Slapsticknummer, der Kampf mit dem Einhorn ist als Silhouettentheater angelegt – „geil!“ ertönt dabei ein bewundernder Ruf aus dem Publikum. Für Schattentheater freilich braucht man Licht, eine Steckdose gibt es nicht – aber das Wildschwein an der Wand, könnte man da nicht die Nase benutzen? Wieder ein Witz, der sich direkt aus der Erzählung ergibt. Zwischendurch trötet Wagner beim Auftritt von Soldatenmarionetten die „Star Wars“-Musik, ein Wurzelzwerg taucht auf, der aber im Stück kaum eine Funktion hat – das sind dann Brüche und Witze, die eher auf die Eltern zielen. Und dann pupsen die Riesen. „Das ist überhaupt nicht mein Humor, da kann ich nicht lachen“, stellt der erzählende Schneider sofort klar. Um dann die Geschichte vom Wildschwein als gitarrenbegleitete Moritat zu singen, nicht, ohne vorher eine kleine Heavy-Metal-Einlage zu bringen. Überhaupt besticht die Inszenierung durch ihren Abwechslungsreichtum, der freilich nie ins Beliebige stürzt. Und sie spricht viele Ebenen an: Humor, direkter Witz bis zu feiner Ironie, subtiler Anspielung bis zu geradliniger Körperkomik. Dass der Schneider mit Vorname Helge heißt – das ist sicher nur Zufall. (müh)