Frankenthal
Das Erkenbert-Museum widmet sich dem Frankenthaler Porzellan der Nachkriegszeit
Wessel stammte aus dem thüringischen Rudolstadt, wo er Maschinen und Geräte für die Porzellanproduktion herstellte. 1949 machte das Arbeitsamt Ludwigshafen dem Flüchtling Frankenthal als Standort für eine Porzellanfirma schmackhaft und verwies auf die alte Tradition der Frankenthaler Manufaktur. Wessel erwarb das Gebäude Mahlastraße 35, heute Mehrgenerationenhaus. Am 1. September war Betriebsstart mit zunächst zwei Arbeitern und vier Angestellten. Nach wenigen Wochen waren es 30, 1953 schon 150.
Wessels Produkte waren keine Einzelstücke, sondern auf industrielle Größen ausgelegt. Die Fertigung unterteilte der Unternehmer in vielzählige Schritte. So waren auch Variationen möglich. Gut zu sehen in einer Vitrine mit Ballerinen und Flamencotänzerinnen. Die Figuren sind gleich, aber die Stellung etwa der Arme unterscheidet sich. Der Zeitzeuge Josef Böhm kennt alle Produktionsschritte vom Ansetzen des Schlickers, der Porzellanmasse für den Guss, übers Formen und Bossieren bis zum Brennen. 1955 begann er mit 14 Jahren bei Wessel seine Lehre als Formenbauer. Der überwiegende Teil der Arbeitskräfte waren allerdings Frauen, erinnert er sich. Auch auf den Fotos aus der Produktion oder in der Pause sind nur Mitarbeiterinnen zu sehen.
Wessel produzierte Kunst-, Zier-, Gebrauchs- und Industrieporzellan. Zu sehen sind in der Schau jetzt Vasen, Kerzenhalter, Dosen, Geschirr, aber vor allem Figuren – die Exponate stammen aus dem Museumsbestand, aber es gibt auch Leihgaben von Bürgern, darunter der Frankenthaler Sammler Peter Baader. Zu sehen sind plastische Wandbilder, einzelne Standfiguren, aber auch ganze Szenerien, etwa eine höfische Gesellschaft am Piano. Es gibt Ballerinen, Soldaten, Tiere, historische Persönlichkeiten wie George Washington, Biedermeier- oder Rokoko-Motive. Und natürlich viel Tüll und Spitzenbesatz. Dieser war charakteristisch für Wessels Figuren. Erklärt wird auch, wie die Spitzen entstanden: Baumwollspitze wurde beidseits dünn mit Porzellanmasse bestrichen und an der Figur in Falten gelegt. Beim Brand blieben nur die Porzellanspitzen zurück. „Die zerbröseln leicht“, warnt Böhm.
Warum Wessel an vergangene Epochen anknüpfte, erklärt Museumsleiterin Maria Lucia Weigel damit, dass die Erinnerung an das 18. Jahrhundert eben positiv gewesen sei. Formen aus der alten Frankenthaler Manufaktur hatte Wessel aber nicht. Der Großteil seiner Produktion ging in die USA. Schon 1958, nach nur neun Jahren, aber schloss der Unternehmer seinen Betrieb. Warum, das ist nicht bekannt. Für den Gesellen Josef Böhm hieß das umschulen.
Noch Fragen?
„Porzellan? Wessel!“ ist bis 9. März im Erkenbert-Museum Frankenthal zu sehen, geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 14–18 Uhr, Dienstag, 10–18 Uhr. Der Eintritt ist frei.