Frankenthal
Coronavirus: Vom Musterschüler zum Hotspot?
Stand 1. Februar, 14.10 Uhr: Speyer 65,3, Frankenthal 133,3. Wie kommt es, dass vergleichbar große Städte in einer Region bei den auf 100.000 Einwohnern hochgerechneten Infektionszahlen der vergangenen sieben Tage um den Faktor zwei auseinanderliegen? Und warum steigen in einer Stadt entgegen den allgemeinen Trend die Zahlen nach dem massiven Rückgang seit Weihnachten wieder an? Um es vorwegzunehmen: Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen zur besonderen Situation in Frankenthal ist derzeit offenbar schwierig.
„Eine allgemeingültige Erklärung für regionale Unterschiede gibt es nicht“, betont ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums am Montag auf Anfrage. Er hat zumindest zwei Ansätze, warum sich Zahlen gebietsweise stark unterscheiden. Nummer eins: Bei kleineren Kommunen können Ausbrüche, etwa in einer einzelnen Einrichtung, das Infektionsgeschehen prägen und damit auch die Zahlen nach oben treiben. Nummer zwei: Frankenthal gehöre zur Region um Ludwigshafen, die längere Zeit am stärksten von Corona betroffen war. „Wie schnell die Zahlen zurückgehen, kann auch davon abhängen, ob die hohe Inzidenz zuvor stärker durch diffuses Geschehen als durch eingrenzbare Ausbrüche (...) bestimmt wurde“, heißt es aus Mainz.
Alle Altersklassen dabei
Stark vereinfacht bedeutet das: Liegen auf einen Schlag viele positive Tests etwa in einem Pflegeheim vor, steigt der Sieben-Tages-Wert stark an. Und fällt dann relativ schnell wieder, sobald diese Fälle ohne zahlreiche Folgeinfektionen mit der Zeit aus der Berechnung der Inzidenz herausfallen. Solche Ereignisse hat es aber in Frankenthal, zumindest in Heimen, Schulen oder Kitas, schon länger nicht mehr gegeben. Und die bei zwei Reihentestungen vor inzwischen fast zehn Tagen in der Stadtklinik aufgedeckten rund 50 Ansteckungen reichen zur Erklärung der aktuellen Inzidenz nach Einschätzung der Stadtverwaltung nicht aus, weil viele der Betroffenen gar nicht hier wohnen.
Bleibt also das diffuse Geschehen, die keinem bestimmten Ereignis oder Ort zuzuordnende Verbreitung von Sars-CoV-2. Und dazu gibt es – irgendwie fast logisch – nur Vermutungen: „Es ist davon auszugehen, dass alle Teile der Bevölkerung betroffen sind und dass zurzeit sehr viele Übertragungen bei Kontakten innerhalb der Familie und im privaten Bereich stattfinden“, schreibt das Ministerium auf die RHEINPFALZ-Frage. Diese Einschätzung bestätigt die Stadtverwaltung mit den ihr vorliegenden Erkenntnissen: „Die Neufälle ziehen sich durch alle Altersklassen von vier bis 100 Jahre und verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet – auch Vororte oder Kernstadt“, berichtet Pressesprecherin Xenia Schandin.
Stadt: Hohe Akzeptanz
Tatsächlich hofft die Stadt darauf, die Rolle des Spitzenreiters beim Inzidenzwert in der Pfalz und landesweit bald wieder los zu sein. Der Grund dafür: Die Sieben-Tages-Rate sinkt wieder. Und ohne den in der Statistik der Landesbehörden nachvollziehbaren Ausreißer am vergangenen Freitag, als 21 Neuansteckungen gemeldet wurden, läge Frankenthal „wahrscheinlich wieder unter 100“. Für das Phänomen, dass die Zahlen im Vergleich zu den benachbarten Kommunen weniger stark gefallen beziehungsweise ab dem 19. Januar wieder gestiegen seien, habe das Gesundheitsamt aber keine Erklärung. Von der für die Städte Frankenthal, Speyer und Ludwigshafen sowie den Rhein-Pfalz-Kreis zuständigen Behörde war am Montag keine direkte Stellungnahme oder Einschätzung zu bekommen.
Fürs Weiterreichen des Coronavirus im privaten Umfeld spricht die von knapp elf Monaten Erfahrung mit der Pandemie geprägte Beobachtung des hiesigen Ordnungsamts, wonach „der überwiegende Anteil der Frankenthaler sich im öffentlichen Raum an die Vorgaben hält“. Viele Kontrollgänge seien unter der Kategorie „ohne Beanstandung“ erfasst. Auch beim landesweiten Kontrolltag vergangene Woche habe sich den Beamten kein anderes Bild geboten. Gemessen an der geringen Anzahl von Verstößen, könne man auf eine hohe Akzeptanz der in der Corona-Verordnung des Landes und der Allgemeinverfügung der Stadt festgeschriebenen Regeln schließen.
Abstimmung mit Land
Und dass diese Vorgaben in Kombination wirken, das sieht die Stadt durch den Rückgang der einschlägigen Werte von der Rekordinzidenz 324 ,0 vor Heiligabend auf 96,4 Mitte Januar belegt. So oder so – das vom Land an Regeln wie beispielsweise die in Frankenthal seit Dezember gültige Ausgangsbeschränkung über Nacht geknüpfte Ziel lautet: bis zum 14. Februar eine Inzidenz von höchstens 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern pro Woche zu schaffen. Das war übrigens zuletzt im Oktober der Fall.
Es gibt aber eine Hürde, die Frankenthal laut Ministerium schon vorher nehmen müsste: „Die Landkreise und kreisfreien Städte wurden vergangene Woche informiert, dass eine Sieben-Tages-Inzidenz von 100 oder mehr zum Stichtag Mittwoch, 3. Februar, die Abstimmung über zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich macht.“