Frankenthal
Containern: Frankenthaler Händler hadern mit Haftungsfragen
Was macht der Lebensmittel-Einzelhandel in Frankenthal mit Nahrungsmitteln, die nicht mehr verkauft werden können? Und wie steht er zum Phänomen des Containerns: das Durchsuchen der Müllbehälter von Geschäften nach Essbarem? Eine Umfrage bei Supermärkten und Discountern.
Lebensmittel aus Containern zu fischen, ist strafbar, doch kürzlich hat Till Steffen, grüner Justizsenator der Hansestadt Hamburg, einen Vorstoß in Richtung Straffreiheit unternommen. Beim Containern geht es um Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung auf der einen, Tagesfrische und Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit auf der anderen Seite. Andererseits: Laut einer Studie der Uni Stuttgart stammen nur fünf Prozent der Lebensmittelabfälle aus dem Handel, 60 Prozent jedoch aus Privathaushalten.
Bei Edeka Stiegler will man sich zum Thema Containern nicht ausführlicher äußern. Man achte, so Marktbetreiber Sven Stiegler, auf ein stimmiges Verhältnis von Bestellung und Verkauf, um die sogenannte Abschriftenquote bei Lebensmitteln niedrig zu halten. Ware werde zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums zu reduzierten Preisen angeboten.
Globus sieht Chance für Hilfe
Bei Globus Bobenheim-Roxheim stünde man dem Thema Containern anders gegenüber, „wenn die Haftungsfrage auch bei verdorbener Ware nicht auf den Inverkehrbringer, sondern auf den Containernden übergeht“. Bedürftigen würde damit geholfen und „noch haltbare oder gut erhaltene Lebensmittel“ würden „einer sinnvollen Verwendung zugeführt“, teilt ein Sprecher mit. Containern sei bei Globus nicht möglich, da Lebensmittelreste nicht frei zugänglich seien. Man disponiere „bedarfs- und abverkaufsgerecht“, verarbeite Lebensmittel kurz vor Ablauf ihrer Mindesthaltbarkeit in der hauseigenen Gastronomie oder verschenke sie an Mitarbeiter.
Dringend vom Containern rät Andrea Kübler von der Pressestelle der Kaufland-Stiftung Neckarsulm ab, „da wir keine Haftung für die Unversehrtheit der Gesundheit übernehmen können“. Man setze auch beim Markt in der Wormser Straße in Frankenthal auf gezielte Planung durch Warenwirtschaftssysteme, um Lebensmittelverlusten vorzubeugen. Es gibt Preisreduzierungen kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums sowie bei frischem Obst und Gemüse täglich kurz vor Ladenschluss. Entsorgt würden bei Kaufland nur beschädigte, verdorbene und für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignete Waren.
Planung soll Verluste minimieren
„Keine nennenswerten Probleme mit Mülltauchern“ hat man bei Rewe und Penny. Bei den Supermärkten der Rewe-Gruppe und den Discountfilialen Penny setze man für punktgenaue Bedarfsplanung auf „moderne Prognosesysteme“ und „automatisierte Bestellverfahren“, so Pressesprecher Thomas Bonrath, sodass nach seinen Angaben 99 Prozent aller Lebensmittel verkauft würden. Preisreduzierungen von 30 Prozent werden über die App „ToGoodToGo“ kommuniziert. In die Müllcontainer, die „im geschützten Bereich des Betriebsgeländes“ stehen, wanderten lediglich verdorbene und kühlpflichtige Waren sowie Lebensmittel mit Verbrauchsdatum wie Frischfleisch und -fisch.
Bei Aldi Süd setzt man laut Pressesprecher Tobias Neuhaus gegen Lebensmittelverschwendung auf Verbrauchersensibilisierung: seit 2018 mit dem Aufdruck „Riech mich! Probier mich! Ich bin häufig länger gut!“ auf Frischmilch- und Käseverpackungen, seit 2017 mit Obst und Gemüse als loser Ware zum Abwiegen und mit Einführung der „krummen Dinger“, Obst und Gemüse der Handelsklasse 2. Das Containern werde bei Aldi Süd nicht geduldet, Müllbehälter seien nur Mitarbeitern zugänglich.
Preisrabatte und Aktionswochen
„Kein Thema“ sei das Containern bei Lidl, betont Pressesprecherin Melanie Pöter. Zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung engagiere man sich bei „Save Food“, einer gemeinsamen Initiative des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep), der Messe Düsseldorf und der Verpackungsmesse Interpack. Verdorbene und nicht mehr verkaufsfähige Waren würden über Container entsorgt oder „zur Herstellung von Bio-Methan in Biogasanlagen abtransportiert“. Mit Aktionswochen wie der unter dem Titel „Keiner ist perfekt“ setzt man bei Netto auf Aufklärung und habe in 4260 Filialen seit 2013 bislang 11.000 Tonnen heimisches Obst und Gemüse mit Schönheitsmakeln verkaufen können.
Die Nürnberger Lebensmittelkette Norma – in Frankenthal mit zwei Filialen vertreten – setzt auf „rollierende Sortimentsoptimierung“, ermittle so die Umschlagsgeschwindigkeit von Waren und ziehe sogenannte Ladenhüter aus dem Verkehr. Überbestände würden durch Zweitplatzierungen abverkauft und Artikel mit Restlaufzeit drei Tage zuvor preisreduziert angeboten. Gemeinsam mit der Hochschule Deggendorf hat Norma nach eigenen Angaben für die Dispositionslogistik ein Prognoseverfahren entwickelt, das für „eine nahezu deckungsgleiche Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage“ sorge, betont Pressesprecherin Katja Heck.
Märkte kooperieren mit Tafeln
Mit den Tafeln arbeiten nahezu alle Lebensmittelketten zusammen: Bei Edeka, Globus, Kaufland, Rewe, Penny, Aldi Süd, Lidl und Netto wird verzehrfähige Ware täglich oder zweimal wöchentlich abgegeben. Darüber hinaus erhalte das Tierheim Frankenthal von Globus Futterspenden. Die Rewe-Supermärkte waren nach ihrer Darstellung die ersten der Branche, die 1996 mit lokalen Tafel-Initiativen zusammenarbeiten. Penny habe 2007 nachgezogen. Darüber hinaus unterstützte Netto im vergangenen Jahr die Tafeln mit 45.000 Euro aus einer Spendeaktion über Flaschenpfandbons.