Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Bobenheim-Roxheim: Cellistin Marie Spaemann gibt Kirchenkonzert

Spielt normalerweise in wesentlich größeren Städten: Cellistin Marie Spaemann.
Spielt normalerweise in wesentlich größeren Städten: Cellistin Marie Spaemann. Foto: Andrej Grlic/Frei

Klassik und Pop sind häufig hermetisch von einander getrennte Welten. Als Grenzgängerin bewegt sich die Cellistin Marie Spaemann zwischen diesen beiden Genres. Am 25. November spielt die junge Österreicherin in Bobenheim-Roxheim. Ein Gespräch über Effekte, Experimente und die Entdeckung dessen, was man selbst will.

Frau Spaemann, Sie sind mit klassischer Musik aufgewachsen, haben früh damit angefangen und mit sehr gutem Erfolg eine klassische Ausbildung gemacht. Was hat Sie dann bewogen, über die Klassik hinaus zu gehen?
So sehr mir die Klassik Spaß gemacht hat und immer noch macht, habe ich dabei den kreativen Aspekt vermisst. Irgendwann hat es mir nicht mehr genügt, ein Cellokonzert bis zur Perfektion zu üben. Ich wollte selbst musikalische Gedanken kreieren. Es hat lange gedauert, bis ich mich da rangetraut habe. Ich habe dann gemerkt, dass ich auch singen möchte und in den Jazz hineingeschnuppert. Ich habe Jazzunterricht genommen und zu Standards gejammt, mir eine Loopstation gekauft und damit experimentiert. Das will ich nicht ausschließlich machen, aber es hat mich motiviert, selbst zu schreiben.

Ich kenne klassische Musiker, die sich für Jazz interessieren. Dann sagt ihr Lehrer, sie könnten nicht beides machen und müssten sich entscheiden. Wie war es bei Ihnen?
Ja, das gibt es oft. Bei mir war das aber ein Jahr nach meinem klassischen Abschluss. Da war ich schon als klassische Cellistin gut unterwegs. Dann habe ich eine lange Reise gemacht, vier Wochen ohne Cello durch Ghana. Als ich zurück kam, hatte ich die Klarheit, dass mir etwas fehlt und ich mir weiteren Input holen möchte. Das war 2012. Dann begann eine intensive Such- und Lernphase und 2014 entwickelte ich eigene Formen. 2015 habe ich dann erstmals eigenes Material veröffentlicht.

Auf ihrem Album gibt es ein paar Mehrspur-Effekte, wie machen Sie das live?
Ich mache das mit einer Loopstation, aber ich bin auch schon wieder von den Effekten weg gekommen. Das Album ist stärker auf Stimme und Cello konzentriert, als es noch die EP war. Ich verwende Loops nur noch als Farbe, so dass man das oft gar nicht bewusst wahrnimmt, wenn Sachen gedoppelt werden.

Mir gefällt an Ihrem Album besonders gut, dass die Musik viel Raum lässt und man nicht mit Studio-Effekten und Mehrspur-Aufschichtungen zugeschüttet wird.
Das war auch meine Idee. Ich musste auch erst herausfinden, dass weniger oft mehr ist. Denn natürlich macht es Spaß, im Studio zu experimentieren. Ich hatte mich tatsächlich ein bisschen verloren in diesen vielen Möglichkeiten. Die meisten Songs hatte ich mal viel stärker produziert aufgenommen, aber dann gemerkt, dass ich mich darin nicht finde. Also habe ich fast alles noch einmal aufgenommen und reduziert. Es war ein weiter Weg ... (lacht)

Sie haben auch die Texte geschrieben. Ich finde, Musik und Text geben ein sehr homogenes Gesamtbild. Wie entwickeln Sie ihre Themen?
Ja, hmmm ... das Leben (lacht), daraus schöpfe ich. Und das Schöne ist, dass ich eben beides mache und dadurch etwas schaffen kann, in dem ich mich wiederfinde.

Nun ist die Konkurrenz in der Klassik ja sehr hart. Welche Reaktionen gab es, als sie mit ihren eigenen Sachen aufgetreten sind?
Es gab Leute, die fragten, ob ich überhaupt noch Klassik mache. Und vielleicht hat der ein oder andere gedacht: „Wenn sie weg ist, gibt es mehr Platz für mich.“ In Jazz und Pop gab es Leute, die sagte: „Du groovst ganz gut – für eine Klassikerin.“ Und so saß ich eine Zeit lang zwischen beiden Lagern. Aber da musste ich wohl durch, bis ich für mich selber sicher war, dass ich zu beiden Lagern gehöre. Und jetzt kommen Veranstalter gerade deshalb auf mich zu.

In Pop und Jazz wird ja das Cello inzwischen immer beliebter ...
Das stimmt. Dazu haben Gruppen wie 2Cellos beigetragen. Ich habe gemerkt, dass die Hingabe und Genauigkeit, mit der Klassiker arbeiten, im Pop-Bereich sehr geschätzt wird. Im Jazz kenne ich meine Grenzen. Ich kann einen Blues improvisieren oder ganz frei spielen, aber ich bin keine Jazz Cat.

Werden Sie sich irgendwann entscheiden müssen, zwischen eigener Musik und Klassik?
Ich würde immer eines von beiden vermissen. Auf Klassik könnte ich nie verzichten, weil es so wunderbare Werke gibt. Aber das eigene kreative Schaffen würde mir auch fehlen. Interview: Gereon Hoffmann

Termin

Marie Spaemann spielt am Montag, 25. November, 19.30 Uhr, in der protestantischen Kirche Bobenheim-Roxheim, Bobenheimer Straße 19. Tickets gibt es im Vorverkauf unter Telefon 0176 27270035.

Zur Person

Sie ist mit Filmkomponist Hans Zimmer bei dessen Livekonzerten als Solocellistin unterwegs, spielt als klassische Cellistin mit großen Orchestern auf internationalen Bühnen – und jetzt hat Marie Spaemann als Singer/Songwriter mit Cello ein eigenes Album veröffentlicht. „GAP“ ist ein spannendes Werk, das Gesang, Text und Cellospiel zu einer faszinierend eigenständigen Musik verbindet. Spaemann wurde 1988 in Wien geboren. Inspiriert von ihrer Mutter, einer Pianistin und Musikpädagogin, begann sie mit sieben Jahren das Cellospiel. Das Cello-Studium schloss Spaemann mit dem Master ab. Mit 21 Jahren gewann sie den renommierten Internationalen Johannes-Brahms-Wettbewerb in Pörtschach. 2011 begann Spaemann, eigene Stücke zu schreiben und sich für Jazz und Pop zu öffnen. Ihre Konzerte haben neben ihrer eigenen Musik immer auch klassische Werke im Programm.

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