Mannheim
Blutspur rechter Gewalt durch Deutschland: Asal Dardan mit „Traumland“ bei Lesen.Hören
Was macht ein Akt der Gewalt mit einem Ort, mit einer Stadt und ihren Menschen? Asal Dardan hat sich diese Frage gestellt, hat für ihr neues Buch solche Orte aufgesucht, eine „Topografie der Gewalt“ erstellt. „Ich suche Zeitspuren im Raum, suche Schauplätze und Tatorte“, schreibt sie im Prolog von „Traumaland“. Sie folgt dabei einer „Blutspur“ rechter Gewalt, die quer durch Deutschland führt, Erlangen, Eberswalde, Hoyerswerda, Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Dessau, Nürnberg, München, Hanau, Halle zählt sie auf. „Es gibt viele Menschen, denen nicht erklärt werden muss, wie diese Karte entstanden ist. Sie wissen, vergangen sind Ereignisse, nicht der Schrecken. Vergangen sind die Taten, aber nicht die Traumata.“
Bei ihrer Lesung und dem Gespräch beim Mannheimer Literaturfestival in der Alten Feuerwache erscheint die 47-jährige Deutsch-Iranerin als eine sympathische, freundliche lächelnde Frau, aber man merkt bald eine Anspannung, eine Sorge vielleicht, ihr Anliegen deutlich genug klarmachen zu können, eine Wut auch, dass sich die Missstände, die sie anprangert, nicht so schnell ändern werden. Es geht ihr um weit mehr, als die neuerliche Auflistung von Orten, an denen sich rechte Gewalttäter Opfer vor allem unter Menschen mit Migrationshintergrund gesucht haben. Ihr reicht es nicht, dass Täter verurteilt werden, sie fragt nach unserem Umgang mit Taten und Opfern, nach unserer Erinnerungskultur und den Folgen, die es hat, wenn diese nicht gelingt.
Deutschlandreise der besonderen Art
Asal Dardan wurde 1978 in Teheran geboren. Ein Jahr später beendete die islamische Revolution die Herrschaft des Schahs im Iran. Dardans Vater hatte für das Schah-Regime gearbeitet und musste mit seiner Familie das Land verlassen. Als Flüchtlinge kamen sie nach Deutschland, eine Hochhaussiedlung in Köln-Höhenberg wurde ihr neues Zuhause. In ihrem ersten, 2021 erschienenen Buch „Betrachtungen einer Barbarin“ hat Asal Dardan Etappen der eigenen Lebensgeschichte zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit der Situation des Fremdseins gemacht. Erfahrungen des eigenen Lebens vermischen sich dort mit essayistischen Überlegungen zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus.
Eine ähnliche, aber weniger biografische Form wählt sie auch in ihrem neuen Buch, unternimmt eine Deutschlandreise, berichtet von ihren Erfahrungen und Recherchen, versucht aber vor allem, das Vorgefundene zu ordnen, zu klären, zu vertiefen. Zwei der vier Orte, die im Buch ausführlicher behandelt werden, waren ihrer Biografie geschuldet, erzählt sie im Gespräch mit Festivalleiterin Insa Wilke, die für die erkrankte Samira El Ouassil die Moderation übernommen hatte. In Köln hatte sie Kindheit und Jugend verbracht, Berlin ist bis heute ihr Wohnort, wenn sie sich nicht bei ihrer Familie auf Öland in Schweden aufhält. In Berlin habe sie nur aus dem Haus treten müssen, um auf Stolpersteine zu treffen, die an jüdische Familien erinnerten, die dort gelebt hatten und von den Nazis verschleppt und ermordet wurden.
Versteckte Gedanktafeln
Im Untertitel hat Dardan ihr Buch „Eine Spurensuche in deutscher Vergangenheit und Gegenwart“ genannt, es geht ihr also um das Sichtbarmachen unterschiedlicher Zeitebenen, die sich ihrer Ansicht nach bedingen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus gegen Minderheiten haben bis heute Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen, immer wieder führt rechtsextremes Denken zu Gewalt, zu der Mordserie des NSU, den rassistischen Morden in Hanau und einer langen Liste weiterer Gewalttaten.
Dass diese Spirale rechter Gewalt nicht endet, dafür gibt Asal Dardan auch der aus ihrer Sicht unzureichenden Erinnerungskultur die Schuld. Da reiche es eben nicht Gedenktafeln anzubringen, die wie in Hoyerswerda dazu versteckt und nur mit Navi-Unterstützung zu finden seien. „Gedenkstätten können nur der Ausgangspunkt einer Aufarbeitung sein“, sagt sie in Mannheim, „entscheidend ist die Praxis“. Als Beispiel nennt sie den Umgang mit den Sinti und Roma, die von den Nazis ermordet wurden und heute immer noch diskriminiert würden. Auch der Umgang mit den Familien der Opfer rechter Gewalt, wird von ihr kritisiert. Nach einer Gedenkfeier in Hanau sei eine über die aus ihrer Sicht unzureichende Aufarbeitung der Tat aufgebrachte Mutter eines der Opfer von einer ehemaligen Bürgermeisterin in einem offenen Brief zu Mäßigung und Versöhnung aufgefordert worden. „Ich kann ihre Wut verstehen“, sagte Dardan.
Natürlich wurde Asal Dardan auch zum aktuellen Anschlag mit Toten und Verletzten in Mannheim gefragt, was der für die Stadtgesellschaft bedeute Die Spezialistin für rechte Gewalt tat sich da sichtlich schwer, eine Antwort zu finden. Die Amokfahrt eines nach jetzigem Stand offenbar psychisch gestörten Menschen passte nicht in ihr Erklärungsmuster. Mit dem Hinweis auf die „Unterversorgung psychisch Kranker“ wollte sie aber auch hier die Gesellschaft nicht freisprechen von Mitschuld.