Frankenthal Billy-Regal hinter schwedischen Gardinen

Placeholder-Image

Subtil und mit eher leisen Tönen stellt der Liedermacher Alex Entzminger gesellschaftliche Missstände an den Pranger. In seinem neuen Programm „Zwischen Marx und Moritz“, mit dem er am Samstag im Theater Alte Werkstatt (TAW) gastierte, kamen auch poetische Einwürfe und Wortspielereien nicht zu kurz.

Obwohl Entzminger inzwischen in Karlsruhe lebt, ist das nachhaltige Bekenntnis zu seiner Pfälzer Heimat für ihn Ehrensache. Vor rund 40 Zuhörern offenbarte der stimmlich etwas angeschlagene Musikkabarettist gleich zu Beginn seine Einstellung zu Nachbarn, die keine Freunde sind und daher das Spiel mit der E-Gitarre nachts um halb drei zu ertragen haben. Von der Vorliebe für Handwerker aus dem Osten – „weil sie weniger kosten“ – schlug er den Bogen zu den Arbeitsbedingungen in Ostasien, wo für des Kaisers neue Kleider der Bettelmann ausgebeutet werde. Auch mit der Coffee-to-go-Mentalität, unkontrolliertem Wachstum und der Oberflächlichkeit menschlichen Seins rechnete Entzminger ab: „Alles Einweg, keine Rücknahme, keine Rücksichtnahme.“ Spielend schaffte er den gedanklichen Sprung von weltpolitischen Phänomenen und der „Generation Praktikum“ zu Beziehungskisten, zur großen Liebe und deren Folgeerscheinungen, um dann nicht mehr ganz taufrische Erinnerungen an ein Klassentreffen („Was macht eigentlich die rothaarige Rebecca?“) aufzutischen. Und ganz nebenbei verriet der 42-jährige Südpfälzer, dass er eigentlich Punkmusiker werden wollte, sich aber nie so recht getraut habe. Beim Thema Großkonzerne, die sich in unser Leben einmischten, war für Entzminger Schluss mit lustig. Mit dem Song „Zehn geklonte Rinder stehen in Amerika“ sagte er TTIP, dem Transatlantischen Freihandelsabkommen, den Kampf an. Und für Ikea und sein Billy-Regal erfand er den Reim: „Ich lass’ mich gern bedienen, hinter schwedischen Gardinen.“ Mitunter recht ausgefallen sind Entzmingers Einfälle. Sein Wortwitz zwingt den Zuschauer nicht selten, ein wenig um die Ecke zu denken – etwa wenn er den Flugmodus eines iPhones beim Sturz auf den Fahrradweg erklärt oder Essen auf Rädern als transportable Stadt definiert. Voller Ironie steckte sein vermeintlich von den Raststätten gesponserter Autobahnsong in Endlosschleife „Ich stehe an der A 1, ein Auto fährt keins“. Mit seiner Geschichte vom Graffiti-Entferner, bei dem sich „Nieder mit dem Kapitalismus“ langsam auflöst, bewies er auch gesellschaftskritischen Tiefgang. Die meisten Lieder und Texte hat Entzminger im Dialekt geschrieben, weil er der festen Überzeugung ist, dass Pfälzisch das Englische als Weltsprache noch ablösen wird. Wenn er sein „Ich bin vorne wie hinne“ anstimmt, weiß jeder, dass die Aussage nicht anatomisch zu verstehen ist, sondern eine Charaktereigenschaft beschreibt. Viel Herzblut und noch mehr Poesie steckt in seinen Balladen über die wohltuende Stille im Pfälzerwald („Für Handys kein Empfang“) und den legendären „Gutselstand uff de Dannstadter Höh“. Fehlte als Zugabe nur noch sein ehrgeiziger Plan, Bananen in der Pfalz anzubauen. (eec)

x