Frankenthal „Büchereien wandeln sich“
Meinung am Mittwoch: Seit gut einem halben Jahr arbeitet Dorle Voigt als Medienpädagogin in der Frankenthaler Stadtbücherei. In ihrer neuen Rolle will die 39-Jährige das klassische Buch mit den neuen Medien verbinden. Das eröffne viele neue Möglichkeiten, glaubt die Rheinhessin. Und sei letztlich vielleicht auch notwendig, um die Bücherei langfristig für Besucher attraktiv zu halten.
Ich würde nicht sagen, dass sich die Dinge grundlegend geändert haben, es ist vielmehr einiges Neues hinzugekommen. Zeitgleich mit meiner Einstellung wurde die Frankenthaler Stadtbücherei mit zehn weiteren Bibliotheken für ein Pilotprojekt des Landes Rheinland-Pfalz ausgewählt, bei dem verstärkt Tablets eingesetzt werden sollen. Zwei solcher Veranstaltungen haben wir bisher durchgeführt: Einmal erstellten wir mit Grundschülern ein digitales Buch am Tablet. Mit Achtklässlern produzierten wir einen Podcast zum Thema Müll. Dafür haben wir vom Landesbibliothekszentrum zusätzliche Tablets bekommen, um mit ganzen Schulklassen arbeiten zu können – aktuell haben wir sieben Stück. Diese Tablets spielen auch bei der neuen Veranstaltungsreihe „Stadtbücherei digital“, die am 1. Februar beginnt, eine wichtige Rolle. Trägt die neue Reihe Ihre Handschrift? Einerseits ja, andererseits sind das alles Themen, die in der Stadtbücherei schon präsent sind und die wir mehr in den Fokus rücken wollen. Nehmen wir als Beispiel die „Onleihe“, also das Ausleihen von eBooks und eAudios. Das gibt es bei uns schon lange, trotzdem haben einige Leser noch nie im Online-Katalog recherchiert, Bücher online verlängert oder eBooks ausgeliehen. Ihnen wollen wir die Angst nehmen und zeigen, dass ein eBook auch Vorteile hat: Man kann es bequem von Zuhause ausleihen und muss nicht in die Bücherei kommen. Sind die Frankenthaler denn grundsätzlich zurückhaltend, was die Ausleihe digitaler Medien angeht? Nein, das kann man nicht sagen. Uns geht es darum, denen, die die digitalen Möglichkeiten noch nicht kennen, das Angebot näher zu bringen. Das ist die Idee hinter der Veranstaltungsreihe: Wir wollen die digitalen Angebote bekannter machen und den Einstieg erleichtern. Teil der neuen Veranstaltungsreihe ist auch das Thema „Gaming“. Benutzer können an einem Termin aktuelle Spiele an Konsolen und Handhelds in der Bücherei testen. Wieso haben Sie diesen Bereich aufgegriffen? Viele Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene interessieren sich für Computerspiele. Es gibt aber viele Eltern und Großeltern, die sich damit noch nicht auskennen. Ihnen wollen wir zeigen, was die Jungen daran so begeistert. Für die Kinder und Jugendlichen wollen wir den Themenbereich künftig auch erweitern: Im März eröffnen wir eine Gaming-Station. Mit der Planung wurde schon im vergangenen Jahr begonnen, Förderanträge für zwei Konsolen und eine VR-Brille wurden gestellt. Veranstalten wollen wir dann regelmäßige Clubs, in denen sich Jugendliche treffen, zusammen spielen und austauschen können. Worin sehen Sie den pädagogischen Mehrwert in Computerspielen? Wir wollen schon versuchen, Spiele anzubieten, die man zu zweit oder im Team spielen kann. Außerdem kann man „Gaming“ auch als Kulturgut betrachten. Solche Spiele erzählen viele tolle Geschichten, auf denen man aufbauen kann, die man weiterentwickeln kann – zum Beispiel zu einem Film. Aus dem Computerspielen kann sich so also auch eine weitere Beschäftigung mit beispielsweise der Heldenfigur einer Geschichte entwickeln. Onleihe, Tablets, Computerspiele: Wo könnte das Angebot der Stadtbücherei künftig noch hingehen? Das „Making“ (Deutsch: Machen) und das „Coding“ (Deutsch: Programmieren) zählen aktuell zu den wichtigsten Themen in der Medienpädagogik. Künstliche Intelligenzen, Roboter, Programmiersprachen und die dafür nötige Medienkompetenz werden in der Gesellschaft stark diskutiert. So vieles ist in unserem Alltag programmiert, aber kaum jemand weiß, wie beispielsweise ein Algorithmus funktioniert. Da kann auch die Stadtbücherei anknüpfen und Angebote machen. Wie kann die Stadtbücherei komplexe Themen wie Programmiersprachen für Schüler aufbereiten? Da gibt es tolles Material und viele Programme. Zum Beispiel eines, bei dem Kinder an einem Laptop oder Tablet in verschiedene Programmiersprachen reinschnuppern, und ein eigenes Lied oder ein Spiel programmieren. Auch Drohnen kann man schon recht simple Befehle geben und sagen: Fliege hoch, fliege nach rechts, fliege nach unten. Das bricht den komplexen Prozess auf einzelne Schritte herunter. So etwas könnte ich mir gut in einem Workshop vorstellen. Ebenso das Basteln mit Dioden oder Ähnlichem. In diesen Bereichen würde ich mich künftig gerne noch stärker einarbeiten. Sehen Sie darin auch Ihre Rolle als Medienpädagogin? Schon. Ich versuche, eine Verknüpfung zwischen dem Buch, der Literatur und der Sprache, also den klassischen Themen einer Bücherei, und den neuen Medien herzustellen. Mit meiner medienpädagogischen Arbeit möchte ich die Ziele der Bücherei stärken und bereichern, ohne dass sie verlorengehen. Ist das digitale Angebot der Bücherei notwendig, um attraktiv zu bleiben? Büchereien wandeln sich grundsätzlich, so wie alles andere in unserem Leben. Das müssen sie vielleicht sogar. Als Stadtbücherei will man für die Bürger natürlich relevant sein. Wir wollen attraktiv und sinnstiftend sein, wollen, dass Leute unser Angebot wahrnehmen. Zumindest vonseiten der Schulen bekommen wir immer wieder signalisiert, dass es dort großen Bedarf gibt, den Anspruch an digitale Bildung und Medienkompetenz zu unterstützen. Der einzelne Bürger hat, glaube ich, ganz individuelle Wünsche. Da müssen wir als Bücherei herausfinden, wo wir ansetzen und was wir bieten können und müssen. Da bin ich sehr gespannt. Termine Beginn der Veranstaltungsreihe „Stadtbücherei digital“ist am Freitag, 1. Februar, 10 bis 12 Uhr, Welschgasse 11. Thema ist die Onleihe. Erwachsene können sich ab sofort persönlich oder telefonisch anmelden unter 06233 89630. Am Freitag, 5. April, geht es um das Thema „Gaming“. Um Virtual und Augmented Reality dreht sich die Veranstaltung am Freitag, 14. Juni (beide 10 bis 12 Uhr). | Interview: Anne Lenhardt