Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Ausgangssperre: Tour durch eine fast menschenleere Stadt

22.40 Uhr noch unterwegs? Bei diesen jungen Männern schauen Christopher Klassen (links) und Frank Keller lieber noch mal genauer
22.40 Uhr noch unterwegs? Bei diesen jungen Männern schauen Christopher Klassen (links) und Frank Keller lieber noch mal genauer hin. Sie warten aber nur auf ihr verspätet eintreffendes Taxi.

Stille Nacht, ruhige Nacht: Seit Dienstag müssen die Frankenthaler zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr morgens zu Hause bleiben – wegen Corona. Über die Einhaltung der Ausgangssperre wacht unter anderem der Kommunale Vollzugsdienst. Ein Rundgang durch eine völlig andere Stadt.

Wer spüren möchte, wie sich das Coronavirus ganz allgemein und die seit Dienstag gültige Ausgangssperre ganz besonders in Frankenthal auswirkt, der könnte – wenn es nicht verboten wäre – sich abends für einen Moment mitten auf den Rathausplatz stellen. Wo sich im Dezember sonst das Budendorf des Weihnachtsmarkts rund um den beleuchteten Tannenbaum drängelt und gegen 22 Uhr meist noch die letzten Aufräumarbeiten erledigt werden, ist am Donnerstag um dieselbe Zeit der vielleicht einsamste Ort der Stadt. Das quirlige Zentrum: ausgestorben, kaum Geräusche. Die eigenen Schritte gegen diese seltsame Stille: fast störend laut

„Gespenstisch, oder?“ Bürgermeister Bernd Knöppel (CDU) erkennt seine Stadt nur zwei Stunden, nachdem die letzten Geschäfte in der Fußgängerzone geschlossen haben, kaum wieder. Aber irgendwie ist genau das ja das Ziel der Regeln, mit denen seine Verwaltung wegen anhaltend hoher Infektionszahlen in Frankenthal und seinen Nachbarstädten die aktuellen Vorgaben des Landes ergänzt hat. Zwischen 21 Uhr abends und fünf Uhr müssen die Bürger in den eigenen vier Wänden bleiben. Ein paar Ausnahmen gibt es: der Weg zum Arbeitsplatz oder von dort nach Hause, echte Notfälle natürlich. Oder eben Gassigehen mit dem Hund.

„Ziemlich tote Hose“

Ob sich die Frankenthaler (und danach sieht es aus) an diese Ausgangssperre halten, kontrolliert der Kommunale Vollzugsdienst. Christopher Klassen und Frank Keller rollen mit dem Einsatzwagen auf den Platz. Sie klappern in ihrer Schicht bis Mitternacht Orte ab, an denen sich entgegen aller Ver- und Gebote doch ein paar Leute aufhalten können: Parks, Spielplätze oder Schulhöfe. Beim Rundgang durch die Willy-Brandt-Anlage erinnert sich Keller amüsiert an ein intensives Schäferstündchen, das er und ein Kollege im Sommer dort mal gestört haben – eine Art Verkehrskontrolle also. Auch ohne Corona sei der Winter aber nicht nur diesbezüglich eher die ruhigere Jahreszeit.

Und so ist es auch am Donnerstag in der ganzen Innenstadt: ruhig. Im Metznerpark ein Spaziergänger mit seinem Vierbeiner, ansonsten „ziemlich tote Hose“, wie es Frank Keller treffend zusammenfasst. Dass dieser Eindruck täuschen und hinter verschlossenen Rollläden auch mal das pralle Leben toben kann, das haben er und sein Kollege am Abend zuvor festgestellt: Im Keller einer Kneipe saßen zwölf Männer zusammen und rauchten Wasserpfeife, als gäb’s kein Morgen. Und auch kein Covid-19. Die verbotenerweise geöffnete Gaststätte sei geräumt worden, da sie widerrechtlich geöffnet hatte. Gefährlich war das Ganze außerdem: wegen des Kohlenmonoxids durch den Shisharauch sowie fehlender Lüftung und fehlender Fluchtwege.

Warten aufs Taxi

Nach der Streife in der City steuern Klassen und Keller den Jakobsplatz im Pilgerpfad an, wo es unabhängig von Wetter und Temperaturen immer wieder Beschwerden von Anwohnern gibt. An der Mahlastraße bei der Bäckereifiliale stehen zwei junge Männer, die sich die Herren vom Ordnungsamt dann doch näher ansehen wollen. „Wir warten auf unser Taxi“, sagt einer der beiden. Dass das ganz schön lange dauert, belegt er mit der Anrufliste seines Mobiltelefons. Die KVD-Beamten akzeptieren das, mahnen aber an, das Taxi beim nächsten Mal früher zu bestellen: „Ihr wisst doch, um 21 Uhr ist eigentlich Schluss.“

Dass nicht jeder mit ruhigem Gewissen zu spätabendlicher Stunde rund um den Jakobsplatz unterwegs ist, das zeigt sich am Sportplatz hinter der Friedrich-Ebert-Schule, wo ein möglicher Kontrollkandidat im Sprint das Weite sucht, als er die Leute vom Ordnungsamt erkennt. Ihn zu verfolgen, ersparen sich Frank Keller und Christopher Klassen in dem unübersichtlichen Gelände. Sie leuchten mit ihren Taschenlampen in einige dunklen Ecken. Aber im Pilgerpfad ist der Eindruck derselbe wie im Stadtkern: Frankenthal bleibt zu Hause.

Maske mal „etwas tiefer“

Für den Kommunalen Vollzugsdienst sind die veränderten, zum Teil verschärften Regeln nur eine neue Episode von vielen in diesem Jahr. Bei mancher Landesverordnung, die seit Beginn der Pandemie im März erlassen wurde, sei schon absehbar gewesen, dass „eine Woche später schon wieder alles anders sein kann“, erklärt Klassen. Er und seine Kollegen informierten sich, studierten Zusammenfassungen. „Wenn tiefgreifendere Veränderungen anstehen, besprechen wir die dann auch gemeinsam“, ergänzt Ordnungsdezernent Knöppel.

Was für die Ausgangssperre gilt, stellen die Beamten auch für die seit Dienstag in der Innenstadt geltende Maskenpflicht fest: Die meisten seien darüber im Bild und hielten sich daran. Wer ohne Mund-Nasen-Schutz unterwegs ist oder den Stoff „etwas tiefer“ trägt, der werde darauf hingewiesen. Nur vereinzelt komme es zu Diskussionen, sagt Frank Keller. Schwieriger sei die Lage zum Teil gewesen, als in Frankenthal teils andere Regeln als im Umland gegolten hätten. „Das verwirrt die Leute.“ Zumindest in dieser Hinsicht herrscht derzeit aber Harmonie mit Ludwigshafen, Speyer und dem Rhein-Pfalz-Kreis.

Die Leine in der Hand

Keller und Klassen lassen noch einmal den Lichtkegel ihrer Taschenlampe über den Jakobsplatz gleiten. Blitzt dahinten vor der Apotheke nicht im Dunklen der Reflektor an einer Jacke auf? Die beiden Männer schauen noch mal genauer hin: „Ich glaube, sie hat eine Leine in der Hand ...“ Noch ein einsamer Hundehalter. Für den Rest ihrer Acht-Stunden-Schicht haben die Beamten noch ein paar potenzielle Hotspots auf dem Zettel: das Umfeld der Robert-Schuman-Schule, den Parkplatz am Strandbad. Klassen ist optimistisch: „Bei unserer ersten Runde vorhin war es ruhig.“

Die Mitarbeiter des Kommunalen Vollzugsdienstes leuchten am Jakobsplatz in die dunklen Ecken. Hier gibt es auch im Winter häufig
Die Mitarbeiter des Kommunalen Vollzugsdienstes leuchten am Jakobsplatz in die dunklen Ecken. Hier gibt es auch im Winter häufiger Beschwerden über Vandalismus.
Rundgang in der Innenstadt (von links): Bürgermeister Bernd Knöppel mit Christopher Klassen und Frank Keller im an diesem Abend
Rundgang in der Innenstadt (von links): Bürgermeister Bernd Knöppel mit Christopher Klassen und Frank Keller im an diesem Abend komplett ruhigen Metznerpark.
Bislang nur an Markttagen, seit Dienstag durchgängig gültig: die Maskenpflicht in der Frankenthaler Innenstadt.
Bislang nur an Markttagen, seit Dienstag durchgängig gültig: die Maskenpflicht in der Frankenthaler Innenstadt.
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