Frankenthal
Aus für Frankenthaler Bäckereien: „Mit jedem Betrieb stirbt ein ganzes Rezeptbuch“
Noch wird gebacken in den Bäckereien Frank und Walz. Wenn diese auf absehbare Zeit schließen, dann wird es in Frankenthal jedoch keinen Bäcker mehr geben, der selbst backt. Parallel dazu hat die Bäcker-Kette Görtz angekündigt, weitere Filialen in der Stadt zu öffnen. Ein Trend, den die Bäcker-Innung Pfalz-Rheinhessen, zu deren Bereich Frankenthal zählt, nicht gut finden kann, oder?
„Ich bin froh, dass es auch noch Görtz gibt“, sagt Claus Becker, Obermeister der Innung. „Was für uns viel schädlicher ist, sind die Schwarz-Gruppe und die Unternehmerfamilie Albrecht“, ergänzt Becker mit Bezug auf die Backwarenangebote von Lidl, Aldi und Co. Besonders schlecht findet Claus Becker es, dass die Waren von Bäckerei-Ketten in den Discountern Seite an Seite mit dem von Aldi und Co. produzierten Angebot liegen. „Da wird der Verbraucher getäuscht“, meint Becker.
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Dennoch sei auch die Expansionsstrategie von Bäcker Görtz ein Problem, „weil er auch den Markt kaputtmacht.“ Der Obermeister, der eine Bäckerei in Edenkoben leitet, ziehe zwar den Hut vor den wirtschaftlichen Leistungen, die Görtz mit seiner Strategie errungen hat. Er sehe aber auch die Nachteile, die traditionellen Bäckereien dadurch entstünden. „Durch ausländische Geldgeber verfügt Görtz über Mittel, die ein traditioneller Handwerkskollege in der aktuellen Situation schwer erwerben kann.“ Es sei deshalb unwahrscheinlicher, dass ein traditioneller Bäcker sein Geschäft an einem attraktiven Standort eröffnen könne. Auch habe nicht jeder, wie Görtz, eine eigene Schreinerei, um die eigenen Filialen günstiger modernisieren zu können.
Die Innung schrumpft mit
Trotz aller Kritik am regionalen Bäcker-Riesen würde Claus Becker es begrüßen, wenn Görtz als Mitglied in die Innung einträte. Grund: Innungsmitglieder finanzieren unter anderem die Ausbildungsstandorte mit. In Hessen gibt es laut Becker eine vergleichbare Bäckerei, die mit rund 200 Filialen ein großes Netzwerk habe, und trotzdem Mitglied der dortigen Innung sei.
Parallel zum Verschwinden traditioneller Bäckereien sinken die Mitgliederzahlen der Innung Pfalz-Rheinhessen seit Jahren. Anfang der 1990er-Jahre hat es Claus Becker zufolge allein in seinem früheren Bereich Landau und Südliche Weinstraße 120 Innungsmitglieder gegeben. Heute seien es über das gesamte Gebiet von Mainz bis an die französische Grenze nur noch 90.
Wolfgang Schmidt, Stellvertretender Obermeister der Innung mit eigener Bäckerei in Dreisen, teilt auf Anfrage mit, dass die meisten Betriebe aus Altersgründen ausgestiegen sind. Vor etwa 20 Jahren habe die Innung Pfalz-Rheinhessen noch 240 Betriebe als Mitglieder gehabt. Weitere Gründe sind Claus Becker zufolge neue Gesetzesauflagen, die mehr Bürokratie bedeuteten, versäumte Investitionen in eigene Betriebe oder auch der demografische Wandel.
Stabilisierung bei Azubi-Zahlen
Nicht verwunderlich ist es da, dass die Anzahl der Ausbildungsbetriebe und damit die Anzahl der Auszubildenden sinkt. 2004 zählte die Handwerkskammer für den Kammerbezirk Pfalz bei den Bäckern 327 Azubis und 127 Ausbildungsbetriebe. 20 Jahre später sind es gerade noch 36 Betriebe, die 60 Azubis ausbilden. Als Lichtblick könnte zu deuten sein, dass die Anzahl der Azubis weniger stark zurückgeht, als in den Jahren davor. 2022 und 2023 wurden jeweils 66 Nachwuchsbäcker in der Pfalz ausgebildet.
Claus Becker nimmt wahr, dass sich junge Menschen wieder dem Handwerk zuwenden. Er glaubt, dass die Gesellschaft verstanden habe, dass es Nachwuchs im Handwerk braucht. Wolfgang Schmidt hat festgestellt, dass die Präsenz in sozialen Netzwerken dazu führt, dass junge Menschen aufmerksam auf den Bäckerberuf werden. „Wenn ich nur in der Backstube sitze und nicht nach außen kommuniziere, werde ich keine jungen Fachkräfte bekommen“, sagt er. Auf einer kürzlich besuchten Ausbildungsmesse habe er großes Interesse am Bäckerhandwerk unter den Jugendlichen bemerkt.
Frankenthaler kaufen im Umland ein
Dass sich in Frankenthal bald wieder ein junger Bäcker mit traditionellem Handwerk niederlässt, daran glaubt aktuell niemand. Auch nicht Rudolf Raab, der 1989 zusammen mit seiner Frau die Bäckerei seines Vaters in Heßheim übernommen hat. Er bekommt bereits viel Publikumsverkehr aus Frankenthal, wie er sagt. Das könnte künftig noch mehr werden. „Für Mörsch ist das eine Katastrophe“, kommentiert er die bevorstehende Schließung der Bäckerei Frank. „Mit jedem Betrieb stirbt ein ganzes Rezeptbuch“, sagt der 61-Jährige, der ebenfalls im Vorstand der Bäcker-Innung ist.
Publikumsverkehr aus Frankenthal hat auch Ralf Hornbach „immer viel“ gehabt. Seit 1994 betreibt er zusammen mit seiner Frau die Bäckerei Hornbach in Lambsheim, die bereits seit 1962 existiert. „Aus der ganzen Region“ habe er Kunden, die bei ihm einkaufen. Selbst aus Kaiserslautern komme Kundschaft. Er zeigt sich mit der wirtschaftlichen Situation seiner Bäckerei zufrieden. „Man muss sich abheben von den Supermarktsachen“, sagt der 62-Jährige mit Blick auf die wachsende Konkurrenz. Er arbeite etwa beim Teigführen nicht mit Maschinen. Die meisten Menschen würden sich jedoch keine Gedanken über die Qualität der Backwaren machen. „Viele wissen nicht, dass das zu den Preisen im Supermarkt ein ganz anderes Produkt sein muss, als bei uns“, sagt Hornbach.
Der Lambsheimer Bäcker glaubt nicht, dass sich nach dem Betriebsaus der Traditionsbäckereien Walz und Frank so schnell ein neuer Bäcker im Stadtgebiet niederlässt. „Wir arbeiten jeden Tag mindestens zwölf Stunden. Wer will das heutzutage noch machen?“ Wie lange er selbst seine Bäckerei betreiben wird, könne er noch nicht sagen.