Fussball
Arno Gerlach ist dem VfR Frankenthal fast immer treu geblieben
Wenn man heute in Gesprächen mit jungen Fußballern das Wort Vereinstreue fallen lässt, löst das im besten Fall fragende Blicke, mitunter aber auch Unverständnis oder ein mitleidiges Lächeln aus. Vereinstreue ist für viele eine Vokabel aus längst vergangenen Zeiten, die den Mief der 1950er-Jahre verströmt.
Das gilt vor allem für den Profibereich. Spieler wie Karl-Heinz Körbel (Frankfurt), Uwe Seeler, Manfred Kaltz (beide HSV), Michael Zorc (Dortmund) oder Werner Melzer (FCK), die Hunderte von Partien nur für einen Klub absolviert haben, gibt es kaum noch. Allenfalls Thomas Müller (Bayern München) verkörpert heute diese Werte. Der Trend, das Vereinswappen auf dem Trikot zu küssen, ist nicht mehr als eine zur Schau getragene Symbolik, an die sich der Protagonist bei der nächsten Vertragsverhandlung oft nicht mehr erinnert.
Eine Ausnahme
Doch auch im Amateurbereich wird der Verein immer häufiger gewechselt. Wer Spieler, die Mitte 20 sind, nach ihren bisherigen Vereinen fragt, erhält häufig eine nicht enden wollende Aufzählung von Klubs. Vereinstreue, nein danke. Da ist der 70-jährige Arno Gerlach, der einst erfolgreich für den VfR Frankenthal stürmte, eine Ausnahme. Auch er hat zwar mal den Klub verlassen, aber das war am Ende seiner Laufbahn und hatte besondere Gründe. Gerlach war auch schnell wieder zu seinem Herzensverein zurückgekehrt. Und wenn er heute mit feierlicher Stimme und einer Portion Pathos sagt: „Ich hänge am VfR, in meinen Adern fließt blau-schwarzes Blut“, dann nimmt man ihm das ab. Gerlach arbeitete früher auch im Vorstand des Klubs und ist seit fast 60 Jahren Mitglied beim VfR. „Es wäre schön, wenn der Verein wieder etwas nach oben kommen würde“, ergänzt der einstige Flügelflitzer wehmütig.
Wie sehr sich Gerlach mit seinem Verein schon früh identifizierte, wird deutlich, wenn er eine Geschichte aus der Runde 1962/63 erzählt: „Wir haben damals in der Oberliga gegen den späteren Meister 1. FC Kaiserslautern, der sich bei uns oft schwergetan hat, 2:1 gewonnen. Ich war C-Jugendspieler und stand als Balljunge hinter dem Tor des FCK.“ Als ein Schuss eines Frankenthalers den Kasten verfehlte und der Ball dem kleinen Arno in die Arme flog, schoss der die Kugel nicht zurück. Im Gegenteil – er drehte sich um und kickte den Ball in Richtung des VT-Geländes. Da damals, anders als heute, nicht ein paar Ersatzbälle bereitlagen, verrannen wertvolle Sekunden, bis die Begegnung fortgesetzt werden konnte. Als sich der freche Jugendspieler nach der Partie am Mannschaftsbus des FCK aufhielt, habe ihm der damalige Lauterer Torhüter Wolfgang Schnarr mit den Worten „du warst doch der, der den Ball weggeschossen hat“ eine Ohrfeige versetzt.
Flink und beidfüßig
Der in Ludwigshafen geborene und in Frankenthal aufgewachsene Arno Gerlach betrachtet es als Glücksfall, zum VfR gegangen zu sein. „Es war ein Klub, der hochklassig spielte. Er hatte einen qualifizierten, professionellen und hauptamtlichen Trainer. Hans Pilz, ein späterer Bundesliga-Coach von 1860 München“, erinnert sich Gerlach. Pilz trainierte nicht nur das Regionalliga-Team, sondern auch die A- und B-Junioren. Dem zuvor bei den C-Junioren als Halbstürmer eingesetzten Gerlach verordnete er eine neue Position. „Du spielst bei mir im Angriff“, gibt der damalige Jugendspieler die Worte des Trainers wieder. Der Außenstürmer Gerlach war geboren. Eine kluge Entscheidung, denn der flinke und beidfüßige Flügelflitzer machte in B- und A-Jugend mit vielen Treffern auf sich aufmerksam. „Rechts war mein stärkerer Fuß, aber die schönsten Tore habe ich mit Links erzielt“, berichtet der Rechtsaußen.
Nach der Jugendzeit rückte der antrittsschnelle, wendige und nur 1,66 Meter große Gerlach in die erste Mannschaft auf und setzte gleich Akzente. Der zuvor in die Erste Amateurliga abgestiegene VfR schaffte mit dem jungen und unbekümmert aufspielenden Arno Gerlach den sofortigen Wiederaufstieg in die Regionalliga. Dort blieb der VfR zwei Jahre.
Exzellenter Vorbereiter
Das Eigengewächs auf dem Flügel war ein exzellenter Vorbereiter. „Damals hieß es, die Außen müssen immer besetzt sein, und man sollte bis fast zur Grundlinie durchkommen und dann nach innen flanken“, erinnert sich der gelernte Industriekaufmann, der 45 Jahre bei der Frankenthaler Firma KSB beschäftigt war. Trotzdem gelangen ihm wichtige Treffer. So das goldene Tor bei einem 1:0-Sieg gegen Tabellenführer 1. FC Saarbrücken oder der Doppelpack beim 4:4 in Alsenborn.
Apropos Alsenborn: Da habe ihn der spätere Trainer Werner Fuchs mal ziemlich rustikal von den Beinen geholt. Doch der „Kleine“ ließ sich nichts gefallen und hielt ein paar Minuten später bei einem Zweikampf die Sohle drauf, Fuchs überschlug sich. Gerlach lief am Schiedsrichter vorbei und erwartete einen Anpfiff. Doch dessen Reaktion verblüffte den Frankenthaler. „So ist es recht, Kleiner. Wehr Dich“, raunte ihm der Referee zu.
Zwei Pleiten gegen Bellheim
1972 folgte der Abstieg, weil der VfR gegen Phönix Bellheim, dem Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, 0:1 und 1:2 verlor. „Wenn wir nur in einer der beiden Partien einen Punkt geholt hätten, wären wir in der Liga geblieben“, ärgert sich Gerlach noch heute. Nach und nach folgte ein regelrechter Ausverkauf, die große Zeit war vorbei. „Die Abgänge wurden nicht annähernd ersetzt, und es wurde von Vereinsseite nicht mit offenen Karten gespielt“, bedauert Gerlach.
Er wechselte kurzzeitig zum FV Weinheim, erkrankte aber schwer, inklusive mehrerer Krankenhausaufenthalte. Gerlach, der im Abendstudium zum Diplom-Betriebswirt ausgebildet wurde und in der Firma eine Leitungsfunktion übernahm, spielte vier Jahre lang kein Fußball mehr. Ab 1980 engagierte er sich acht Jahre lang als stellvertretende Vorsitzender seines Vereins und begann in der VfR 1b wieder zu kicken. „Das waren meine schönsten Jahre, weil alles sehr familiär war“, betont der Pensionär. Die Frauen – auch seine Elfriede, mit der er über 40 Jahre verheiratet ist – haben zum Spiel am Sonntag Kuchen gebacken. „1985 habe ich mein letztes Spiel absolviert, wurde dann an der Hüfte operiert“, erklärt der 70-Jährige.
Trotz inzwischen fünf Hüftoperationen geht es Arno Gerlach gut. Er hat einen Fitnessraum im Keller seines Hauses, macht Krafttraining und Gymnastik und spielt seit über 25 Jahren bei den „Alten Herren“. In seinem riesigen Garten mit Kiefern, Bachlauf, Teich und Grillplatz erholt er sich. Ganz wichtig: Kontakte zu den ehemaligen Mitspielern, darunter sein Arbeitskollege Karl Findt, gibt es weiter. Die Asse von einst treffen sich regelmäßig. Und ganz sicher sprechen sie dann von den glanzvollen Zeiten des VfR Frankenthal.