Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Anno dazumal (29): Ein Frankenthaler Turm in Edigheim

Auf der Jugendstil-Postkarte steht „Frankenthal Wasserturm“ – das Bauwerk aber stand und steht auf Edigheimer Gebiet.
Auf der Jugendstil-Postkarte steht »Frankenthal Wasserturm« – das Bauwerk aber stand und steht auf Edigheimer Gebiet.

Damit die Frankenthaler Anfang des 20. Jahrhunderts in den Genuss einer öffentlichen Wasserversorgung kamen, musste andernorts gebaut werden. Das Resultat dieser Pläne ist heute noch weithin sichtbar, wird aber längst nicht mehr gebraucht.

Eine interessante Karte mit Jugendstilrahmen aus dem Jahr 1902 stellt den Betrachter vor ein Rätsel aus der Vergangenheit. Denn: Wer sie aufmerksam betrachtet, mag sich verwundert die Augen reiben. „Frankenthal Wasserturm“, steht links und rechts des Bauwerks. Wer hat wohl je in Frankenthal einen Wasserturm gesehen oder auch nur davon gehört? Trotzdem ist die Beschriftung der Ansichtskarte nicht falsch. Allerdings ist die Situation etwas komplizierter. Man muss 125 Jahre zurückblicken, um die genauen Zusammenhänge erklären zu können.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in den Frankenthaler Nachbarstädten Worms und Ludwigshafen schon eine öffentliche Wasserversorgung. Dass ein solches Projekt schnell auch Thema im Frankenthaler Stadtrat wurde, ist insofern gut nachvollziehbar. Die Verantwortlichen machten sich also Gedanken, wo Wassergewinnung in ausreichender Qualität möglich sein könnte. Östlich der Stadt schienen die Voraussetzungen am günstigsten zu sein. Die Wahl fiel auf den Raum um das Dorf Edigheim – den jetzigen Stadtteil Ludwigshafens, der damals zum Landkreis Frankenthal gehörte.

Start am 7. Juni 1900

Der Frankenthaler Bürgermeister Adolf Mahla und der gerade erst ins Amt gekommene Stadtbaumeister Paul Wettengel machten sich also 1899 für den Bau eines Wasserwerks auf der dortigen Gemarkung stark. Um das aus der Tiefe heraufgepumpte Wasser speichern und den nötigen Druck in den Leitungen des angeschlossenen Netzes erzeugen zu können, brauchte es Höhe und damit den Bau eines Turms. Von Edigheim aus wurde eine Verbindungsleitung nach Frankenthal verlegt. Im Stadtgebiet entstand ein 22 Kilometer langes Rohrsystem. Das Projekt war am 7. Juni 1900 so weit fortgeschritten, dass die Leitung in Betrieb gehen konnte.

Das Frankenthaler Tageblatt berichtete darüber am folgenden Tag: „7. Juni. Gegen 7 Uhr heute Abend wurde der Hydrant zum Jochimschen Hause in der Wörthstraße (Anmerkung der Redaktion: heute an der Ecke Schmiedgasse/Westliche Ringstraße), auch in andern Teilen der Stadt geschah dies, geöffnet und in mächtigen Säulen drang zum Jubel der herbeigeeilten Jugend das erste Leitungswasser zu Tage.“ Sauber sei das Wasser nicht gewesen, wusste der Chronist zu berichten. Er äußerte aber gleichzeitig die Hoffnung, dass sich das bald ändern werde und der sehnsüchtig erwartete Augenblick, das Wasser der Leitung nutzen zu können, nicht mehr fern sei.

Er sollte Recht behalten. Als die offizielle Einweihung am 28. August 1901 über die Bühne ging, waren die Anfangsschwierigkeiten kein Thema mehr. Kontinuierlich wuchsen in den folgenden Jahren die Fördermenge, das Verteilerrohrnetz und der Wasserverbrauch. Das Dampfpumpwerk wurde 1914 von zwei elektrischen Kreiselpumpen ersetzt. Eine zweite Verbindungsleitung von Edigheim nach Frankenthal verbesserte die Druckverhältnisse. Umliegende Dörfer konnten nun auch an die Wasserversorgung angeschlossen werden.

Schmutz im Grundwasser

Die Situation änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Da es noch keine ausgewiesenen Schutzgebiete im Umfeld des Edigheimer Turms gab, war die Wassergewinnung dort mehr und mehr beeinträchtigt. Müllablagerungen verschmutzten das Grundwasser. Ein zusätzlicher Brunnen wurde auf Studernheimer Gemarkung gebaut. 1965 nahm Frankenthal den Bau eines Wasserwerks mit Tiefbrunnen und Speicherbehälter zwischen Frankenthal und Mörsch – einschließlich der Ausweisung entsprechender Wasserschutzgebiete – in Angriff. Das veraltete und inzwischen unwirtschaftliche Wasserwerk in Edigheim konnte stillgelegt werden. Der „Wasserturm Frankenthal“ war Vergangenheit. Zumindest als Zeuge der alten Zeit hat der schmucke Bau allerdings überlebt.

 

Die Serie

Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wachwerden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Bebilderte Postkarten, sogenannte Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte.

Inzwischen von Wohnhäusern umgeben: der in den 1960er Jahren stillgelegte Turm im heutigen Ludwigshafener Stadtteil.
Inzwischen von Wohnhäusern umgeben: der in den 1960er Jahren stillgelegte Turm im heutigen Ludwigshafener Stadtteil.
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