Frankenthal
Anno dazumal (15): Hauptbahnhof im Wandel der Zeit
Kaum abwarten konnte es offensichtlich die junge Dame auf der Ansichtskarte aus dem Jahr 1919, bis sie – soeben mit der Bahn in Frankenthal angekommen– an ihr Ziel irgendwo in der Stadt gelangen konnte. Im Nu lag sie auf dem Boden und der geplatzte Koffer offenbarte allerlei Geheimnisse. Wenigstens konnte dem Empfänger auch noch ein erster Blick auf den Bahnhof gewährt werden, der zur damaligen Zeit durchaus ein kleines bauliches Schmuckstück war. 1902 hatte er die auf der Ansichtskarte dokumentierte repräsentative Fassade erhalten: Im Mittelpunkt zwischen den flankierenden Seitentrakten eine große Eingangshalle mit einem Glockentürmchen.
1852 war Frankenthal per Bahnlinie mit Worms verbunden; ein Jahr später konnte der erste Zug nach Ludwigshafen fahren. Als „Bahnhof“ fungierte vorerst nur eine Bretterbude. Erst 1860 bekam Frankenthal einen kleinen Bahnhofsbau für Büro, Fahrkartenverkauf und Warteraum. Das auf dem obigen Bild erkennbare hohe Gebäude links im Hintergrund war der Mittelbau des Bahnhofsgebäudes, wie es Ende der 1870er Jahre bestand.
Schaffner mit der Knipszange
Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1897 zeigt den Zustand nach der Fertigstellung einer vorgebauten Empfangshalle und dem Ausbau des südlichen Seitenflügels zur Bahnhofsgaststätte. An die Stelle des nördlichen Seitentraktes kam dann die oben erwähnte neue Eingangshalle mit einem hohen Säulenportal.
Nostalgische Erinnerungen an den Bahnschaffner mit seiner Knipszange zum Entwerten der Fahrkarten dürfte bei älteren Zeitgenossen die Monatskarte eines Schülers aus Bobenheim wecken, der 1898 in Frankenthal die Schule besuchte und bei Hin- und Rückfahrt sein „Loch“ in die Karte gestanzt bekam.
Das letzte Stadium des Bahnhofsgebäudes vor der großen Bombennacht im September 1943 dokumentiert eine Foto-Ansichtskarte von 1940. Das schöne Glockentürmchen ist mittlerweile verschwunden. Auch auf dem Postamt im Hintergrund ist der Leitungsturm demontiert worden. Noch sind die Gebäude rund um den Postplatz (einschließlich Brauhauskeller) unversehrt.
Wenige Jahre später wird am Bahnhof das gesamte Säulenportal sowie große Teile der Fassade zerstört sein. Das Gebäude wird nach dem Krieg wieder notdürftig instand gesetzt und muss noch zwei Jahrzehnte seine Funktion erfüllen. Am 12. August 1970 wird ein neuer Bahnhofsbau eingeweiht; auch dieser hat mittlerweile schon ein halbes Jahrhundert überdauert.