Frankenthal
Aktion „Raum für Kunst“ geht in letzte Runde
„Warum wird das schöne Bild eingepackt?“ Diese Frage hört Nicoleta Steffan in diesen Tagen häufig. Verwunderten und nachdenklichen Passanten und Kunden erklärt die Frankenthaler Kunstkoordinatorin, weshalb sie all die schönen Werke hinter Packpapier verschwinden lässt: „Ich möchte ein Zeichen setzen gegen den Corona-bedingten Stillstand in der Kunstszene. Museen und Galerien sind geschlossen. Die Aktion soll auf uns Künstler aufmerksam machen“, betont Steffan. Wer mehr Zeit zum Zuhören hat, erfährt von der tieferen Symbolik der Verpackungskunst, die auf das Ritual zurückgeht, Geschenke liebevoll einzupacken. So entstehen Spannung und Vorfreude.
Wer dann noch Muße hat, den führt Steffan zum Schaufenster des ehemaligen Juweliergeschäfts Geiger in der Speyerer Straße. Hier hängt das einzige Bild, das nicht verhüllt wird und die Kernbotschaft der Aktion auf den Punkt bringt: „Kunst muss essen“ heißt das Stillleben des im hessischen Kelkheim lebenden Malers Dimitri Voinov. Zu sehen ist ein Baguette. „Durch die Pandemie ist Kunst brotlos geworden. Trotzdem ist sie wie das Brot eine Grundnahrung für den Menschen, für seine Seele“, meint Steffan.
Objekte kehren heim
Sechs Monate lang hat Steffan die Innenstadt mit Kunstwerken bestückt. Unter dem Motto „Art in the City – Raum für Kunst“ wanderten schrittweise rund 250 Kunstobjekte von 40 Künstlern der Region in die Schaufenster und Ladenräume. Die Hüllen aus Packpapier wurden im November entfernt. Bis Ende Mai vollzieht sich der Prozess in umgekehrter Richtung: Unter Mithilfe Frankenthaler Kunstkollegen verschwinden die Objekte wieder hinter Papier, um danach in die Ateliers ihrer Schöpfer heimzukehren.
Zum Ausklang ihrer Initiative bedankt sich die Initiatorin bei den Einzelhändlern: „Trotz existenzieller Sorgen haben alle bereitwillig mitgemacht und mit uns Künstlern ihre Räume geteilt.“ Der Frankenthaler Maler Joe Hanisch, der in den Fensterfronten des Congress-Forums acht kreisförmige Tondos zeigt, ergänzt: „Es ist genau das Richtige in dieser Zeit, simultan Kunst zu zeigen. Frankenthal ist auf diese Weise zu einem Riesenmuseum geworden.“
Nachahmer in anderen Städten
Dass Steffan einen Nerv getroffen hat, zeigt ein Beitrag im Rhein-Neckar-Fernsehen (RNF), der die Aktion als beispielhafte Kunstinitiative beschreibt, die Nachahmer in Speyer, Bad Dürkheim und Neustadt gefunden hat. Begonnen hatte alles im November mit acht beteiligten Geschäften. Schnell wurde die Zahl zweistellig, sowohl die der Ausstellenden als auch die der Händler. Wie viele Kunstwerke auf diese Weise verkauft wurden, kann Steffan nicht beziffern. Denn wer Interesse an einem Kunstobjekt hat, erwirbt es nicht im jeweiligen Laden, sondern kontaktiert den Künstler. So viel kann die Kunstkoordinatorin aber sagen: „Es wurden auf diese Weise einige Werke verkauft.“ Was noch viel wichtiger sei: „Die Aktion hat Synergieeffekte erzeugt. Der einzelne Künstler wurde stärker wahrgenommen, nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teil einer künstlerischen Landschaft, die wiederum ein wertvoller Baustein von Frankenthals Identität ist.“
Und diese künstlerische Landschaft wächst stetig: Auch im Rathaus ist man auf die Initiative aufmerksam geworden. Das Foyer wurde für eine Gruppenausstellung freigegeben. Da Nachwuchskünstler bei „Art in the City“ nicht vertreten waren, konnten sie unter dem Motto „Junge Artisten – verborgene Talente im Schatten von Corona“ von Mitte April bis Mitte Mai im Rathaus ihre Erstlingswerke präsentieren. Da das Gebäude für den Besucherverkehr geschlossen war, handelte es sich zwar um eine symbolische Geste. „Trotzdem fand die Werkschau in einem prominenten Raum im Herzen der Stadt statt“, findet Steffan, die nun einen Weg gefunden hat, die 20 Werke von elf jungen Talenten für die Frankenthaler sichtbar zu machen: Als jüngster Bestandteil der Aktion sind die Bilder bis Ende Mai im linken Schaufenster des früheren Juweliergeschäfts Geiger zu besichtigen. Sie zeigen die ersten Gehversuche von Kreativen, die vielleicht in wenigen Jahren die Kunstszene der Stadt prägen werden.
Gruppenausstellung im Rathaus
Dem Nachwuchs gegenübergestellt sind im rechten Schaufenster die Köpfe der bereits versierten Kunstschaffenden: „Künstler im Porträt“ ist eine Folgeaktion Steffans, die sie gemeinsam mit Hanisch entwickelt. Im Gegensatz zu „Art in the City“ stehen neben bildenden Künstlern sämtliche Kunst- und Kulturschaffenden im Focus. Ob Musik, Malerei, Literatur oder Theater – alle professionellen oder semiprofessionellen Talente können sich auf Visitenkarten in Bild und Text vorstellen. Fast täglich erscheint auf diese Weise hinter Glas ein weiterer Kopf. Bislang konnten Steffan und Hanisch 35 Künstlerporträts sammeln. Der genreübergreifende Datenpool könnte nach ihren Vorstellungen für die Zeit nach der Pandemie die Grundlage für Aktionen bilden, die Künstler verschiedener Metiers zusammen inszenieren. Mit der Verwaltung ist die Kunstkoordinatorin im Gespräch darüber, die Künstlerporträts in die Homepage der Stadt zu integrieren.
Nun richtet sich Steffans Blick auf die kommenden Monate. Wenn in wenigen Tagen die Kunstobjekte aus den Auslagen verschwinden, ist das kein Schlusspunkt. Inspiriert von der Initiative wünschen sich Künstler und Einzelhändler eine Fortsetzung, die dann in Eigenregie umgesetzt werden soll. „Die Idee wird von Einzelnen weitergetragen, Kunst wird punktuell in Geschäften weiterhin Blickfang bleiben“, freut sich Steffan. Aktuelles Beispiel ist der Eingangsbereich des Kunsthauses, der nun als von außen einsehbare Ausstellungsfläche genutzt wird.
Ateliers auf Zeit fallen auf
Ein weiteres Herzensanliegen Steffans ist, leerstehende Läden vorübergehend zu Ateliers umzufunktionieren. In zwei Fällen war sie dabei erfolgreich: Seit einigen Monaten darf sie sowohl die Auslage vom früheren Juwelier Geiger als auch das damalige Deko-Geschäft „La Casa“ in der Bahnhofstraße vorübergehend für Ausstellungen nutzen. Demnächst werden beide Läden neu vermietet. Steffan führt dies darauf zurück, dass die Ateliers auf Zeit mehr auffallen, als geschlossene Geschäfte – für sie eine Bestätigung dafür, dass Leerstands-Kunst nicht nur ein Erfolgsmodell für größere Städte ist.
Noch Fragen?
- Kunstschaffende und Betreiber von Kulturorten können sich bis Ende Juni per E-Mail für die Aktion „Künstler im Porträt“ anmelden. Alle bei „Art in the City“ ausgestellten Werke und die Künstlerporträts sind im Netz zu besichtigen.
- Der Beitrag des Rhein-Neckar-Fernsehens über die Kunstinitiative findet sich auf der Homepage des Senders.