Frankenthal Abrechnung mit der Waffenindustrie
Daniel Wagner ist neuer rheinland-pfälzischer Meister im Poetry Slam. Er setzte sich am Samstagabend beim Finale des Dichterwettstreits im Frankenthaler Congress-Forum gegen sieben Konkurrenten durch und vertritt Rheinland-Pfalz bei den deutschen Meisterschaften im November in Stuttgart.
Moderator Jens Wienand macht zu Beginn bei den rund 350 Besuchern den Check: Wer ist zum ersten Mal bei einem Poetry Slam? Etwa die Hälfte meldet sich. Also schnell die Regeln erklären: Jeder Teilnehmer hat sechs Minuten Zeit, einen Text vorzutragen – Inhalt, Form, egal, Hauptsache selbst geschrieben. Fürs Publikum gilt: respektiert die Dichter. Applaus gibt es für jeden, der antritt. Den Beifall darf das Publikum variieren: von „naja“ über „ganz ordentlich“ und „sehr gut“ bis „magisch“. „Die ersten beiden Kategorien werdet ihr aber nicht brauchen“, prophezeit Wienand. Er wird Recht behalten. Für die Bewertung der Darbietungen wurden im Publikum außerdem sieben Jurymitglieder ausgewählt, die zwischen einem und zehn Punkte vergeben können. Fürs Warm-up betritt zunächst ein Lockenkopf in Schlabberhose die Bühne: Tino Bomelino. Beim Poetry Slam gehe es auch darum, Texte interessant und spannend vorzutragen, erklärt er. Um vorzuführen, wie das geht, habe er sich den langweiligsten Text der Welt vorgenommen. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Gebrauchsanweisung fürs Bügeleisen, sondern um die ersten drei Seiten des Erotik-Beststellers „50 Shades of Grey“. Die Zuhörer haben mächtig Spaß daran, wie Bomelino schiefe Bilder im Text entlarvt, etwa das von der Schallgeschwindigkeit, mit der der Aufzug durchs 20-stöckige Bürogebäude fährt. Da müssten Kräfte von 200 G auf die Protagonistin wirken, hat er ausgerechnet – und sie zu Matsch zerdrücken. Die Teilnehmer wurden in lokalen Poetry Slams im ganzen Land ermittelt, die besten Acht haben sich in zwei Halbfinals am Freitag im Wormser Lincoln-Theater und im Frankenthaler Kulturzentrum Gleis 4, das die Meisterschaft organisiert, für die Endrunde qualifiziert. Alle Acht schlagen an diesem Abend gesellschaftskritische Töne an, mal ernst, nachdenklich, leise, mal lustig, bissig, laut. Jens Kotalla (Montabaur) zum Beispiel erzählt die Geschichte von Nora, die von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Er fordert das Publikum auf, die Stimme für die Schwachen zu erheben. Vor allem aber geht es in den Texten um Identität, ums anders, fremd, man selbst sein, ums Dazugehören und Danebenstehen. Felix Bartsch (Trier) erklärt selbstironisch, warum er lieber im Bett bleibt, als in den Club zu gehen. Eva Kutta (Bernkastel-Kues) fordert junge Frauen auf, sich nicht von den Erwartungen, die die Gesellschaft an sie stellt, diktieren zu lassen, wie sie leben, was sie essen, wie sie aussehen sollen. Still wird’s im Saal, als Marie Radkiewicz (Kaiserslautern) „Still stehen“ vorträgt. Sie will unter die Oberfläche tauchen, sehen, um was es wirklich geht. „Warum ist uns vieles so egal? Wir haben so viel Potenzial“, fragt sie, und fordert sich und die Welt auf, mehr zu zu wagen. Julie Kerdellant (Ludwigshafen) will „die Eine“ sein, die gelassen ist und mutig und selbstbewusst, die Dinge macht und nicht nur versucht, und nicht „die Andere“, die immer wartet und hinterherläuft. Am Ende stellt sie fest: Die Eine, die will auch nur anders sein. Im Text von Titelverteidiger Artem Zolotarov spiegelt sich die aktuelle Flüchtlingskrise wider. Geboren in der Sowjetunion, kommt er als Kind nach Deutschland. Er klingt anders, ist anders, und will doch nur zeigen, dass er mehr als ein Fremder ist. Ja, er ist Flüchtling, Asylant, doch vor allem Mensch. Der Mensch hat verlernt, Mensch zu sein, stellt Markus Becherer (Worms) fest und fragt: Wären Tiere die besseren Menschen? Sind wir weiterentwickelt oder doch nur „leider entwickelt“? Und Daniel Wagner (Mainz) entlarvt die Widersprüche der modernen Gesellschaft: Wir trinken koffeinfreien Kaffee, essen fleischfreies Fleisch, schminken uns, um natürlich auszusehen, „lieben unsere Kinder, aber nennen sie Kevin“. Ins Stechen der besten Drei wählt die Jury Wagner, Zolotarov und Becherer. Zolotarov lässt in seinem zweiten Beitrag die Angst sprechen, die in jedem von uns lebt, uns Sicherheit statt Freiheit wählen lässt, Becherer den Tod, der – schnipp – jede – schnipp – Sekunde – schnipp – einen – schnipp – Menschen – schnipp – holt. Das Rennen macht jedoch Wagner, der, ausgehend von einer absurden Mathe-Textaufgabe, mit der Politik und Waffenindustrie abrechnet, sich regelrecht in Rage redet, das Publikum mitreißt und von ihm mit der Höchstwertung belohnt wird.