Frankenthal
75 Jahre RHEINPFALZ – drei Lokalchefs erinnern sich an ihre Zeit in Frankenthal
„We can stop“
In meiner Zeit als Lokalchef in Frankenthal zwischen 1972 und 1995 war eins der spektakulärsten Ereignisse der Erdgasausbruch am unterirdischen Speicher der damaligen Saar-Ferngas-AG Ende September/Anfang Oktober 1980. Damals sollte eine neue Bohrung gesetzt werden, das ist aber gründlich schiefgelaufen. Und so strömte tagelang das Erdgas unter hohem Druck aus 700 Meter Tiefe nach oben – stündlich zwischen 20.000 und 40.000 Kubikmetern. Bis schließlich der US-Feuerwehrmann Paul „Red“ Adair kam und seinen legendären Satz „We can stop“ nach bangen Tagen und Nächten in die Tat umsetzte. Mir wurde immer gesagt: „Solange es zischt, kann nichts passieren.“ Ich war damals täglich am Schauplatz. Auch an dem Tag, als der Austritt schließlich gestoppt wurde. Für 4 Uhr nachmittags war eine Pressekonferenz angesetzt. Ich war schon etwas früher da und habe ein bisschen rumgeschnüffelt. Das Wetter war aber so mies, dass mich jemand schon in eins der Gebäude dort rein ließ. So saß ich plötzlich mitten in der Besprechung vor dem Pressetermin mit Vertretern von Stadt, Land und Firma, ohne dass jemand groß Notiz von mir nahm, und schrieb mit. Als jemand in die Runde fragte, was man denn nun der Presse zu erzählen gedenke, sagte der damalige Frankenthaler OB Günter Kahlberg mit Blick in meine Richtung: „Die Wahrheit, meine Herren, die Wahrheit.“ Klaus Rhode
Der Hund des OB
Wenn ich mir überlege, was oder auch wer meine sieben Berufsjahre von 1995 bis 2002 in Frankenthal besonders geprägt hat, dann war das ein Vierbeiner, der auf den Namen Coba hörte. Der Hund des Oberbürgermeisters, pardon: der Hund des Sohnes des damaligen Oberbürgermeisters. Mit einer Klage am Amtsgericht hatte ein Frankenthaler Bürger versucht, dem Hund Benehmen beizubringen und sich selbst damit zu einer nächtlichen beziehungsweise mittäglichen Ruhezeit zu verhelfen. Vergeblich hatte der Schichtarbeiter bei der BASF im Vorfeld versucht, seinen Nachbarn persönlich, dann auch über das Ordnungsamt, zu einem Einlenken zu bewegen, im Klartext: wenigstens nach 22 Uhr den Hund nicht mehr stundenlang im Garten kläffen zu lassen. Nichts da: Der Kläger bot Zeugen auf, die das laute Gebahren zwar rundum bestätigten, dafür fuhr der OB jede Menge Amtsleiter seines Hauses vor dem Kadi auf, die mit ihm in diesem Neubaugebiet lebten. Nie hatten sie nur einen Mucks von Coba vernommen. Zwar machte dem Stadtchef das Amtsgericht klar, dass sich auch ein OB an gewisse Ruhezeiten zu halten habe, doch gelten ließ er das nicht. Im von ihm angestrebten Berufungsverfahren am Landgericht fuhr er einen „Sieg“ ein: Die Hauptsache im Verfahren galt längst als erledigt. Den Hund hatte der OB inzwischen nämlich mit seinem Sohn zum Studium nach Berlin geschickt. Am Kläger blieben die Kosten des Verfahrens hängen. Dass die RHEINPFALZ, in Persona die neue Lokalchefin, nicht einmal vier Wochen vor Ort, diese absolute Privatsache derart frech in die Öffentlichkeit gezerrt hatte, damit wurde der Frankenthaler Verwaltungschef nicht fertig. Coba hat ein vernünftiges Arbeitsverhältnis zwischen Stadtverwaltung und Zeitung über Jahre ad absurdum geführt. Eva Klag-Ritz
Leser zeigen großes Herz
Meine emotionalste und spannendste Erinnerung an meine Zeit in Frankenthal hat nicht mit der Kommunalpolitik oder Wirtschaftsentwicklungen zu tun, sondern verbindet sich ganz eng mit einem dreijährigen, schwer krebskranken Jungen. 80.000 Euro brachten Leser für dessen aufwendige Therapie im Kinderklinikum Heidelberg auf. Der aus dem Kosovo stammende Großvater des lebensbedrohlich erkrankten Labinut lebte und arbeitete seit vielen Jahren in Frankenthal. Eines Tages stand er im Jahr 2003 völlig verzweifelt vor meinem Schreibtisch. Denn in der krisengeschüttelten Balkanregion gab es für seinen Enkel weder eine Krankenversicherung noch die Chance auf Heilung. Die Uniklinik Heidelberg bot an, das Burkitt-Lymphom zu behandeln. Bedingung war: Zumindest ein Teil der geschätzten 100.000 Euro teuren Therapie sollte über eine Spendenaktion der Klinik finanziert werden. Die Hilfsbereitschaft, die die kontinuierliche Berichterstattung über Labinut pfalzweit auslöste, übertraf am Ende alle Erwartungen. Unglaubliche 80.000 Euro gingen auf dem Spendenkonto der Kinderonkologie ein. Vereine gaben einen Teil von Veranstaltungserlösen ab, Kirchen widmeten eine Kollekte, Kindergärten engagierten sich ebenso wie unzählige Einzelpersonen. Beispielsweise stellte sich ein freier Mitarbeiter, den wir damals aus der Schweiz hatten, für die gute Sache mit Saxofon und Hut in die Frankenthaler Fußgängerzone. Natürlich fiel neben ein paar Euro auch eine schöne Story für die Lokalausgabe ab. Am Ende wurde aller Einsatz belohnt. Labinut konnte geheilt entlassen werden und zu seinen Eltern im Kosovo zurückkehren. Die Besuche in der Heidelberger Krebsklinik für die Berichte bleiben unvergessen. Und dass unsere Leser, allen voran die Frankenthaler, ein so großes Herz gezeigt haben, dafür bin ich bis heute dankbar.Thomas Brückelmeier