Frankenthal Messerstiche vor Frankenthaler Hallenbad: Angeklagter äußert sich

Wollte Anfang dieses Jahres sein von Alkohol und Drogen geprägtes Leben ändern: der wegen Mordes angeklagte 26-Jährige aus Ludwi
Wollte Anfang dieses Jahres sein von Alkohol und Drogen geprägtes Leben ändern: der wegen Mordes angeklagte 26-Jährige aus Ludwigshafen auf dem Weg in den Gerichtssaal.

Einen Kampf Mann gegen Mann, um Rivalitäten auszuräumen – bis zu den Messerstichen vor dem Frankenthaler Hallenbad im Januar sei das sein Wunsch gewesen, so schildert es der türkische Angeklagte gestern im Mordprozess vor dem Landgericht. Mit seiner ausführlichen Äußerung will er den Verdacht zerstreuen, der tödliche Angriff auf seinen Landsmann sei geplant gewesen.

Eigentlich soll der 8. Januar für den 26 Jahre alten Türken aus Ludwigshafen der Start in ein besseres Leben werden – ohne Drogen und ohne Alkohol. Er will wieder mit dem Boxen anfangen und fährt deshalb gegen Abend nach Frankenthal, wo in der Sporthalle Am Kanal zum ersten Mal im neuen Jahr wieder trainiert wird. Der junge Mann will so knapp bei Kasse gewesen sein, dass ihm ein Freund Geld leihen muss: für ein Auto und Sportklamotten. So steht es sinngemäß in dem Text, den er gestern als Angeklagter vor dem Landgericht vorgelesen hat. Tatsächlich markiert der 8. Januar eine Wende – aber bestimmt keine zum Besseren. An diesem Montagabend liegt ein türkischer Landsmann, von Messerstichen des 26-jährigen Ludwigshafeners lebensgefährlich verletzt, auf dem kleinen Platz zwischen Sporthalle und Ostparkbad. Wenige Tage darauf stirbt dieser 51-Jährige im Krankenhaus an den Folgen des Angriffs. Elf Monate später sitzt seine Schwester als Nebenklägerin im Gerichtssaal und verbirgt ihr Gesicht weinend in den Händen, wenn Polizeibeamte und eine als Ersthelferin an den Tatort geeilte Kinderärztin von den Verletzungen berichten: Blut, tiefe Schnitte oder Stiche bis auf den Knochen und zu inneren Organen.

Begründung bleibt offen

Offenbar ist sich der Angeklagte recht bald nach der Tat im Klaren, was er angerichtet hat: Über den Kurznachrichtendienst WhatsApp schickt er einem Freund den Link zu einem Video. Es zeigt – unterlegt von einem Lied des kurdischen Liedermachers Ahmet Kaya – Filmsequenzen mit vielsagendem Inhalt: ein Streitgespräch zwischen Mutter und Sohn über dessen Straftaten. Gestern erklärt der junge Türke das so: Er habe seinem Freund zeigen wollen, „Guck, was das Ganze mir gebracht hat. Ich fahr’ ins Boxtraining, aber stattdessen passiert so ein Scheiß. Jetzt kann ich es bestimmt vergessen mit Boxen, Comeback und so, muss jetzt bestimmt ins Gefängnis. Jetzt wird meine Mutter auch voll traurig sein.“ Ein Begründung für die konkrete Tat, die ihm vorgeworfen wird, bleibt er weiterhin schuldig. Der 26-Jährige ist mit seiner Einlassung, der zweiten etwas ausführlicheren in der bisherigen Hauptverhandlung, erkennbar darum bemüht, den Verdacht zu entkräften, er könne die Attacke auf den älteren Landsmann aus Rache für einen schon Jahre zurückliegenden Vorfall auf dem Mannheimer Marktplatz geplant haben. Er habe nicht gewusst, dass sein vermeintlicher Rivale am 8. Januar mit seinem Sohn in die Halle Am Kanal kommen würde. Wenn er es gewusst hätte, betont er, „wäre ich dort nicht hingegangen“. Er hätte nie gewollt, dass sein Bruder oder der Sohn seines Kontrahenten „in unseren Konflikt“ reingezogen werden.

"Öfter dummes Zeug geschrieben"

Der Angeklagte geht in seiner Stellungnahme auch auf weitere Passagen des per Smartphone geführten Chats mit seinem Freund ein. Darunter diejenige aus dem November vergangenen Jahres, in der er angekündigt haben soll, einen „alten Boxer“ werde man bald Sieb nennen. „Die Rede vom Durchsieben war Geschwätz“, heißt es in dem vom Angeklagten selbstverfassten Text, den sein Anwalt Heinrich Maul nach eigener Darstellung nur „leise grammatikalisch“ korrigiert haben will. Auch die per WhatsApp gemachte Mitteilung, er habe etwas erfahren, das ihn sehr freue, stehe nicht im Zusammenhang mit dem Geschehen am 8. Januar. Da sei es um Frauengeschichten gegangen. Überhaupt habe er „öfter dummes Zeug geschrieben, als ich besoffen oder auf Kokain war“. Sein Freund wiederum habe mit seinen Antworten erreichen wollen, dass er sich schäme, wieder boxen gehe und an Wettkämpfen teilnehme.

Körperliche Auseinandersetzung als Wunsch

Ob bewusst oder unbewusst: Der junge Türke zeichnet von sich auch das Bild eines Mannes, der keiner körperlichen Auseinandersetzung aus dem Weg geht, diese zur Klärung von Streitigkeiten sogar bewusst sucht. Mit einem Video, das er seinen Rivalen über Mittelsleute zukommen ließ, habe er einen „Kampf Mann zu Mann“ provozieren wollen. Die „Sache eins zu eins mit den Fäusten“ zu klären, sich mit dem späteren Opfer der Messerstiche genauso wie mit einem Gegner aus dem Rockermilieu des Clubs Osmanen Frankfurt zu prügeln, sei „die ganze Zeit“ sein Wunsch gewesen. Dass es dabei nicht bleiben würde, scheint der Angeklagte aber auch schon selbst befürchtet zu haben. Dem Gericht erklärt er gestern, dass er außerhalb seines Wohnviertels im Ludwigshafener Hemshof „immer einen Schlagring oder Messer einstecken“ hatte – aus Angst vor Rache seitens der Osmanen und derjenigen, die aus seiner Sicht zu diesem Lager gehörte.

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