Donnersbergkreis Zwischen Idyll und Inferno

Placeholder-Image

KIRCHHEIMBOLANDEN. „Von Alphornklängen bis zum Negro Spiritual“ – der Titel des sehr gut besuchten zweiten Orgelsommer-Konzerts in der Paulskirche mit den renommierten Musikprofessoren Armin Rosin, Posaune, und Michael Felix an der Orgel ließ vordergründig den abgenutzten Begriff „Weltmusik quer durch alle Stile“ vermuten. Das Programm mit dem Novum „Alphorn vor dem Altar“ sprengte jedoch den üblichen Rahmen – finaler Höhepunkt nach viel Schönem war die Aufführung von Peter Michael Brauns (geb. 1936) „Jericho, die fallenden Mauern“.

Der in Falkenstein lebende Komponist widmete dieses Werk Rosin, der die Posaune als Soloinstrument in die Konzertsäle Europas neu eingeführt hat. Es ist ebenso dissonant-sperrig wie zutiefst packend: zerstörerisch, aufwühlend-schrecklich. Die Posaune schildert ein apokalyptisches Szenarium, ohrenzerfetzend und quälend schrill: Israeliten, allen voran Josua, belagern die Jebusiterstadt. Die Mauerrisse werden – bildhaft – immer breiter und bedrohlicher, sind nicht mehr zu kitten. (Die Bibel berichtet vom Einsturz durch Posaunengeschmetter.) Die Posaune dröhnt wüst und bohrend über der von Unruhe getriebenen Orgel, durchdringende dumpfe „Schreie“ verkünden die Katastrophe. Der Verwüstung folgt das Chaos – lähmende Öde in trostlosen, immer fahleren Nachklängen. Die Posaune „knarrt“ jetzt nur noch ganz leise, die Orgel „sinniert“ ihr nach, wie hilflos: Das Inferno ist vorbei. Braun dankte den beiden Künstlern für ihre fesselnde Interpretation. Das thematisch bezogene, aber optimistisch jazzende Spiritual „Joshe fit the battle of Jericho“ löst die beklemmenden Braun’schen Visionen auf. Rosin legt die Posaune beiseite und singt emphatisch und mit weiter Stimme die Kirche füllend den bekenntnishaften Text. Mit nicht enden wollendem Beifall im Stehen werden die Musiker zuletzt gefeiert. Die Zugabe, der eher innerlich gehaltene Song „My Lord, what a morning“, schlägt den Bogen zum Konzertbeginn. Zurück zum Alphorn, Rosin stellte es kurz vor: ursprünglich Signalinstrument für Hirten von Berg zu Berg, die Naturtöne werden mit den Lippen geformt. Die „Meditation“ von Nimra Korinthos (geb. 1939), von der Orgel behutsam begleitet, strahlt das Gefühl von Ruhe, Weite und Zeitlosigkeit aus, sie wird dabei von Echowirkungen noch vertieft. Der Bläser, als gebürtiger Karlsbader von der Klangwelt der Egerländer mitgeprägt, bearbeitete tradierte Miniaturen für das ungewöhnliche Duo Orgel/Alphorn. Vier kamen hier zu Gehör („Ruf zur Mutter Maria“, „Dr. Pfrontner“, „Taufe eines Mädchens“, „Egerer Stadttürmerfanfare“). Alle liedhaft eingängig, „volkstümlich“ im besten Sinne und rundum wohlklingend. Humorvoll: das letzte muntere Stück mit Jagdhorncharakter. Der Organist verpasste ihm mit „Auf der schwäb’schen Eisenbahne...“ eine Extraportion Charme. Echtes Schmankerl war danach das Orgelsolo „Andante in B-Dur KV 15“ aus dem Londoner Skizzenbuch des achtjährigen Wolfgang Amadeus Mozart – graziöses Rokoko, spielfreudig, perlend leicht, zauberhaft. Im Praeludium G-Dur, VW 541/1, von Johann Sebastian Bach spielte Felix seine souveräne Meisterschaft aus, virtuos die orchestrale Klangpracht der Stumm-Orgel und die urgewaltige Kontrapunktik ausschöpfend, klar strukturiert und überwältigend. „Marche F-Dur“ von Louis J. A. Lefébure-Wely (1817-1870) wurde zum organistischen Triumphzug. So ziehen Eroberer ein – martialisch, beinahe brutal. Die Orgel vergisst ihre sakrale Vornehmheit, schlägt Kirmestöne an und mutiert zum Musikkorps. Die auf gleicher Klangwelle musizierten barocken Bläser/Orgel-Duette waren besonders schön. In Jean Joseph Mourets (1682-1738) vielfarbiger „Petite Suite“ (wieder von Rosin bearbeitet, hier für die Basstrompete und Orgel) gestaltete das Duo die großangelegte Air festlich strahlend, um in der Gavotte – hüpfend schnell und filigran phrasiertes Orgelsolo – vor Lebhaftigkeit nur so zu sprühen. Umso eindringlicher und beseelt wirkte dann die zweite, sehr melodiöse Air. Das Menuett erhielt zusätzlichen Reiz durch den Einsatz des Glockenspiels, die Trompete bestach insgesamt durch ihre warm und rein leuchtende Tönung. In Johann Sebastian Bachs „Contrapunctus II“ (BWV 1080) vertiefte die Posaunenstimme das düster gehaltene Fugenthema. Beide Instrumente durchdrangen einander „wie aus einem Guss“. Und ganz besonders berührend war schließlich die „Arietta“ von William de Fesch, einem Zeitgenossen Bachs. In elegischem Tonfall sang die Posaune hier geradezu, untermalt von der fein registrierten Orgel. Schlicht und hochemotional.

x