Göllheim
Zementhersteller Dyckerhoff: Zuversicht trotz Klima-Auflagen
Regierungswechsel, internationale Zölle, eine allgemeine Zurückhaltung, wenn es um große Investitionen geht: Auch der Wiesbadener Zementhersteller Dyckerhoff mit einem Standort in Göllheim hat die Rezession deutlich zu spüren bekommen und tut es auch immer noch, berichtet Werkleiter Jochen Korn. Vor der Corona-Pandemie hatte sich der Zementverbrauch in Deutschland auf einem stabilen Niveau von etwa 29 Millionen Tonnen eingependelt. Mit der Pandemie geschah allerdings etwas, womit in der Branche niemand gerechnet hatte.
Schließlich blieben die Menschen notgedrungen zu Hause, brachten Wohnraum und Gärten auf Vordermann statt in die Ferne zu schweifen. Dyckerhoffs Absatz kletterte auf ein Spitzenniveau von etwa 31 Millionen Tonnen im Jahr. „Doch danach hat die Branche den Rückwärtsgang eingelegt“, beschreibt Jochen Korn den aktuellen Stand der Dinge. Mit „Rückwärtsgang“ meint er den Rückgang auf etwa 21 Millionen Tonnen Zement, die sich in den vergangenen Jahren bis 2024 nur noch verkauften. Mit ähnlichen Zahlen habe das Unternehmen auch für 2025 gerechnet. „So wie es jetzt nach drei Monaten aussieht, scheint sich diese Einschätzung zu bestätigen“, so der Werkleiter weiter.
Neue Impulse für Branche
Immerhin gibt es im Göllheimer Werk auch positive Nachrichten: Ein Personalabbau ist trotz der gesunkenen Auftragslage aktuell nicht geplant, erklärt Korn. „Wir haben uns vor Jahren in dieser Hinsicht effizient aufgestellt, das kommt uns in der Teilauslastung zugute.“ Etwa 145 Personen beschäftigt Dyckerhoff in Göllheim, darunter 20 Auszubildende.
Neben all den Hiobsbotschaften wie der kürzlich verstärkten Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump oder den immer lauter werdenden Forderungen nach Klimaneutralität in der Produktion von Unternehmen, gebe es auch Impulse, die den Rückgang eindämmen könnten, vermutet Korn. Einer davon seien unter anderem die Neuwahlen und das Infrastrukturprogramm der neuen Bundesregierung. So sollen in den nächsten zehn Jahren 500 Milliarden Euro in den Ausbau und die Sanierung von Straßen, Brücken und Schienennetze fließen. „Diese Investitionen sind sicherlich ein gutes Zeichen, aber wir müssen warten bis das Programm auf dem Markt ist“, schätzt Korn die Bedeutung für die gesamte Zementbranche ein. Erfahrungsgemäß dauere es eine Weile, bis es auch bei den Produzenten ankomme.
Bedarf ist weiterhin da
Obwohl die Zementbranche aktuell keine fetten Jahre erlebt, ganz wegzudenken sei der Werkstoff auch in Zukunft nicht, ist sich Korn sicher: „Der Bedarf ist weiterhin da, und es fehlt an einer Alternative.“ Darauf ausruhen wolle sich der Zementhersteller aber keinesfalls. „Wir haben uns branchenweit darauf verständigt, bis 2050 CO2-neutral zu produzieren“, sagt Korn, „Wir sind also schon mittendrin statt nur dabei“.
Konkret bedeutet das, die Zusammensetzung von Zement muss sich ändern: Denn der Hauptanteil von Kohlenstoffdioxid (CO2), der bei der Herstellung des Baustoffs freigesetzt wird, kommt durch einen hohen Klinker-Anteil. Dieser ist wichtig für die Widerstandsfähigkeit von Zement und wird unter hoher Energiezufuhr aus Kalkstein gewonnen. Dabei tritt allerdings auch CO2 aus dem Kalkstein aus, übrig bleibt ein graues Granulat, der sogenannte Klinker.
Klimafreundlichere Alternative gesucht
„Um den CO2-Anteil zu reduzieren, versuchen wir schon seit einigen Jahren den Anteil von Klinker im Zement zu reduzieren, setzen wir schon seit Jahren Ersatzmaterialien bei der Produktion ein“, erklärt Korn. Statt eines Universal-Zementes stünde Kunden künftig eine größere Vielfalt an Produkten mit unterschiedlichem Klinker-Anteil im Zement zur Verfügung. Im Umkehrschluss bedeute das, Planer müssten sich schon im Vorfeld allumfassender Gedanken machen, wie widerstandsfähig unterschiedliche Teile ihres Bauwerkes sein müssen. Korn macht ein Beispiel: „Ein Fundament oder eine Deckenplatte muss anderen Witterungsverhältnissen standhalten als eine Brücke.“
Auch im Göllheimer Werk zieht das größere Angebot Veränderungen nach sich. Um unterschiedliche Zementarten anbieten zu können, braucht es entsprechende Lagerflächen für das Endprodukt sowie für weitere Zumahlstoffe, also Inhaltsstoffe zur Zementherstellung. Deswegen baut das Unternehmen aktuell ein neues Versandsilo, das im ersten Quartel 2026 in Betrieb genommen werden soll. Ein drittes Silo für Zumahlstoffe entsteht ebenfalls gerade.
Investition in CO2 -Abscheidung
Leider ließen sich CO2-Emissionen bei der Herstellung von Zement nicht komplett vermeiden, erklärt Korn. Diese entstehen nämlich durch den chemischen Prozess beim Brennen von Kalkstein. Daher bleibt nur die Möglichkeit, das CO2 aus dem Produktionsprozess abzuscheiden und zu speichern beziehungsweise weiterzuverwenden. Dyckerhoff will hier Pionierarbeit leisten und hat bereits an seinem Standort im thüringischen Deuna mit der Detailplanung einer CO 2-Abscheideanlage begonnen. Die Investition von rund 350 Millionen Euro steht derzeit noch unter dem Vorbehalt der lokalen behördlichen Genehmigungen sowie der Zustimmung des Dyckerhoff Aufsichtsrates.
Weiterhin hat sich das Unternehmen zusammen mit den Firmen Heidelberg Materials, Schwenk und dem französischen Unternehmen Vicat im Forschungsprojekt CI4C zusammengetan. Auf dem Gelände des Schwenk Zementwerks in Mergelstetten werden insgesamt rund 120 Millionen Euro investiert. Dort wird rein zu Forschungszwecken derzeit eine Anlage zur CO2-Abscheidung nach dem Pure-Oxyfuel-Verfahren errichtet. Anders als beim üblichen Klinkerbrennprozess wird nicht nur der Sauerstoff aus der Umgebungsluft im Ofen verwendet, sondern reiner Sauerstoff hinzugefügt. Dadurch entfällt der Stickstoff aus der Umgebungsluft. Dadurch ist eine höhere Konzentration von CO2 im Abgas möglich und das klimaschädliche Treibhausgas kann nahezu vollständig abgeschieden werden. Die Anlage soll voraussichtlich noch in diesem Jahr in Betrieb gehen.