Donnersbergkreis Wohlgebaute Stadt im Wandel
Als „kleine wohlgebaute Stadt“ sah der Berliner Gymnasialdirektor Anton Friedrich Büsching „Kirchheim-Poland“ anno 1790 in seiner „Erdbeschreibung“: auf einer „gesunden Anhöhe“ gelegen, mit ungefähr 300 Häusern, zwei neuen Straßen in der Gegend des Schlosses und dem Schloss selbst, „bey welchem ein Garten ist“. Was Kirchheimbolanden angeht, scheint dem Zitat Zeitlosigkeit vergönnt, und darum hat es Klaus Kremb auch als übergreifenden Titel seines neuen Buches zur Stadtgeschichte gewählt: „...Eine kleine wohlgebaute Stadt.“
Der Historiker und Geograf legt damit im 650. Jubiläumsjahr der Stadtrechtsverleihung bereits Band 2 einer neuen städtischen Schriftenreihe vor. Während der erste bei eher knappen Texten vor allem bebilderte Historie ist, spürt Kremb nun auf knapp 200 Seiten chronologisch prägenden Ereignissen und Zäsuren sowie herausragenden Persönlichkeiten über fast 1250 Jahre nach. Es gehe ihm, sagt Kremb selbst, dabei nicht um eine neue Chronik neben der maßstabsetzenden Arbeit von Hans Döhn aus dem Jahr 1968, sondern um ergänzende Vertiefung. Umfangreich hat der frühere Schulleiter des Wilhelm-Erb-Gymnasiums Winnweiler dafür in Archiven, Museen und Bibliotheken recherchiert, aber zum Beispiel auch aus dem reichen Wissensschatz des unvergessenen Konrad Lucae und natürlich jahrzehntelanger eigener Beschäftigung mit Regionalgeschichte schöpfen können. Um dies alles mit dem Herzblut des echten „Kerchemers“ in eine beeindruckende ehrenamtliche Arbeit einzubinden, deren gedrucktes Ergebnis kürzlich beim Festakt zum Stadtrechtsjubiläum seine Premiere hatte. Zwölf Schnittfeldern der Geschichte wenden sich die Beiträge zu, in denen der Leser, gut portioniert, nicht nur eine ungemeine Fülle an Fakten erfährt, sondern sich gern an die Hand genommen fühlt, um am Beispiel einer kleinen Stadt in guten wie schlechten Zeiten den großen Fluss geschichtlicher Kontinuität zu erfahren. Zumal Kremb das zeitliche wie räumliche Geschehen nie isoliert lokalhistorisch betrachtet, sondern in den Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen einordnet. Jedem Kapitel ist ein zeitgenössisches Zitat vorangestellt. Das erste: „Hofreiten, Weinberge, Wälder und Gewässer“ in „Kircheimer marca“ bezeugt die Schenkung eines Landeigentümers namens Wulfrich an das Kloster Lorsch im Jahr 774. Es ist nichts weniger als der Eintritt der kleinen Agrarsiedlung in die geschriebene Geschichte. Am Ende der Zeitskala, nah an der Gegenwart, klingen die Zitate zwar deutlich blasser, aber der Anerkennung einer Mainzer Staatssekretärin: „Es ist hier allerlei entstanden“ ist in der Sache natürlich nicht zu widersprechen. In anderen Zeiten ging’s eben huldvoller und bildhafter zu. Etwa, wenn der Herr von Bolanden und seine Frau im Bogenfeld des Rothenkircher Refektoriums auf Latein verewigen ließen: „Dieses Haus haben Werner und Guda errichtet“. Oder Karl IV. in der Stadtrechtsurkunde von 1368 Graf Heinrich II. von Sponheim-Bolanden für sein Kirchheim die Gunst gewährte, „eine Stat daraus zu machen ewiglich“. Eine Stadt, die schon vordem durch die Remigiuskirche Kirche und Gläubigen Heim bot, ein Kirchheim also, nun aber im Schutz der Stadtmauer wirtschaftliche und administrative Zentralität für die Region erlangte. Dem streitbaren reformatorischen 16. Jahrhundert folgte ein von Kriegen geprägtes. „Deformirt, ruinirt, zur Wuestenei und Einoede geworden“, zitiert Kremb die düstere Klage eines Zeitzeugen über Kirchheim. Ein gutes Jahrhundert später war die Stadt aufs Neue erblüht unter den Fürsten von Nassau-Weilburg. Jene „wohlgebaute Stadt“ eben und eine von vielen kleinen Residenzen, die deutsche Lande überzogen und zerstückelten. Und deren jähes Ende mit der französischen Revolution, der Herrschaft Napoleons kam. Die darauf folgende Zeit unter bayrischer Krone brachte für Kirchheimbolanden andere Entwicklungsmöglichkeiten. Kremb macht sie vor allem an der Bedeutung als Landkommissariatsstadt mit neuen repräsentativen Amtsgebäuden, aber auch einem deutlichen wirtschaftlichem Schub fest, der allerdings auf wenig freien Geist traf. Das Feuer der Revolution loderte daher 1848/49 auch in Kirchheimbolanden, wo deren wichtigster lokaler Protagonist Friedrich Wilhelm Glaser selbst Antworten auf seine Frage gab: „Welche Reformen sind nothwendig, zweckmäßig?“ In der Kaiserzeit um 1900, einer Ära deutscher Größe und Herrlichkeit, richtet Kremb facettenreich den Focus auf zwei „Symbolorte“: den Schillerhain, Stätte nationaler Gesinnung wie Hoffnungsträger für den jungen „Luftkurort“. Und den Bahnhof, der den Anschluss an die Welt und weiteren Stadtausbau mit sich brachte. Der gesellschaftliche Neubeginn nach 1945 (mit einem streifenden Rückblick auf die NS-Zeit vor Ort) ist Stoff eines weiteren Kapitels. Mit Schilderungen des dringlichen Ausbaus der Wirtschaft, der Schaffung von Arbeitsplätzen, Wohnungen und Bildungseinrichtungen in den 1960er Jahren erreicht Kremb schließlich die Erfahrungswelt seiner heutigen Leser. Etliche werden sich noch an jenen abstrusen Imlau-Plan erinnern, der die Altstadt zugunsten gesichtsloser Neubauten und Autostraßen weitgehend ausradiert hätte, zum Glück aber nur in kleinen Teilen umgesetzt wurde. Auch weil sich ein neues Bewusstsein für Denkmalpflege zu entwickeln begann, das mit der folgenden langjährigen Stadtsanierung unter Bürgermeister Lothar Sießl auch praktisch Raum griff. Und erst recht weiß man heute das wohlgebaute barocke Erbe zu schätzen. In diesem letzten Kapitel geht der Autor auf den Gleichklang von Geschichte und Moderne ein, der prosperierende Gegenwart und Zukunft prägen soll – mit einer erstaunlichen Anzahl von Arbeitsplätzen, Bildungsmöglichkeiten und hoher Lebensqualität in vielen Facetten. Reich illustriert sind alle Kapitel, zudem aufgelockert durch weitere Informationen. Kremb macht es dem Leser nicht schwer, den Zeitläufen zu folgen – selbst wenn der das eine oder andere Mal auf Fachvokabular des Wissenschaftlers trifft. Eine Fleißarbeit für sich ist der Anhang mit über 1000 Anmerkungen sowie Orts- und Personenregister. Und eine nette gestalterische Idee buchstäblich am Rande: Das Stadtwappen ziert die „Umblätter-Ecke“ jeder Buchseite.