Donnersbergkreis Wo Worte schal bleiben
«Kirchheimbolanden.» Kein Karfreitag ohne Passionsmusik – nicht nur Bachs Matthäus-Evangelium aus dem Rundfunk. Musik kann, so viel ist sicher, in tiefste Bereiche menschlichen Empfindens und Nachsinnens dringen und dort weiterwirken, wo Worte schal bleiben. In langer Tradition führt Martin Reitzig an diesem dunkelsten Tag des Kirchenjahres Konzerte mit der Bezirkskantorei Kirchheimbolanden-Winnweiler auf. Wieder war die protestantische Peterskirche gut besucht.
Einstieg an der Orgel mit dem „Cantabile“ (Allegretto, aus „Fanfare, Cantabile und Finale“) des Belgiers Jacques-Nicolas Lemmens (1823-1881) war im Blick auf den belasteten Anlass zumindest ungewöhnlich: Zwar im Mittelteil mit melancholischen Anklängen, aber nicht wirklich traurig, wird da eine liebenswerte, eingängig-tänzerische Melodie im Dreiertakt gewalzt. Rundum heiter und lebensbejahend – und das seriöse Kircheninstrument nimmt unvermutete Drehorgelmanieren an. Die sakrale, die großartige und bekenntnishafte Seite der „Königin der Instrumente“ ließ der Organist später mit der Choralvariation „Ach, was soll ich Sünder machen?“ (BWV 770, aus 10 Partiten) anklingen. Keiner verstand es, den Menschen Gott oder „Religion“ mit den Mitteln der Musik so nahe zu bringen wie der große Johann Sebastian Bach (1685-1750). Hier erklang ein vielfarbiges, kontrastreich registriertes und fein gewirktes Mosaik. Plastisch herausgearbeitete Mehrstimmigkeit auf Manualen und Pedal, kontrapunktische Finessen und „Verfugungen“ – das mathematisch strukturierte Spiel mit Tönen und Tönungen schien unbegrenzt. Obwohl 1000-fach zitiert und „abgenutzt missbraucht“, bleibt er unvergänglich in seiner elementaren melodiösen Eindringlichkeit: der berühmte „Kanon in D“ von Johann Pachelbel (1653-1706), hier klangschön ziseliert und phrasiert von Marianneli Spratte an der ersten Geige, gefolgt von ihren Schülern Sebastian Hirsch und Carla Tropf; das fundamentale Ostinato (Basslinie) strich Sarah Spratte auf dem Cello. Sebastian Spratte, der Vater, bereicherte das Konzert mit markanter Fagottstimme im Duo mit Reitzig an der Orgel. Aufgeführt wurden zwei Sätze Georg Philipp Telemanns (1681-1767): zunächst das „Andante“ aus der Sonate in a-Moll, aus dem die Bläserstimme liedhaft und sonor herausleuchtete, und, ganz ähnlich im Charakter, ebenfalls melodisch reizvoll und weittragend, das „Cantabile“ aus der Sonate e-Moll. Bemerkenswert geschult und erfreulich homogen, deutlich fortgeschritten in den Männerstimmen, trat die Kantorei auf. Zunächst mit dem „Agnus Dei“ von Giacomo Carissimi (1605-1674). Der Chor, untermalt von dem Streichquartett, klang warm und motiviert, Reitzig dirigierte mit weiten, klaren Bewegungen. „Jesus Christus, erhöre uns“: Mit zu den Höhepunkten zählte das flehend und mit großer Intensität gesungene Gebet aus Johann Michael Haydns (1737-1806) „Finsternis deckt das Land“ (Tenebrae factae sunt) – es war Motto der konzertanten Passions- Andacht. Nachhaltiger Ausklang nach dem Segen blieben das „Kyrie“ und „Agnus Dei“ aus César Francks Messe in A op.12, mit Streichern, Fagott und Continuo (an der Orgel: Dominik Keller). Sieht man von kleinen Wacklern hie und da ab, waren die Ensembleleistungen beachtlich und die Musik nicht zuletzt durch ihre Ausdrucksskala und Vielstimmigkeit bewegend. „Gott, wir schauen auf das Kreuz. Wir sehen das Leiden unseres Bruders Jesus Christus. ... Er flieht nicht aus der Not der Welt und dem Jammer der Zeit ... Du hältst uns die Treue durch seinen Tod“: Sätze aus dem Gebet Pfarrerin Birgit Rummers. Mit der Lesung aus der lukanischen Passionsgeschichte, Kapitel 23, wurde das Grauen der Kreuzigung gegenwärtig. Die Gemeinde war mit dem Psalm 22 („Mein Gott, mein Gott – warum hast du mich verlassen?“), den Jesus selbst am Kreuz herausgestöhnt hat, dem neueren Lied „Durch das Dunkel hindurch“ und dem Choral „Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken“ in die Liturgie eingebunden.