Donnersbergkreis
Weierhof: Gediegen und angenehm
Überaus zufrieden – das bezeugte der Applaus – war das Publikum am Samstag im Blauen Haus auf dem Weierhof am Samstagabend nach dem Konzert von Benjamin Reiter. Der junge Mann leitet seit Juni die Kreismusikschule.
Der vielseitige junge Musiker – er wirkt auch als Progressive-Rocker und professioneller Songwriter – stellte sich als Pianist mit Klaviermusik von Johannes Brahms, Claude Debussy und Aram Chatschaturjan vor.
Auch ein Konzert sei Musikvermittlung, sagte Reiter eingangs; insofern sei es ihm wichtig, gerade in Zeiten, in denen aus drei Tönen zusammengesetzte Musik allgegenwärtig sei, zu komplexeren Kompositionen durch einführende Erläuterungen im Programmblatt und in der Moderation hinzuführen. Sah es anfangs so aus, als könnte ein Allzuviel an Wort die Musik erdrücken, erwiesen sich Reiters Hinweise, besonders zu Chatschaturjan, als wirklich zweckmäßig.
Packende Geschlossenheit
Johannes Brahms komponierte seine Vier Balladen op. 10 als junger Mann von 21 Jahren, nachdem sein Freund Robert Schumann versucht hatte, sich umzubringen. Sie sind voll romantischer Melancholie. Die erste, „Edward“, geht auf ein altschottisches Gedicht zurück, das in Wechselrede zwischen Mutter und Sohn einen Vatermord enthüllt („Mein Sohn, was ist dein Schwert so rot?“).
Es mag an der doppelten Aufgabe, die Reiter sich gestellt hatte, die Musik in beschreibenden Worten und als ausführender Künstler zu präsentieren, gelegen haben, dass sein Spiel zwar von Anfang an sehr angenehm war, aber erst im Laufe der Brahmsschen Balladen zu der packenden Geschlossenheit fand, die die Hörer mitriss.
Grundduktus und gewählte Tempi schienen in der Edward-Ballade plausibel, es gab sinnvolle dynamische Abstufungen, kräftige und verhaltene Passagen, bis hin zum subtil zurückgenommenen Abschluss. Die Stimmung der zweiten Ballade ist freundlich träumend, der Künstler gestaltet sehr schön versonnenes Schlendern. Nun kommt offenbar jemand in freudiger Erwartung gerannt oder geritten – Reiter spielt so lebhaft, dass der Hörer Bilder und Szenen vor sich sieht, die lebendige klangliche Gediegenheit des Spiels braucht keine extremen Effekte. In den schnelleren Abschlusspassagen trifft Reiter die meisten Töne richtig. Die dritte Ballade erklingt ungemein fesselnd; eine nachgerade gespenstische Atmosphäre trifft auf wunderschön milde Klänge, auch die vierte Ballade wirkt angenehm und gelassen.
Beträchtliche Sogkraft
Alle diese Qualitäten kamen auch in drei Stücken aus dem ersten Band der „Images“ von Debussy zur Geltung. Reiters wunderschön ruhiger, klanglich reiner Vortrag gefiel unbedingt und entwickelte beträchtliche Sogkraft, sich ganz dem Zauber raffinierter Harmonien hinzugeben. Dass die Hitze in dem von aller Frischluftzufuhr konsequent abgeschnittenen Saal mittlerweile kaum noch erträgliche, nachgerade betäubende Ausmaße angenommen hatte, verstärkte diesen Effekt gewiss.
Die Pause schaffte Erleichterung – und neue Aufmerksamkeit für die im Westen selten gespielte einzige Klaviersonate von Aram Chatschaturjan. Der im georgischen Tiflis aufgewachsene Armenier war einer der prominentesten Komponisten der Sowjetunion. Im Westen wurde nur sein furioser Säbeltanz zum Ohrwurm. Dessen furios hämmernde Akkordschläge finden sich auch da und dort in der Sonate, die trotz klassischer Satzbezeichnungen eher rhapsodisch freie Strukturen aufweist. Chatschaturjan ließ sich von der Volksmusik seiner Heimat inspirieren. Manches klingt daher orientalisch. Der Komponist behält die Dur-Moll-Tonalität bei, verfremdet aber ihre Akkorde durch zugefügte Dissonanzen und mischt Dreiklänge verschiedener Tonarten. Reiter erläuterte das anschaulich – und spielte dann die ausgedehnte Komposition mit durchgehender Spannung und Stringenz, dabei durchaus brillant, soweit es die eingeschränkten Klangmöglichkeiten des recht kleinen und in den Höhen wenig funkelnden Flügels zuließen. Sicher hätte man gewisse scharfe Akkorde wuchtiger herausmeißeln, Chatschaturjans Neigung, „mit lauter Stimme zu sprechen“, stärker betonen können – aber das wäre für Pianist und Hörer auf die Dauer wahrscheinlich zu anstrengend gewesen.
Der Beifall war herzlich, und die Zugabe, Chopins Nocturne in cis-Moll, zeigte noch mal sehr schön Benjamin Reiters Fähigkeit, interessant und lebhaft zu spielen, ohne hochpolierte Brillanz oder subjektivistische Zerdehnungen zu benötigen.