Kalkofen
Was die Grundsteuer B mit dem defekten Dach der Aussegnungshalle zu tun hat
In Marnheim drohen die Arbeiten am Sport- und Freizeitzentrum ins Stocken zu geraten. In Seelen musste die Renovierung der „Lehrerwohnung“ zurückgestellt werden. In Gaugrehweiler stehen die Sanierung von Denkmal und Brunnenanlage zur Disposition, während sich in Schiersfeld vorerst Bürger um die Pflege der Bäume an Spielplatz und Friedhof kümmern. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Der Grund ist überall ähnlich: Die Gemeinden haben ihre Steuersätze nicht, nicht ausreichend oder nicht sofort angehoben – das fordert jedoch die Kommunalaufsicht bei der Kreisverwaltung, die damit dem Drängen des Landes folgt. Mit der Konsequenz, dass unter Umständen die Haushaltspläne sich verweigernder Kommunen nicht genehmigt und darin enthaltene Maßnahmen blockiert werden.
Ein Paradebeispiel ist das Dach der Kalkofener Leichenhalle. Gunter Jung erinnert sich noch, als das Gebäude in den 1970er Jahren auf dem Friedhof errichtet worden ist. „Das war während der Ölkrise, die ja auch Fahrverbote nach sich zog. Der Landrat hatte eine Sondergenehmigung, um zur Einweihung nach Kalkofen zu kommen – und prompt ist ihm ein Wildschwein ins Auto gelaufen“, erzählt das Gemeinderatsmitglied schmunzelnd.
Vorraum steht voll Wasser
Die Schäden am Wagen des damaligen Kreischefs Karl Ritter sind längst Geschichte – im Gegensatz zu den aktuellen am Gebäude. Dieses ist wie das Dach zweigeteilt: Der eigentlichen Aussegnungshalle ist ein etwas größerer, höherer und nach vorne offener Vorraum angegliedert. In diesem habe im Vorjahr nach stärkeren Regenfällen plötzlich alles voll Wasser gestanden, berichtet der seit März amtierende Ortsbürgermeister Christoph Küsters. Das verwunderte Jung jedoch nicht allzu sehr: „Bei einem steilen Dach läuft das Wasser nun mal besser ab, ein Flachdach wie hier macht im Laufe der Zeit immer mal wieder Probleme.“
Vermutlich kommen in Kalkofen mehrere Dinge zusammen: Die Tonziegeln waren ursprünglich mit Falzen – einer Art Kante – versehen, die das Eindringen von Wasser verhindern sollen. „Die sind aber inzwischen fast überall kaputt“, so Küsters. Und Ersatz sei kaum zu bekommen, weil dieser Typ Ziegeln nicht mehr produziert werde. „Man kann bestenfalls schauen, ob es irgendwo Restbestände gibt, die dann auch noch kompatibel sind.“
Außerdem haben sich auf dem Dach im Laufe der Zeit Moos und Flechte breitgemacht, die umstehenden Birkenbäume tun ihr Übriges. „Dieser Belag saugt die Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf und gibt sie nach innen weiter“, erläutert der Ortschef. Dort seien zudem, wie eine Überprüfung ergeben habe, eine Folie defekt und ein Dachsparren bereits mehr oder minder durchgefault. „Man muss bedenken, das gesamte Material ist um die 50 Jahre alt“, sagt Küsters. In die Aussegnungshalle selbst habe es noch nicht hineingetropft – „aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit“.
Die VG-Bauabteilung habe daher eine Kostenschätzung für die Reparatur des Daches erstellt. Und hier kommt der Haushalt ins Spiel: Denn nach dieser Kalkulation wäre für eine Sanierung mit über 20.000 Euro zu rechnen. Ein Betrag, den die Gemeinde kaum stemmen kann. Zumal die Kommunalaufsicht der Finanzplanung für 2021 und 2022 im ersten Anlauf die Zustimmung verweigert hatte: Um die Bürger nicht noch stärker zu belasten, hatte der Rat die geforderte Erhöhung des Steuersatzes zunächst abgelehnt. „Damit war die Gemeinde aber nicht mehr handlungsfähig. Wir hatten neulich zwei Jubilare, ich hätte ihnen nicht mal einen Blumenstrauß holen können“, so Küsters. Zähneknirschend habe das Gremium nun eine schrittweise Anhebung der Grundsteuer B von 365 auf 420 (2022) und dann auf 500 Prozent (2023) beschlossen.
Damit hat der Kreis zwar den Haushalt frei gegeben. „Geld für die Aussegnungshalle haben wir aber immer noch nicht. Im Ergebnishaushalt steht ein Minus von rund 15.000 Euro, unsere Pro-Kopf-Verschuldung ist beträchtlich“, sagt der Ortschef weiter. Erschwerend hinzu kamen in den Vorjahren Ausgaben im fünfstelligen Bereich für die Anlegung eines neuen Urnengräberfeldes. Und nicht zuletzt verweist Küsters darauf, „dass es keine Pflichtaufgabe einer Gemeinde ist, eine Leichenhalle vorzuhalten. Das hat mich auch gewundert, aber es gibt einige Dörfer, die so etwas nicht haben – daher ist es eine freiwillige Leistung.“ Und die wird als erstes gekappt, wenn kein Geld in der Kasse ist.
Vorerst griffen die Kalkofener nun zur Selbsthilfe: Bei einem ehrenamtlichen Arbeitseinsatz haben sie nicht nur den coronabedingt brachliegenden Grillplatz auf Vordermann gebracht, sondern auch das Dach der Aussegnungshalle gesäubert. „Den rechten Teil über dem Vorraum haben wir mit einem Hochdruckreiniger abgestrahlt. Links sind wir nicht richtig drangekommen, diesen Bereich haben wir nur abkehren können“, erzählt Jung. Immerhin konnte man dadurch die Eindeckung vor allem im besonders betroffenen Abschnitt von Bewuchs und Dreck befreien. Seither habe sich wenigstens keine Flüssigkeit mehr auf dem Boden gesammelt – nur an der offenen Seite sei es vor kurzem ein klein wenig feucht gewesen. „Die Aktion hat etwas gebracht, ganz dicht ist es aber natürlich nicht“, so Jung. Entsprechende Flecken sind bereits an den Brettern der Innendecke zu sehen.
Letzte Lösung: sammeln gehen
Wie soll’s weitergehen? „Es ist klar, dass die Schäden mit der Zeit größer werden. Dann müssen vielleicht ganze Sparren entfernt werden, und es wird noch teurer“, sagt Küsters und zuckt mit den Schultern. Eine nennenswerte Verbesserung der finanziellen Situation sei so schnell nicht zu erwarten. „Man könnte höchstens versuchen, die Maßnahme über einen Nachtragshaushalt zu finanzieren. Die Frage ist, was die Kommunalaufsicht dazu sagt.“ Der möchte Küsters nicht den schwarzen Peter zuschieben, „sie setzen nur das um, was sie von oben aufgetragen bekommen“. Generell sei er ja noch neu im kommunalpolitischen Geschäft – „aber es macht einen schon stutzig, wie so etwas läuft“. Gunter Jung zeigt mit dem Finger auf das marode Dach: „Bevor es ganz kaputt geht, müssen wir es machen – egal wie. Und wenn wir im Ort eine Sammelaktion starten.“ Die ist dann vielleicht auch in Marnheim notwendig. Und in Seelen. Und in Gaugrehweiler. Und in Schiersfeld. Und ...