Fussball
Vereine für zusätzlichen Wechsel bei Kopfverletzungen offen
„Wir haben schon zuletzt den Vorreiter gespielt. Dass ein Landesverband vier Auswechselspieler in einem Ligaspiel zulässt, das gibt es sonst nirgends“, sagt Franz-Josef Kolb, der beim Südwestdeutschen Fußballverband (SWFV) für die Leitung des Sport- und Spielbetriebs verantwortlich ist. „Wir hatten damals den Hintergedanken, dass es egal ist, ob ein Spiel im Pokalmodus ausgetragen wird, in dem beim DFB vier Auswechselspieler möglich sind. Wir haben diese Regelung auch für Ligaspiele übernehmen wollen, um eine zusätzliche Option zu schaffen.“
Doch wozu eine neuerliche Regeländerung? Ellenbogeneinsatz, Geschubse, aber auch ein Schlag mit der Hand kann in einem Luft-Zweikampf zu Platzwunden, bei einem Sturz auch zu schwerwiegenderen Verletzungen wie einer Gehirnerschütterung führen. Vor Augen ist vielen noch Christoph Kramer, der im Finale der Weltmeisterschaft 2014 gegen Argentinien auf Strafraumhöhe von seinem Gegenspieler Ezequiel Garay mit der Schulter mit voller Wucht am Kopf getroffen wurde. Völlig benommen spielte er noch 14 Minuten weiter – mit Gehirnerschütterung. Kramer fragte den Unparteiischen Nicola Rizzoli im Anschluss: „Schiedsrichter, ist das das Finale?“ Rizzoli äußerte sich nach der Partie entsprechend: „Ich dachte, er macht einen Spaß mit mir und habe ihn gebeten, die Frage zu wiederholen. Darauf sagte er, ich muss wissen, ob das wirklich das Finale ist. Und als ich ja sagte, entgegnete er: ,Danke, das ist wichtig zu wissen’.“ Kramer wurde ausgewechselt, wodurch Joachim Löw früh im Spiel eine Wechseloption verloren ging.
Solche Szenarien sind möglicherweise bald Vergangenheit. Bei der Klub-Weltmeisterschaft in Katar, die am Donnerstag mit dem Finale endet, wird zum Schutz der Spieler im Falle einer Kopfverletzung eine zusätzliche Auswechslung erlaubt. Das teilte der Fußball-Weltverband Fifa mit.
Testphase für zusätzliche Auswechslung begonnen
„Ich habe schon öfter gedacht, wenn sich in der Schlussphase ein Spieler schwer verletzt hat und unser Wechselkontingent erschöpft war, dass es gut wäre, noch mal wechseln zu können“, meint Gerhard Schmidt, Sportlicher Leiter des SV Kirchheimbolanden.
Die Regelung einer zusätzlichen Auswechslung bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung geht nun in eine Testphase. Wie die Regel letztlich aussehen wird und ob sie überhaupt dauerhaft Anwendung findet, soll sich dabei zeigen. Zwei Varianten sollen getestet werden. „Solche Verletzungen können lebensgefährlich sein. Wenn es tatsächlich kommt, bin ich der Letzte, der sich davor verschließt“, sagt auch Kolb vom SWFV, der darin einen guten Ansatzpunkt sieht. In einer ersten Testvariante ist bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung pro Mannschaft ein zusätzlicher Wechsel möglich, der nicht auf das ursprüngliche Wechselkontingent angerechnet wird.
Eine zweite Ausarbeitung der Regel sieht vor, dass unter den genannten Umständen pro Mannschaft zwei zusätzliche Auswechslungen möglich sind. Jedes Mal bekommt dann das gegnerische Team ebenfalls einen weiteren Wechsel. Das soll mögliche sportliche Nachteile ausgleichen und einen Missbrauch der Regel unattraktiver machen. „Diese Regelung, wenn beide wechseln dürfen, ist deutlich fairer“, fügt Kolb an.
Die Entscheidung trifft das betroffene Team
Ab jetzt kann die Regeländerung auch in anderen Ligen oder Wettbewerben ausprobiert werden. Die Wechsel-Entscheidung soll dabei jedoch nicht der Schiedsrichter treffen, auch eine neutrale medizinische Person werde es nicht geben, da die Regelung so gerade bei Amateuren nicht umsetzbar wäre. Die Entscheidung eines zusätzlichen Wechsels soll laut International Football Association Board (Ifab), dem für die Regeln im Weltfußball zuständigen Gremium, vielmehr bei dem betroffenen Team liegen.
„Da könnte es schnell Diskussionen zwischen Spielern, Schiedsrichtern und Zuschauern geben“, sagt Tim Gabelmann, Trainer des FV Rockenhausen, der ebenfalls befürwortet, dass beide Mannschaften bei einem Wechsel wegen einer Kopfverletzung zweimal wechseln dürfen. Doch er fragt sich, weshalb solch ein Wechsel auf eine Kopfverletzung beschränkt werden sollte. „Man sollte es nicht noch komplizierter machen, wie es zurzeit ist“, fügt er an und verweist dabei auf die Handspielregel, die viel Diskussionsstoff mit sich bringt.
Nun kommt es wie folgt: Nachdem das Ifab im Dezember eine Genehmigung erteilt hatte, bestätigte die Fifa das Prozedere für die Klub-WM. Bei tatsächlichen oder vermuteten Gehirnerschütterungen werde das Verfahren erstmals bei einem internationalen Wettbewerb angewendet, erklärte die Fifa in einer Mitteilung.
„Regel muss auch für andere Verletzungen gelten“
Ein Vorteil liege auch darin, dass der Druck auf Spieler, Trainer und Mannschaftsärzte, eine schnelle Entscheidung treffen zu müssen, verringert werde. Über mehrere Monate hatten medizinische Experten, Teamärzte, Spielervertreter, Trainer, Wettbewerbsorganisatoren, Schiedsrichter und Regel-Experten beraten. Das Ifab hatte sich darauf verständigt, dass betroffene Spieler bei einer tatsächlichen oder vermuteten Gehirnerschütterung nicht mehr weiterspielen dürfen, ihre Mannschaft dadurch aber keinen numerischen Nachteil erleidet, falls bereits alle Wechselmöglichkeiten ausgeschöpft sein sollten. Ist diese Regelung aber auch bei den Amateurklubs umsetzbar?
Igor Schmidt, Mittelfeldspieler des SV Gundersweiler, befürwortet die Regelung. „Es wäre doch gut, wenn eine Mannschaft nicht durch solch eine Verletzung geschwächt wird“, sagt der 36-Jährige. Jedoch sei es zwingend notwendig, genau zu definieren, was als Kopfverletzung gelte. „Das muss medizinisch genau bestimmbar sein“, sagt Schmidt, der in Winnweiler wohnt. Für ihn wäre es die beste Lösung, wenn der Schiedsrichter darüber entscheiden würde, welche Mannschaft nochmals wechseln darf, oder die Durchführung der Neu-Regelung an einen medizinischen Notfall gekoppelt sei.
Für Kirchheimbolandens Sportlichen Leiter Gerhard Schmidt ist es nötig festzulegen, dass eine Kopfverletzung nicht das alleinige Kriterium sein kann. „Es muss auch für andere Verletzungen gelten“, sagt er, der jedoch nicht jede Art einer Verletzung gelten lasse will. Wichtig sei ihm, dass die Spieler keine Verletzungen vortäuschen. „Da muss man sich natürlich auch am Fair-Play-Gedanken orientieren“, meint er.