Rockenhausen
Ukraine-Hilfe: Firma Adient baut Haus zu Flüchtlingsunterkunft um
„Die Idee war schnell geboren. Aber in welcher Geschwindigkeit und mit welchem Engagement alle Beteiligten zusammen das Gebäude in diesen Zustand gebracht haben, das hat meine Erwartungen weit übertroffen.“ Guido Herkenrath, Leiter des Rockenhausener Adient-Werkes, steht im Erdgeschoss des gegenüber dem Firmengelände an der Kreisstraße 13 gelegenen Anwesens und blickt mit Stolz auf die teils generalsanierte, weitestgehend aber nagelneue Einrichtung.
Der Anblick vor sechs Wochen war noch ganz ein anderer: Zwar habe das Anfang der 1960er Jahre erbaute, seit längerem ungenutzte Wohnhaus „eine gute Grundsubstanz – es war aber verlebt. So hätten wir dort niemanden einquartieren können“, sagt Herkenrath. Kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat er angeregt, die Immobilie Kriegsflüchtlingen zur Verfügung zu stellen.
Beschwerden wegen Lärm- und Geruchsbelästigung
Solch hehren Ziele waren es allerdings nicht, die den Sitzhersteller vor rund zehn Jahren zum Erwerb des zweigeschossigen Gebäudes bewogen hatten. Die Gründe waren vielmehr pragmatischer Natur: Die früheren Privatbesitzer hätten wiederholt Anstoß an Geruchs- und Lärmbelästigungen aus dem nahe gelegenen Werk genommen, erzählt der Werkleiter. Als sich die Gelegenheit bot, hat Adient – damals in Keiper-Nachfolge noch unter Johnson Controls firmierend – das Problem kurzerhand monetär gelöst und das Gelände in sein Eigentum gebracht.
Der Komplex ist allerdings schon einmal von Asylsuchenden genutzt worden: von Syrern, die im Zuge der ersten Flüchtlingswelle 2015 vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflüchtet sind. Als diese Verwendung ausgelaufen ist, gab es Pläne für die Einrichtung einer betriebseigenen Kita. Sie ließen sich jedoch laut Herkenrath wegen zu hoher Auflagen und damit verbundener Kosten nicht umsetzen. Das Haus stand also leer, als Putin seinen Vernichtungsfeldzug startete und die ersten Menschen aus der Ukraine flüchteten.
„Mit kleinen Mitteln und viel Manpower kann man eine Menge bewegen“
„Ich habe überlegt, wie wir helfen können. Man hört und liest ja, dass gerade Wohnraum dringend benötigt wird – da bin ich sehr schnell auf unsere ,Villa Kunterbunt’ gekommen“, berichtet Herkenrath. So wird firmenintern mit einem Augenzwinkern das Domizil genannt, an dem es nun alle Hände voll zu tun gab. Er selbst habe bereits in seiner früheren Heimat Wuppertal und nun auch in Rockenhausen ein Gebäude kernsaniert. „Ich wusste, dass man mit relativ kleinen Mitteln und viel Manpower eine Menge bewegen kann.“ In der Europa-Chefetage von Adient sei er auf offene Ohren gestoßen, „wir haben sofort ein Budget für Möbel bekommen“. Der entscheidende Mosaikstein war für ihn aber ein anderer: Die Mitarbeiter seien begeistert von dem Vorschlag gewesen und hätten „mitgezogen wie Bolle“.
40 bis 50 Beschäftigte, so schätzt Herkenrath, haben sich eingebracht – „natürlich nicht alle zusammen, sondern im Wechsel“. Zeitweise wurden sie, wenn es der Betrieb zugelassen hat, vom Unternehmen für Tätigkeiten im Haus freigestellt. Das habe gut funktioniert, weil sich Adient wegen der durch den Ukraine-Krieg noch verschärften Krise auf dem Automobilmarkt gerade zum wiederholten Male in Kurzarbeit befindet „und wir deshalb auch etwas Luft hatten“, so Herkenrath.
Mitarbeiter packen auch nach Feierabend und in Freizeit an
Dabei habe „niemand auf die Uhr geschaut, wenn es mal etwas länger dauerte und eigentlich schon Feierabend war“. Mehr noch: Etliche Mitarbeiter hätten sogar in ihrer Freizeit angepackt, „da ist im positiven Sinn ein regelrechtes Fieber entstanden“, ist der Werkleiter begeistert von der „Riesen-Bereitschaft“ des Personals. Das gelte im besonderen Maße für die Azubis, die zum Beispiel die Elektrik installiert und die neue Küche aufgebaut hätten. „Sie haben dabei auch eine Menge fürs Leben gelernt“, sagt Herkenrath schmunzelnd.
Zwar sei das Gros der Arbeiten vom eigenen Team geleistet worden. Aber neben Marc Hauk, der seitens Adient das Projekt koordiniert, bezieht der Werkleiter die rund zehn beteiligten regionalen Firmen in sein Lob ein. „Ich glaube, nicht ein Betrieb hat den regulären Preis genommen. Manche haben nur das Material berechnet, andere gleich weitere Mängel ohne viel Worte mit behoben.“
„House of Welcome“ bietet Platz für 19 Personen
Hauk nennt als Beispiele ein Unternehmen, das unentgeltlich Schäden am Kanal behebt oder ein zweites, das quasi nebenbei die Terrasse auf Vordermann gebracht hat. Vielfach habe man auch Hand in Hand gearbeitet, so Hauk: etwa bei dem kleinen Spielplatz hinterm Haus, für den Firmen die Geräte gestiftet und die Lehrlinge diese zusammengebaut haben. Viele Puzzleteile, die nicht nur ein beeindruckendes Gesamtbild ergeben, sondern auch den finanziellen Aufwand in überschaubarem Rahmen halten: Einen „mittleren fünfstelligen Betrag“ investiert Adient laut Herkenrath in die gute Sache – die durch Eigenleistung und Sponsoring eingesparte Summe sei sogar „deutlich sechsstellig“.
Entstanden ist eine auf 19 Personen ausgelegte Wohnstätte, die im Innenbereich zu einem Schmuckstück geworden ist. Ob die sieben mit unterschiedlich vielen Betten ausgestatteten Schlafräume, die beiden neu gestalteten Bäder, die unter anderem mit jeweils zwei Backöfen und Mikrowellenherden ausgestattete Küche, die Essecke im Unter- und das schmucke Wohnzimmer samt überdachtem Balkon im Obergeschoss, der Keller mit Waschraum und Lagermöglichkeiten: Dem Namen „House of Welcome“, auf den Adient das Anwesen offiziell getauft hat, macht die Einrichtung alle Ehre.
Nächste Woche könnte schon Einzug sein
Apropos Welcome: Vielleicht schon nächste Woche werden die ersten Bewohner willkommen geheißen. Kleinere Restarbeiten stehen noch aus. „Einen Raum haben wir als Spielzimmer vorgesehen, warten aber erst einmal ab, ob überhaupt kleinere Kinder dabei sind. Es fehlen noch zwei Duschwände aus Glas, dann ist das Haus bezugsfertig“, sagt Herkenrath. Dieses wird mietfrei in die Hände der VG Nordpfälzer Land gelegt. „Wir sind mit Bürgermeister Michael Cullmann in ständigem Austausch, die Verwaltung weiß besser, wo der dringendste Bedarf an Wohnraum herrscht“, sieht der Werkleiter die Mammut-Aufgabe fast erfüllt.
Statt um Fliesen und Möbel kümmert sich das Unternehmen dann wieder ausschließlich um seine Kernkompetenz: die Herstellung von Sitzkomponenten, allen voran des legendären Lehneneinstellers Taumel. Und wenn die Produktion mal etwas lauter ist – in einem können sich die Verantwortlichen sicher sein: Aus dem Haus gegenüber wird es keine Beschwerden geben ...
