Donnersbergkreis „Treten und schreien“
Wer Selbstverteidigungstechniken beherrscht, kann einen Angreifer in den meisten Fällen in die Flucht schlagen. Aber was macht eine Frau, wenn sie von einer Gruppe von Männern bedrängt wird? Nach den Übergriffen in der Silvesternacht fragten wir Ilga Schmitz, Trainerin für Selbstverteidigung und Mitarbeiterin beim Speyerer Frauen- und Mädchen-Notruf, nach Strategien.
Das ist die falsche Frage. Bei den sexuellen Übergriffen in Köln haben sich die Frauen nicht falsch verhalten. Es gibt wenig, was Frauen tun können, damit sie von Männern in Ruhe gelassen werden. Mädchen und Frauen sind nicht verantwortlich für die Übergriffe. Jungen und Männer müssen lernen, Frauen zu respektieren – am besten ab dem Schulalter. Hat die Gewalt gegen Frauen tatsächlich eine neue Dimension? Nein. Mädchen und Frauen erleben sexuelle Belästigungen täglich. Sexuelle Übergriffe auf Großveranstaltungen und in Discos sind an der Tagesordnung. Das wird aber nicht öffentlich gemacht. Bei uns im Notruf beraten wir zum Beispiel Mädchen, die in der S-Bahn von älteren Männern angegrapscht werden. Der eigentliche Skandal ist, dass unsere Gesellschaft sexuelle Gewalt gegen Frauen seit vielen Jahren toleriert. Es ist nach wie vor so, dass deutsche Frauen überwiegend Übergriffe durch deutsche Männer erleben und Migrantinnen durch Migranten. Abgesehen vom gesellschaftlichen Problem: Was raten Sie einer Frau, die einer größeren Gruppe von Männern begegnet? Einem Mann aus der Gruppe direkt in die Augen schauen und mit dem Blickkontakt signalisieren: Platz machen! Das funktioniert bei Männern aus allen Kulturkreisen. So signalisiert die Frau: Mit mir nicht! Meine Erfahrung ist, dass Männer dann auch Platz machen. Wie soll sich Frau verhalten, wenn sie von mehreren Männern umringt und bedrängt wird? Laut werden, treten, schlagen, schreien. Ein wirksames Mittel sind Alarmsirenen, gerade in Menschenansammlungen. Wenn ich die jemanden ans Ohr halte, tut das richtig weh. Und andere werden aufmerksam und können zu Hilfe kommen. Eskaliert die Situation dadurch nicht? Das ist ein alter Mythos. Tatsächlich ist es so, dass Frauen, die sich wehren, schnell in Ruhe gelassen werden, weil sie nicht dem Opfertypus entsprechen. Mädchen und Frauen lernen in der Regel nicht, sich zu wehren. Im Rahmen der Lehrpläne müssen wir sie schon ab der Grundschule bestärken, ihre Grenzen wahrzunehmen, Respekt einzufordern und sich effektiv zur Wehr zu setzen. Dazu braucht es flächendeckend Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse. Was halten Sie von der gerade viel beschworenen Armlänge Abstand? Das ist nicht hilfreich und in Menschenmengen bei Veranstaltungen nicht möglich. Die Forderung zielt darauf ab, dass Frauen zu Hause bleiben sollten, damit ihnen nichts passiert. Wie reagiert man richtig, wenn ein Faschingsflirt zudringlich wird? Frauen sollten früh eine Grenze setzen und aus Situationen, die unangenehm werden, abhauen oder auch andere Leute ansprechen und bitten: Ich brauche Hilfe, kann ich mich zu Ihnen stellen?