Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Syrisches Ärzte-Ehepaar will in der Nordpfalz praktizieren

Nordpfälzer Neubürger: Seit Herbst leben Ghadi Turkman und ihr Ehemann Bakri Hulou in Rockenhausen. Die Syrer möchten in Deutsch
Nordpfälzer Neubürger: Seit Herbst leben Ghadi Turkman und ihr Ehemann Bakri Hulou in Rockenhausen. Die Syrer möchten in Deutschland als Ärzte anerkannt werden – dafür ist zunächst Deutsch lernen angesagt.

Sie ist Augenärztin, er Orthopäde – gemeinsam verfolgen Ghadi Turkman und Bakri Hulou ihr großes Ziel: Eines Tages möchten die Syrer in Deutschland selbstständig praktizieren dürfen. Der Weg dorthin ist weit. Doch das motivierte Paar macht alles, um in der Nordpfalz Fuß zu fassen – sogar Dienst in einem Container.

Im September ist Bakri Hulou in Deutschland eingetroffen, seine Frau folgte zwei Monate später. Erstaunlich, wie gut die beiden sich schon auf Deutsch unterhalten können. Wobei ihnen, wie der 30-Jährige schmunzelnd gesteht, natürlich noch längst nicht jeder Ausdruck geläufig ist: Als ihm eine Nachbarin an Silvester „einen guten Rutsch“ wünschte, sei er mangels Kenntnis des Spruchs eine Antwort schuldig geblieben. Was ihm, wie er hofft, die Rockenhausenerin nicht als Unfreundlichkeit ausgelegt hat.

Das allerdings ist kaum vorstellbar, so freundlich und aufgeschlossen wie sich der Syrer und seine gleichaltrige Partnerin im RHEINPFALZ-Gespräch präsentieren. Für die Donnersberger Integrationsbeauftragte Erika Steinert ist es „ein doppelter Glücksfall, dass sie in unsere Gegend gekommen sind“. Zum einen seien sie vorbildlich bemüht, „sich aktiv zu integrieren“. Zum anderen, das ist nichts Neues, werde es nicht nur, aber gerade in unserer ländlichen Region in einigen Jahren „einen eklatanten Mangel an Ärztinnen und Ärzten geben“, so Steinert.

Hilfe aus aller Welt nötig

Dem müsse neben Alternativen zum klassischen Modell – Stichworte sind etwa Work-Life-Balance, flexiblere Arbeitszeiten, Medizinische Versorgungszentren oder Ärztehäuser – verstärkt mit ausländischen Kräften begegnet werden. „Laut Prognosen geht bis 2030 die Hälfte aller Hausärzte in Ruhestand – nur zehn bis 20 Prozent können ersetzt werden.“ Bei Fachärzten sieht’s kaum besser aus. Hilfe aus aller Welt tue also Not.

Ghadi Turkman und Bakri Hulou sind dazu bereit – auch wenn sie vor allem aus persönlichen Motiven in Deutschland sind. „Den Entschluss haben wir vor etwa einem Jahr gefasst. Wir wollen uns beruflich fortbilden, Erfahrungen sammeln“, erzählt Hulou. Das sei in ihrem seit 2011 bürgerkriegsgebeutelten Land kaum möglich. Zwar gilt offiziell seit 2020 ein Waffenstillstand, und zumindest die großen Städte sind seither relativ sicher. Aber wirtschaftlich und sozial liege Syrien am Boden, sagt der aus Aleppo im Nordwesten des Landes stammende Orthopäde.

In Syrien bereits als Ärzte gearbeitet

Seine Frau kommt aus Damaskus. An der nahe gelegenen Privat-Uni in Kalamoon lernten sie sich im Studium kennen und lieben. Danach arbeiteten sie in ihren Berufen, legten nach fünf Jahren ihre Facharztprüfung ab. Hulou räumt ein, dass ihre Familien zu den wohlhabenderen in Syrien gehören – anders als viele Landsleute sind sie nicht als Flüchtlinge, sondern über das sogenannte Visum 16d nach Deutschland gekommen. Dieses wird zur Anerkennung einer ausländischen Berufsqualifikation in Deutschland erteilt. Es gibt Ausländern die Chance, „bei uns Kenntnisse und Qualifikationen zu erwerben und zu intensivieren“, so Steinert.

Doch der Weg zum Visum war für das Paar steinig. Vorsprechen mussten sie in der deutschen Botschaft im Libanon – die in Syrien ist kriegsbedingt geschlossen. Neben der Bestätigung ihrer Medizin-Kenntnisse wurde für die Einreisegenehmigung unter anderem ein Basis-Sprachkurs in Deutsch (A2) verlangt. Das war weder in ihrer Heimat noch im benachbarten Libanon möglich: Das dortige Goethe-Institut wurde 2020 bei einer Explosion zerstört. Während Turkman schließlich den Kurs in Dubai absolvieren konnte – dort leben Teile ihrer Familie –, hat Hulou nach mehreren Monaten Wartezeit die Erlaubnis erhalten, den Unterricht in Deutschland nachzuholen.

Schritt eins: Deutsch büffeln

Auf Rockenhausen fiel die Wahl, weil ein befreundeter syrischer Arzt am Westpfalz-Klinikum arbeitet. In der Kreuznacher Straße hat das Ehepaar eine Wohnung gefunden – dort und an einer Sprachschule in Kaiserslautern wird nun fleißig Deutsch gebüffelt. Denn dauerhaft hierbleiben dürfen die beiden nur, wenn sie die ans Visum geknüpften Bedingungen erfüllen: Zunächst müssen sie nacheinander die höheren Sprachmodule absolvieren – Turkman ist derzeit bei B1, Hulou bereits bei B2.

Erstes großes Ziel: C1 – die Fachsprachenprüfung in Mainz, in der auch medizinische Termini abgefragt werden. Bei Bestehen wird die Aufenthaltserlaubnis verlängert – dann hat man zwei Jahre (und maximal drei Versuche) Zeit, die sogenannte Kenntnisprüfung abzulegen. „Es ist sozusagen das Tor zur Approbation“, sagt Steinert. Anschließend „müssen wir noch drei bis fünf Jahre als Assistenzärzte tätig sein, ehe wir selbstständig arbeiten dürften“, ergänzt der 30-Jährige. Acht Jahre könnte es dauern, bis es so weit ist – trotz ihrer beruflichen Vorerfahrung.

Nicht bei jeder Vorschrift erschließt sich der Sinn

Ghadi Turkman und Bakri Hulou jammern darüber nicht – sie haben sich den Weg ja ausgesucht. „Wir sahen keine Alternative. Deutschland ist medizinisch ein hochqualifiziertes Land, und so sind nun mal die Regeln“, sagt Hulou. Was nicht heißt, dass sich ihm der Sinn jeder Vorschrift erschließt. Etwa, warum er für die Fachsprachenprüfung auch Begriffe lernen muss, die seine Frau als Augenärztin benötigt – und umgekehrt –, ein deutscher Arzt diese aber nicht können muss. Oder der lange Zeitraum von bis zu fünf Jahren als Assistenzarzt. „Da wir ja schon in unseren Berufen gearbeitet haben, wären meiner Meinung nach zwei bis drei Jahre ausreichend.“ Und Steinert hält die Wartezeiten zwischen den einzelnen Schritten für verbesserungswürdig: „Sie ziehen die Anerkennung doch arg in die Länge.“

Sehr lobt Steinert dagegen die Art, wie sich die beiden in ihre neue Umgebung einfügen. „Sie gehen auf die Menschen zu, wollten sofort wissen, wo sie sich ehrenamtlich einbringen können“, sagt die Vorsitzende der Donnersberger Integrationsinitiative. Leider habe nicht jeder Adressat auf diesbezügliche Angebote reagiert – nun wollen sich Turkman und Hulou bei der Tafel oder im Stadthaus einbringen. Auch versuchen sie, ein Praktikum in einer Hausarztpraxis zu bekommen. „Sie sind ein positives Beispiel dafür, wie Integration funktionieren kann“, so Steinert.

„Rockenhausen ist schöner als Kaiserslautern“

Die Nordpfälzer Neubürger wiederum haben sich gut eingelebt, berichten von „sehr vielen freundlichen Menschen“. Dass seine erste Suche nach einer Wohnung in Kaiserslautern ergebnislos blieb, darüber ist Hulou heute froh. „Rockenhausen ist viel schöner“, sagt er und lächelt verschmitzt. Ob er und seine Frau eines Tages in ihre Heimat zurückkehren, sei derzeit nicht absehbar – für die nächsten zehn Jahre sehen sie ihre Zukunft in Deutschland.

Inzwischen haben beide sogar eine Arbeitserlaubnis für zehn Stunden pro Woche – und schon einen Mini-Job: „Wir helfen im Corona-Testcontainer am Rewe-Markt. Dort kommen wir mit Menschen ins Gespräch, was auch gut für unsere Sprachkenntnisse ist“, sagt Hulou. Mit dem Dialekt sei es noch schwierig – und teils kommen auch weniger angenehme Zeitgenossen, die etwa über die Corona-Vorschriften meckern. Aber hier hat er sich schnell eine Strategie abgeschaut, wie er grinsend erzählt: „Ich sage dann einfach: Ich verstehe nur Bahnhof.“ Wie schon gesagt: Bakri Hulou und seine Frau Ghadi Turkman lernen schnell ...

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