Winnweiler
Storniert und umgebucht: Schwierige Zeiten für das Reisebüro Fernweh
„Die derzeitige Situation ist ein furchtbarer Schlag“, sagt Sandra Wieser, die vor anderthalb Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Die Auswirkung der Corona-Pandemie für Reisebüros sei immens: „Existenz- und Überlebensängste sind im Moment so groß, da war der Einschnitt, den wir nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erlebt haben, nichts dagegen.“
Das größte Problem derzeit: Es ist nicht absehbar, wann es wieder bergauf geht. Gebuchte Reisen bis zum 14. Juni (bis zu diesem Tag gilt in Deutschland eine weltweite Reisewarnung) musste sie bis auf eine einzige Umbuchung samt und sonders stornieren, erzählt Wieser. Reisen für die Zeit nach dem 14. Juni buche sie derzeit in fünf Prozent der Fälle um. „Manche Kunden stornieren ihre Reise sogar kostenpflichtig, weil sie nicht umbuchen wollen oder können.“ Und der Rest? Der warte im Moment ab, sagt Wieser. Allerdings nicht ruhig und gelassen, wie sie hinzufügt. Die bange Kundenfrage: „Muss ich jetzt in den Urlaub fahren?“, habe das vorherige Empfinden: „Oh Gott, wir dürfen nicht in den Urlaub fahren!“, eindeutig abgelöst.
Hoher Beratungsaufwand
Verständnis hat die Winnweilerer Unternehmerin für die Sorgen und Nöte ihrer Kunden allemal. Aktuell bekomme sie pro Tag fünf bis zehn Anrufe, die sich nur um eine Frage drehen: „Welche Bedingungen werde ich an meinem Reiseziel vorfinden?“ Sandra Wiesers Problem ist indes: In den allermeisten Fällen liegen ihr dazu keine gesicherten Informationen vor. Und für sämtliche Beratungen und Gespräche mit ihren Kunden bekommt sie derzeit auch kein Geld.
Klar wird dies, wenn man sich das Geschäftsmodell der Reisebüros vor Augen hält: Entweder erhalten sie vom Reiseveranstalter nach einer Buchung und Anzahlung ihre Provision – bei dieser Variante wird Sandra Wieser das in den vergangenen Wochen und Monaten verdiente Geld wieder zurückzahlen müssen. Und zwar jedes Mal, wenn eine Reise Corona-bedingt wieder storniert wurde. Oder die Reisebüros erhalten ihre Provision vom Veranstalter erst dann, wenn die Reise angetreten wird. In diesem Fall tritt Sandra Wieser mit ihrer Arbeit also in Vorleistung und wird erst zu einem viel späteren Zeitpunkt dafür bezahlt – oder eben, aufgrund der kostenlosen Stornomöglichkeiten, gar nicht.
„Fünf nach zwölf“
Es ist deshalb ein sehr düsteres Fazit, das die Unternehmerin im Gespräch mit der RHEINPFALZ zieht: „Reisebüros sind im Moment komplett auf ihre Ersparnisse angewiesen. Wer da schlecht aufgestellt ist, der wird einfach untergehen.“ Ihr sei bewusst, dass es in der Corona-Krise ganz viele Berufe sehr hart treffe, sagt Wieser: „Aber für unsere Branche ist es wirklich schon fünf nach zwölf.“ Dass ihr Reisebüro nicht in allen Punkten die Bedingungen für die 9000 Euro umfassende staatliche Corona-Soforthilfe erfülle, sei schlicht und ergreifend Fakt. Und auch vom „Deutschland-Geschäft“ könne sie nicht sonderlich profitieren: „Deutschland vermarktet sich selbst sehr gut, da geht einfach viel an den Reisebüros vorbei.“
Was das zukünftige Reiseverhalten betrifft, so erwartet die gebürtige Schweizerin, dass der Individualurlaub an Bedeutung gewinnen wird. „Ich denke, die Kunden werden verstärkt an Ferienhäusern interessiert sein.“ Den Pauschalurlaub, so wie man ihn bisher kannte, wird es aus Wiesers Sicht erstmal nicht geben. Cocktails trinken am Pool, Frühstücksbüffet, Kinderbetreuung; all dies seien ja Dinge, die in Zeiten der Corona-Pandemie schwierig sind. „Normalen Tourismus wird es erst dann wieder geben, wenn weltweit ein Impfstoff verfügbar ist“, glaubt Wieser.
Normalbetrieb unmöglich
Dass eine anstrengende Zeit nicht nur vor ihr, sondern auch bereits hinter ihr liegt, merkt man der selbstständigen Unternehmerin im Gespräch an. Ungefähr zehn bis 15 Mal habe sie einen Vorgang durchschnittlich in die Hand nehmen müssen. „Es ist ein unendlicher Aufwand, so eine Corona-bedingte Stornierung abzuwickeln“, sagt Wieser, angesprochen auf die zu leistende Kommunikation zwischen ihr, den Kunden und den Reiseveranstaltern. „Der Reisekonzern TUI bekommt Milliardenhilfe vom Bund, und mein Reisebüro muss ohne staatliche Hilfe klarkommen“, betont sie.
Zu Beginn der Corona-Krise musste Sandra Wieser ihre Mitarbeiterin in Kurzarbeit schicken, doch ab dem 1. Juni sollen die Öffnungszeiten des Reisebüros Fernweh wieder ausgeweitet werden. Von einem Normalbetrieb kann man jedoch nicht sprechen: Vor der Corona-Pandemie war das Winnweilerer Reisebüro 34 Stunden pro Woche geöffnet, jetzt plant Wieser erst einmal mit 10 Stunden. „Im Moment muss ich einfach in jeden Tag hineinleben und schauen, wie die Dinge sich entwickeln.“
Trotz der derzeitigen Situation will die Reiseverkehrskauffrau aber auch weiterhin kämpfen und sagt: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Es ist einfach so erfüllend, Kunden in die Augen zu sehen, wenn man den für sie passenden Urlaub gefunden hat.“