Rockenhausen RHEINPFALZ Plus Artikel Stellenabbau bei Adient wohl ohne betriebsbedingte Kündigungen

In Rockenhausen werden Einzelteile und Komponenten für Fahrzeugsitze produziert – unter anderem Sitzschienen. Adient hat weltwei
In Rockenhausen werden Einzelteile und Komponenten für Fahrzeugsitze produziert – unter anderem Sitzschienen. Adient hat weltweit rund 220 Standorte und einen Marktanteil von über 30 Prozent.

Nach einer Reihe von unerfreulichen gibt’s endlich mal wieder positive Nachrichten von der Firma Adient: Der Abbau von 268 Stellen im Nordpfälzer Werk wird höchstwahrscheinlich ohne betriebsbedingte Kündigungen erreicht – für Betriebsrat und IG Metall auch ein Ergebnis der harten Verhandlungen. Ein weiterer Silberstreif ist am Horizont zu sehen.

Noch sind nicht alle Vereinbarungen in trockenen Tüchern – aber „wir sind sehr zuversichtlich, alle Positionen durch freiwilliges Ausscheiden von Mitarbeitern über Vorruhestand und Freiwilligenprogramm abzubauen“. Das hat Adient-Sprecherin Annika Wiertz gestern auf Anfrage der RHEINPFALZ mitgeteilt. „Final bestätigen“ könne sie allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dass der geplante Stellenabbau im Rockenhausener Werk des Autozulieferers tatsächlich ohne betriebsbedingte Kündigungen vonstatten gehen wird. „Einige Mitarbeitergespräche liegen in den letzten Zügen“, begründet Wiertz den Rest an Zurückhaltung.

Daher sei momentan auch noch keine Auskunft möglich, ob es letzten Endes exakt beim vereinbarten Wegfall von 268 Stellen bleibt. „Es bewegt sich aber in diesem Rahmen“, so die Sprecherin. Wie berichtet, hatte der weltweit größte Hersteller von Fahrzeugsitzen (Umsatz 2019: 16,5 Milliarden US-Dollar) im Frühjahr zunächst angekündigt, im Zuge von Sparmaßnahmen in den kommenden beiden Jahren 320 der rund 1200 Stellen in der Nordpfalz abzubauen. Als Gründe hatte die Konzernleitung „ein verändertes Produktportfolio, herausfordernde Marktbedingungen und anhaltend rückläufige Umsätze“ genannt. Ziel der „nachhaltigen Restrukturierung“ sei daher „die Anpassung der Beschäftigungssituation an die rückläufige Auftragslage, um den Standort wieder profitabel bewirtschaften zu können“.

In den folgenden Verhandlungen hatte der Betriebsrat mit Unterstützung der IG Metall erreichen können, dass die Anzahl der wegfallenden Stellen dank der Wiedereingliederung ausgelagerter Prozesse auf 268 reduziert wird. Zudem war vereinbart worden, 190 Mitarbeitern rentennaher Jahrgänge das Ausscheiden aus dem Betrieb mit einer Nettoabsicherung von 90 Prozent anzubieten. Die Anzahl der betriebsbedingten Kündigungen sollte dann durch ein freiwilliges Abfindungsprogramm weiter reduziert werden. Dafür ist zum 1. Oktober eine Transfergesellschaft ins Leben gerufen worden, in die Betroffene für bis zu zwölf Monate wechseln können. Mit dem Start dieser Gesellschaft in der vergangenen Woche hat auch der Stellenabbau offiziell begonnen. Dieser soll bis September 2021 abgeschlossen sein, so Wiertz.

Zufriedenheit bei Betriebsrat und IG Metall

Erleichtert von der Entwicklung zeigte sich gestern in einer Pressemitteilung Ulrich Böttcher, Betriebsratsvorsitzender am Standort Rockenhausen. Er geht fest davon aus, dass der Abbau komplett über die genannten Wege umgesetzt werden kann: „Unser Ziel, die Personalreduzierung ohne betriebsbedingte Kündigungen zu realisieren, haben wir voll und ganz erreicht. Es war uns von Anfang an wichtig, älteren Mitarbeitern eine Brücke in den Ruhestand zu bauen, damit jüngere nicht entlassen werden müssen.“ Weiterhin sagte Böttcher, es spreche für den ausgehandelten Interessenausgleich und Sozialplan, dass die Angebote von so vielen Mitarbeitern angenommen worden sind. „Und mit dem lukrativen Freiwilligenprogramm haben sich auch sehr viele arrangiert, sodass wir jetzt das Wort Kündigungen nicht mehr in den Mund nehmen müssen.“

Für den zweiten Bevollmächtigten der IG Metall Kaiserslautern, Alexander Ulrich, „zeigen die harten Verhandlungen mit dem Arbeitgeber ihre Wirkung“. Diesem habe man „einen sehr guten Sozialplan abgerungen“ – die Grundlage dafür, dass sich die Beschäftigten das Ausscheiden auch finanziell leisten könnten. Ferner sei die Gründung der Transfergesellschaft mit einer Nettoabsicherung des Lohns von 90 Prozent ein wichtiger Schritt gewesen. Nicht zuletzt hätten „Betriebsrat und die IG Metall eine Zukunftsperspektive mit den jährlichen Einstellzahlen von mindestens 20 Auszubildenden und Insourcing-Projekten durchsetzen können“, so Ulrich.

Kurzarbeit für Oktober ausgesetzt

Erfreulich ist auch eine weitere Information: Die Auftragslage beim Sitzhersteller hat sich soweit stabilisiert, dass die „Kurzarbeit mit Wirkung zum 30. September beendet wurde“, teilte Wiertz auf Nachfrage mit. Die schon zuvor vorhandenen finanziellen Engpässe des Unternehmens hatten sich im Frühjahr durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie verschärft. Seit März war deshalb im Rockenhausener Adient-Werk in wechselndem Umfang Kurzarbeit angesagt. Bis Dezember 2021 kann der Konzern weiter von diesem Mittel Gebrauch machen – natürlich hoffen alle Beteiligten, dass dies nicht mehr nötig ist.

Einwurf: Freude, kein Jubel

Natürlich ist es erfreulich, wenn – worauf alles hindeutet – der Stellenabbau bei Adient ohne Kündigungen vollzogen werden kann. Denn was haben die „Keiperianer“, wie sie bis heute im Volksmund genannt werden, in den vergangenen zehn Jahren nicht alles mitgemacht – von Firmenverkauf über Ausgliederung bis hin zur Coronakrise. Schön, dass nun für die betroffenen Mitarbeiter attraktive und sozialverträgliche Lösungen gefunden worden sind. Was nichts daran ändert, dass die rund 270 Arbeitsplätze für unsere Region unwiederbringlich verloren sind. Das ist mehr als ein Wermutstropfen! Und wer will in diesen verrückten Zeiten schon voraussagen, wie die Situation in der ohnehin starken Schwankungen unterworfenen Automobilbranche in zwei, drei oder fünf Jahren aussieht? Deshalb: Freude ja, Jubelstürme nein.

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