Donnersbergkreis
Stahlberg: Zwei Kulturmacher und ihr Weg in die Nordpfälzer Abgeschiedenheit
Glückliches Stahlberg. Das kleine Dorf hat die Borzelböck, und es hat mit Barbara Bernt und Jochen Schott zwei Kulturprofis in seinen Mauern, die mit ihren Talenten das kulturelle Leben vor Ort bereichern. Wir sprachen mit den beiden über ihre Lebenswege und wie die zueinander und nach Stahlberg geführt haben.
Ein Pferd, angebunden an einer Parkuhr: So ein Bild kann schon mal dazu führen, dass eine Region, in der sich die Zeiten derart skurril verknoten, im Gedächtnis bleibt. Für den jungen Jochen Schott war das vor vielen Jahren auf der Heimfahrt aus dem Hunsrück nach Mannheim so ein Hoppla-Erlebnis, gesehen bei einem Zwischenstopp in Meisenheim. Es hat wohl, zumindest unterschwellig, dazu beigetragen, dass er sich für die Suche nach einer Wochenenddependence diese Region vorgemerkt hat.
Meisenheim hatte natürlich auch in anderer Hinsicht Eindruck gemacht, mit seiner „fantastischen Kleinstadtanlage“, auch als Sitz eines Fachverlags, der ihm als Soziologen bestens bekannt war – und den er nicht hier vermutet hätte, wie er erzählt. So hat er sich ein Häkchen gemacht beim Nordpfälzer Land, um dann bei seiner Suche nach der Zweit-Heimstatt neben Mannheim hier anzusetzen – und in Stahlberg fündig zu werden. Das war in den 80er Jahren. Seit gut einem Jahrzehnt teilt er die nun mit der Schauspielerin Barbara Bernt. Beide haben seither das kulturelle Leben der Region bereichert mit Kleinkunst, Jazzkonzerten, der Theaterarbeit mit den „Spielenden Kindern“, dem Scheunentheater „Théâtre Mont Tonnerre“.
Kulturaffine Familie
Dass ihre Lebenswege mal hier, in Stahlberg, zusammenlaufen würden, hätte ihnen auch der versierteste Zukunftsdeuter nicht vorhersagen können. Hier der Jazzgitarrist und Soziologe aus Mannheim, da die Schauspielerin aus Stuttgart, die die ganze deutsche Bühnenlandschaft beruflich bereist hat und zunehmend häufiger bei Fernsehproduktionen zu entdecken war und ist. Zwei Biografien, die ohnehin eher auf den großstädtischen Hintergrund verweisen und nicht auf Nordpfälzer Abgeschiedenheit – die allerdings doch nicht wenige Kulturschaffende in den letzten Jahrzehnten angezogen hat.
Barbara Bernt, 1955 in Fürth geboren, ist in München, Izmir und Fellbach bei Stuttgart aufgewachsen als ältestes von sechs Kindern, ihr Vater war Architekt, die Mutter ursprünglich Schauspielerin. „Es wurde viel gelesen. Mein Vater war vor allem in der Bildenden Kunst zu Hause und hat mir die moderne Kunst nahgebracht“, erzählt sie vom kulturaffinen Klima in ihrer Familie. Auch wöchentliche Theaterbesuche erwähnt sie. Die Bühnenvergangenheit ihrer Mutter aber, von der man auf Barbara Bernts eigene spätere Berufswahl schließen könnte, sei kurioserweise nie Thema gewesen in der Familie, „ich habe erst spät davon erfahren“. Mitgegeben hätten ihr die Eltern, in SPD und Gewerkschaft aktiv, zudem eine sozialkritische und emanzipative Haltung, „das hat mich sehr geprägt“.
„Die Arbeit schweißt zusammen“
Diese Prägung mag auch ihren ersten Berufswunsch motiviert haben. Jura habe sie zunächst studieren wollen, erzählt sie schmunzelnd. „Ich habe mir immer vorgestellt, als Pflichtverteidigerin an der Seite armer Leute zu stehen.“ Am Ende aber entschied sie sich für Theaterwissenschaft und Literaturgeschichte als Studienfach – es war also nicht so, dass ihre Bühnenbegeisterung schon etwa beim Schultheater geweckt wurde. Die kam erst, als ihr das Studium zu theoretisch erschien. Nun drängte es sie zur Bühnenpraxis, der sie sich dann an der Neuen Schauspielschule München gewidmet hat. 1979 erwarb sie dort die Bühnenreife. Engagements quer durch Deutschlands Stadttheater folgten – von Düsseldorf bis Bamberg, von Hannover bis Pforzheim, genährt vom Impuls der Zeit, von der Bühne aus auf die gesellschaftlichen Verhältnisse einwirken, Aufklärungsarbeit leisten zu können. Lange war sie in Hannover in festem Engagement, das Ende 2007 war mit Wehmut verbunden. „Die Arbeit schweißt zusammen“, blickt sie zurück auf die Verbundenheit mit den Kollegen, den Bühnenarbeitern, Handwerkern – eine verschworene Gemeinschaft.
Mit der Zeit kamen andere Aufgaben hinzu, Arbeit als Synchronsprecherin, Boulevard-Theater, Nebenrollen in Film und Fernsehen – von der „Lindenstraße“ über „Familie Heinz Becker“ bis zu Produktionen wie „Pavels letzter Schuss“ oder „Big Manni“. Und freie Theaterprojekte, Solo-Inszenierungen. Von 2010 an in Stuttgart, war sie dort an verschiedenen Bühnen tätig, gab Schauspielunterricht für Musicaldarsteller.
„Die Kunst hat etwas Subversives und eine große Kraft, die motiviert, die Kreise zieht“, sagt sie und möchte von dieser Kraft gerade jungen Menschen etwas weitergeben – wie etwa den „Spielenden Kindern“, der Kinder- und Jugendtheatergruppe, mit der sie in Stahlberg seit mittlerweile drei Jahren arbeitet. Sie selbst schätzt komische Rollen, aber auch „Opferrollen“ hätten sie stets angezogen.
Zwischen Musik und Soziologie
Andere Orte, andere Themen trieben derweil Jochen Schott um zwischen den Polen Musik und Soziologie, dem Fach, in dem er auch beruflich noch unterwegs ist und im Wesentlichen seinen Lebensunterhalt verdient hat. Die Musik war daneben aber nie einfach nur Hobby. „Ich habe immer darauf geachtet, dass meine Arbeit mir viel Zeit gelassen hat für die Musik“, sagt der 65-Jährige.
Beruflich eingebunden war er in einer Fülle von Forschungsprojekten, bei Aufgaben in Stadtplanung, Bildungsevaluation, Marktforschung, im Kulturmanagement. Gleichzeitig folgte er den Impulsen, die er im Unterricht an der Mannheimer Musikschule Werner Pöhlert in sich aufgenommen hat. Sieben Jahre hat er dort Gitarre und Harmonielehre gelernt, um dann bald als Musiker auf sich aufmerksam zu machen. Etwa in der Folkgruppe „Hölzerlips“, die sich von 1975 bis 1984 der Geschichte und dem Liedgut der jenischen Bevölkerungsgruppen im Odenwald angenommen hatte und über Schallplatten, Radio und Fernsehen ihr Publikum fand. Später hat sich Schott verstärkt der Jazzgitarre gewidmet, in verschiedenen Formationen mitgewirkt als Gitarrist wie Arrangeur.
Seit gut zehn Jahren nun finden diese beiden Begabungen in gemeinsamen Projekten zueinander. Als Duo „unterhaltungsdienst.de“ sind sie im ganzen südwestdeutschen Raum unterwegs mit Collagen aus Musik und Literatur, Chansons, Couplets. Sieben solche Programme haben sie bereits erarbeitet, satirisch, nachdenklich, dem Menschlichen, Solidarischen zugewandt. Auch bei den Projekten der „Spielenden Kinder“ arbeiten sie zusammen – oder zuletzt beim Kultur-Sommer-Projekt „Heimat finden“, das während der „Sommer-Zeit“ in Rockenhausen zu erleben war und sich mit Auswanderungen aus Deutschland befasst, hier ist Barbara Bernts Schülerin Kathrin Yarizell Lothschütz mit von der Partie
Und warum Stahlberg? „Verkehrstechnisch liegt das gar nicht schlecht“, betont Schott, dass die Wege zwischen ländlicher Abgeschiedenheit und den pulsierenden Ballungsräumen ringsum nicht weit sind. Als Soziologe merkt er auch an, dass man der Region in ihrer eher industriellen als bäuerlichen Vergangenheit eine gewisse Offenheit anmerke.
Bleibt die Frage, was diese Lebenswege an diesen Ort und in ein so kreatives Miteinander zusammengeführt hat. Die Antwort ist einfach und sehr zeitgemäß: eine Partnersuche im Internet.