KIRCHHEIMBOLANDEN / ROCKENHAUSEN
Sommerredaktion: Fasnacht feiern in Corona-Zeiten?
Soviel vorweg: Wenn’s zwischen den Städten dies- und jenseits des Donnersbergs stets so harmonisch zuginge wie in der RHEINPFALZ-Sommerredaktion, wäre wohl manches einfacher im Kreis. Von Beginn an funken Armin Kreis – frisch gebackener Nachfolger des langjährigen „Ober-Narren“ Ingo Pregernig – vom Rockenhausener Karnevalverein Rohau und der Chef der Kibo-Karnevalgesellschaft Rainer Conrad auf einer Wellenlänge.
Und das bei einem komplizierten Thema: Sollen wegen der Corona-Pandemie – wie das Bundesgesundheitsminister Spahn fordert – alle Veranstaltungen der am 11. November beginnenden Fasnachts-Session abgesagt werden? Oder ist das – wie der Präsident des Bundes Deutscher Karneval Klaus-Ludwig Fess kontert – noch viel zu früh? Zwar gibt es weder in Kirchheimbolanden (Conrad: „Wir wollen jetzt die Tür noch nicht ganz zuschlagen“) noch in Rockenhausen (Kreis: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“) bereits eine endgültige Entscheidung. Aber klar ist: Eine fünfte Jahreszeit in gewohnter Manier kann und wird es 2020/21 mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit nicht geben.
Es war „ein kleines Thema“
Froh sind beide, dass die vergangene Kampagne gerade noch so unter normalen Bedingungen durchgezogen werden konnte. „Bei unserer Rosenmontagsparty war das schon ein kleines Thema. Wir haben beispielsweise überlegt, dass wir sterilisierendes Spülwasser brauchen“, erinnert sich Conrad. „Aber in diesem Ausmaß, wie es zwei, drei Wochen später über uns alle hereingebrochen ist, haben wir das damals nicht eingeschätzt.“ Und da an Aschermittwoch bekanntlich alles (vorerst) vorüber ist, „hat sich das Thema Fasnacht zunächst mal nicht gestellt“, ergänzt Kreis.
Erstmals eine Verknüpfung habe sich im Mai oder Juni ergeben, als Rohau seinen für Oktober mit vielen Tanzgruppen geplanten Dance-Cup gecancelt hat. „Erst im August geht es bei uns wieder richtig los. Dann überlegen wir uns das Motto der kommenden Prunksitzung, das am Herbstfest-Umzug bekannt gegeben wird“, so Kreis. Doch 2020 ist alles anders.
Bereits Ende Mai habe die Vereinigung Badisch-Pfälzischer Karnevalsvereine seinen Mitgliedern empfohlen, auf die klassischen Sitzungen 2021 zu verzichten. „Verbieten können das ja nur Politik und Gesundheitsämter. Aber der Verband hat Angst, dass ihm die Vereine wegsterben, wenn sie finanzielle Verpflichtungen eingehen und es plötzlich kurz vorher aufgrund der aktuellen Corona-Situation doch nicht geht“, erläutert Conrad. Denn schon jetzt werden üblicherweise externe Akteure gebucht, Verträge mit Bands geschlossen und anderes mehr. „Dann kann ein kleiner Verein schon mal schnell vorm Bankrott stehen.“ Gerade in der Westpfalz seien daher viele Narren dem Ratschlag inzwischen gefolgt.
Und wie ist nun die Situation bei den karnevalistischen Aushängeschildern der Nordpfalz? Bei Rohau ist die Frage in der jüngsten Mitgliederversammlung diskutiert, aber noch kein Beschluss gefasst worden. „Im September wird eine Entscheidung fallen. Denn dann müssten die Verträge für Licht, Ton, Musik und so weiter geschlossen werden“, informiert Kreis, schiebt aber sofort hinterher: „Angesichts der Lage habe ich keine große Hoffnung. Eine Prunksitzung in der Donnersberghalle – ich habe keine Idee, wie das unter den derzeit gültigen Richtlinien funktionieren soll.“
Keiner will neuer Hotspot sein
Conrad pflichtet ihm rundum bei, hält „eine Sitzungsfasnacht, wie wir sie kennen, unter diesen Bedingungen für illusorisch“. Gleichwohl habe man in Kibo nicht den ganz großen Zeitdruck, „weil wir intern praktisch über alle Akteure verfügen. Für uns ist der 1. November der Stichtag, deshalb will ich das zum jetzigen Zeitpunkt nicht ganz wegwerfen. Wir werden das im Elferrat nochmals besprechen.“
Er bringt aber zusätzlich eine ethische Komponente ins Spiel: „Selbst wenn die Politik sagen würde, eine Sitzung mit 300, 400 Leuten wäre wieder möglich: Ist das dann aus ethischen Gründen auch vertretbar? Du willst ja deine Mitglieder schützen, vielleicht bist du am Ende der nächste Hotspot.“ Und nicht zuletzt sei es beim Abstandsgebot von 1,50 Meter „weder stimmungstechnisch noch finanziell darstellbar“, betont Conrad.
Apropos finanziell: Natürlich spielt bei all dem auch dieser Aspekt eine Rolle – und zwar in beide Richtungen. „Normalerweise geht’s Anfang November los mit dem Vorfinanzieren: Liederhefte, Orden, Band, Hallenmiete und anderes mehr“, sagt Conrad. Käme aber plötzlich Anfang Januar ein weiterer Lockdown, „dann hättest Du wirklich ein Problem“. Andererseits weist Kreis darauf hin, „dass uns mit Dance-Cup und Prunksitzung zwei Großveranstaltungen wegbrächen. Da fehlen im Endeffekt mehrere tausend Euro Einnahmen.“ Mit der Folge, eben in mancherlei Hinsicht vorübergehend etwas kürzer treten und geplante Investitionen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben zu müssen.
Beide betonen aber unisono, dass die Vereine auf gesunden Füßen stehen, auch ein narrenfreies Jahr überbrücken könnten. Gleichwohl sich Conrad ein wenig sorgt, gerade die jungen Akteure über eine Pause hinweg bei der Stange halten zu können: „Die wollen auf die Bühne, wollen zeigen, was sie können.“ Fällt das weg, suchen sie sich vielleicht ein anderes Hobby. „Da müssen wir schon schauen, wie wir sie wieder mobilisieren.“
Auch deshalb gibt es auf beiden Seiten des Donnersberges Überlegungen, wie – natürlich Corona-konform – wenigstens ein bisschen Karneval gefeiert werden könnte. So haben sich die Rohau-Mitglieder in ihrer Versammlung dafür ausgesprochen, gegen Jahresende über das Beibehalten der Straßenfasnacht samt Krachmacherumzug am Rosenmontag zu entscheiden – vielleicht mit etwas ausgedehnterem Programm im Schlosspark. „Im Freien könnte das ja gehen“, sagt Kreis. Und Conrad bestätigt: „Eine Straßenfasnacht ist immer ein Thema.“ Natürlich unter dem Vorbehalt des aktuellen Infektionsgeschehens.
Sommerfasnacht? Wohl kaum
Sehr zurückhaltend sind beide beim Thema Online-Sitzungen. Conrad: „Ohne Publikum - mal ehrlich, da tut man doch den Mitwirkenden keinen Gefallen. Das können vielleicht die Profi-Fasnachter machen, da muss ein Wirtschaftszweig am Laufen gehalten werden. Aber wir sind Amateure und da muss man sagen: Es gibt Wichtigeres im Moment - beispielsweise, dass die Kinder in die Schule gehen können.“ Schmunzelnd ergänzt Kreis, „dass bei uns der Vorschlag kam, doch eine Sitzung im Sommer auf dem Sportplatz zu machen. So eine Idee kann nur ein Nicht-Fasnachter haben - an Aschermittwoch ist ja alles vorbei.“ Was Conrad wiederum daran erinnert, „dass es im Jahr des Golfkriegs 1991 mal eine Sommerfasnacht auf dem Römerplatz gegeben hat - das war schon eine komische Sache.“
Nein - auch da sind sich die beiden Vorsitzenden einig: Wenn’s eben nicht sein soll, dann wartet man lieber ein Jahr ab - in der Hoffnung, dass dann wieder ein „normales“ närrisches Programm möglich ist. Ein wenig zögern beide Seiten noch, haben auch Verständnis für die Haltung des Karnevalbundes, nicht schon jetzt die gesamte Kampagne in die Tonne zu treten. „Wenn wir uns aber tief in die Augensehen und so gerne wir auch Fasnacht feiern, so müssen wir doch sagen: Wie es derzeit aussieht, ist es nicht machbar“, sagt Conrad und bezieht ausdrücklich alle Donnersberger Fasnachter in die missliche Lage mit ein: „In vielen Dörfern geht es den Aktiven genauso. Wir sitzen hier stellvertretend für alle Narren.“
Und eines könne er sich nicht vorstellen, fügt Kreis an: „Dass Kibo sagt: Wir machen’s und Rockenhausen nicht - oder umgekehrt.“ Vielleicht werde es ja diesbezüglich im September auch noch mal ein Telefonat geben, so sein Vorschlag. Eine ungewohnte, aber von viel Vernunft getragene Einigkeit zwischen Ost- und Westkreis. Was nichts daran ändert, dass künftig in der Bütt zwischen „Kerchem“ und „Roggehause“ bestimmt wieder kräftig gestichelt wird - und zwar lieber heute als morgen ...