Rockenhausen
So trotzt Adient dem Fachkräftemangel
„Früher hatte man oft im Herbst das im folgenden September beginnende Ausbildungsjahr besetzt. Nun werden die letzten offenen Stellen erst im Mai oder Juni vergeben.“ Matthias Kühle macht im RHEINPFALZ-Gespräch keinen Hehl daraus, dass auch bei Adient, dessen Lehrwerkstatt seit langem einen exzellenten Ruf genießt, die Suche nach Azubis nicht leichter wird.
Und das, obwohl deren Anzahl mit den Einschnitten der Vorjahre – ab 2020 wurden im Werk Rockenhausen rund 270 Arbeitsplätze abgebaut – von etwa 30 auf nun gut 20 pro Jahr reduziert worden ist. So haben am Donnerstag 21 gewerbliche Auszubildende ihre Tätigkeit aufgenommen: sechs Maschinen- und Anlagenführer, vier Werkzeugmechaniker, sechs Elektroniker, zwei Mechatroniker, ein Zerspanungsmechaniker, ein Industriemechaniker und eine Fachinformatikerin Systemintegration. Hinzu kommen drei angehende Industriekaufleute.
Schulnoten spielen nicht mehr die einzige Rolle
Kühle leitet seit September 2021 das Training & Development Center, welches neben der Lehrwerkstatt sowie der Betreuung der Studenten die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter am Standort zur Aufgabe hat. Obwohl es weniger Kandidaten als früher gebe, bedeute das nicht, dass jede(r) automatisch genommen werde: „Wir arbeiten im Metallbereich, da geht es in der Ausbildung sowohl um die Gesundheit der Azubis als auch darum, den Wert der Maschinen zu erhalten. Wir müssen daher schauen, wem wir diese Verantwortung zutrauen können.“ Andererseits ermutigt der 39-Jährige Interessenten ausdrücklich, sich um eine Lehrstelle zu bemühen: „Die Schulnoten spielen nicht mehr die einzige Rolle. Wir schauen nun viel mehr auf den gesamten Menschen.“ Und er weist darauf hin, dass inzwischen Bewerbungen ganzjährig möglich sind.
Zwar sind auch nach Abschluss der Lehre die ganz rosigen Zeiten im Nordpfälzer Werk des weltweit größten Herstellers von Autositzen vorbei: Den obligatorischen einjährigen Übernahmevertrag für die frischgebackenen Gesellen gibt es nach wie vor – die einst oft unbefristete Weiterbeschäftigung ist aber längst nicht mehr die Regel. Dennoch betont der Ausbildungsleiter, „dass uns jeder Einzelne am Herzen liegt und wir alles versuchen, ihn oder sie zu halten. Das hängt aber davon ab, ob gerade Stellen frei sind.“ Zumal im starken Schwankungen unterworfenen Autogeschäft – erst recht angesichts der Corona-Krise und des Ukraine-Kriegs – Prognosen „einem Blick in die Glaskugel gleichen.“
Gerade Ingenieure werden gebraucht
Gerade Adient benötigt aber auch immer wieder frische Kräfte. Die natürliche Fluktuation ist das eine – das andere die über Jahrzehnte gewachsene Kompetenz-Kette, vom Werkzeug-Bau über die Produktion, Stanzerei und Wärmebehandlung bis hin zur Montage. „Was wir hier an Berufen ausbilden, dafür wären sonst drei, vier Betriebe notwendig“, sagt Kühle. Hinzu kommt, dass mit technischem und digitalem Fortschritt – Stichwort Industrie 4.0 – auch hoch qualifizierte Ingenieure gebraucht werden.
Der Bedarf soll mit teils neuen Strategien gedeckt werden. Ein wichtiges Element dabei: die zunehmende Verzahnung von Ausbildung und Studium. Der klassische Weg sei gewesen, dass sich Studenten aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen, BWL, Logistik oder Personalwesen für ihre Bachelor- beziehungsweise Masterarbeit bei Adient beworben hätten. „Wir schreiben auch Projekte aus, um die sich unsere Mitarbeiter im Tagesgeschäft nicht kümmern können und die von den Bachelor- oder Masteranden dann bearbeitet werden“, so Kühle. „Aufgrund der Komplexität unserer Projekte ist dies eine Win-Win-Situation, und manche von ihnen konnten dann auch von uns übernommen werden.“
Verstärkt auf „Kosmo“ setzen
Künftig setze man jedoch stärker auf eine andere Karte: „Kosmo“. Die Abkürzung steht für „Kooperatives Studienmodell“ und bezeichnet die Möglichkeit, eine (Weiter-)Beschäftigung bei einem Unternehmen mit einem Studium zu verknüpfen. „Das Konzept gibt es schon länger, ist bei uns aber nur selten angewandt worden. Nun richten wir das Angebot viel konsequenter an fertige Azubis im Übernahmejahr“, sagt Kühle. Zur Wahl stehen die Fächer Elektronik, Maschinenbau oder Mechatronik an einer Fachholschule, BWL an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg oder IT an der Internationalen Uni in Mannheim.
In diesem Jahr sind es vier Personen, die diese Chance ergriffen haben. „In der vorlesungsfreien Zeit arbeiten sie weiter bei uns mit und erhalten dafür eine Vergütung“, informiert Kühle. Die Absolventen seien in Projektarbeiten eingebunden und bekämen so die Gelegenheit, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Nach Abschluss des Studiums „versuchen wir auch, sie zumindest befristet im Unternehmen zu halten“. Als Beispiel nennt er Patrick Schwarz, der 2018 mit seiner Masterarbeit über Techniken zur Verbesserung der Sicherheit von Industrieanlagen einen bundesweiten Preis („MINT-Award“) gewonnen hat und nun als Programmierungsingenieur in der IT von Adient tätig ist.
Lehrstelle für ehemaligen Förderschüler
Stolz ist Kühle auch auf ein anderes Projekt: „Wir haben mit zwei Förderschülern im Rahmen ihrer Abschlussklasse ein Langzeitpraktikum durchgeführt. Einem von ihnen konnten wir nun eine Ausbildung zum Anlagenführer anbieten“ – ein weiteres Beispiel dafür, dass „wir in Sachen Bewerbungen auf der gesamten Klaviatur spielen“. Übrigens hin und wieder auch in für ein metallverarbeitendes Unternehmen „exotischen“ Berufen: 2021 hat eine angehende Köchin in der Adient-Kantine ihre Lehre begonnen, eine Firma für Sanitär- und Heizungstechnik bildet einen beim Autozulieferer angestellten Mitarbeiter in dessen Auftrag zum Anlagenmechaniker aus. Dahinter steht laut Kühle die auch wirtschaftlich bedingte Entscheidung, „künftig Dienstleistungen vermehrt selbst erbringen zu wollen“.
Nicht zuletzt „investieren wir mehr als früher in den Wohlfühlfaktor unserer Azubis“. Dazu zählt die derzeit laufende Renovierung der Lehrwerkstatt, dazu zählt auch das kürzlich erstmals durchgeführte Teambuilding-Event für die neuen Lehrlinge: Diese haben eine Woche zusammen in einem Bootshaus an der Nahe verbracht, sich selbst versorgt und in Gruppenarbeit Ballwurfmaschinen gefertigt. Diese sind dann – augenzwinkernd – vom Werksmanagement bewertet worden. Kühle: „Die Teilnehmer sollten sehen, dass die Veränderung eines kleine Parameters große Folgen für das Ergebnis haben kann – wie in unserer Produktion.“ Denn so dynamisch die Branche auch ist, eine Konstante sei unerlässlich: „Wir müssen sehr genau arbeiten, um die hohe Qualität unserer Produkte halten zu können.“
Dass Adient dafür auch künftig genügend Fachkräfte rekrutieren kann, davon ist Kühle überzeugt: „Die Aufgabe ist schwerer geworden, aber wir nehmen die Herausforderung an. Wir haben ein super Ausbilder-Team und versuchen, jungen Talenten weiterhin langfristige Perspektiven aufzeigen zu können.“ Dann ist auch egal, ob alle Lehrstellen schon vor Weihnachten oder erst an Ostern besetzt sind ...
Zur Sache: Sitzhersteller Adient
Adient (Umsatz 2020: 12,7 Milliarden US-Dollar) ist der weltweit größte Hersteller von Fahrzeugsitzen und hat einen Marktanteil von etwa 33 Prozent. Das Unternehmen hat rund um den Erdball zirka 200 Standorte. Einer davon ist das Werk in Rockenhausen, das bis 2011 als Keiper firmierte und bis zur Ausgliederung von Adient 2016 zum US-Konzern Johnson Controls gehörte. Die aktuell rund 1100 Mitarbeiter produzieren Einzelteile und Komponenten für Fahrzeugsitze – das Vorzeigeprodukt ist der Lehneneinsteller Taumel (und die Hebel-Variante Lever), der in alle gängigen Autotypen passt. Die Lehrwerkstatt hat seit 1964 fast 1400 junge Menschen ausgebildet.
