Winnweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Realschüler üben „Kreatives Kämpfen“

Sven Weingarth will den Schülern beim „Kreativen Kämpfen“ helfen, ihre Emotionen mit Körperbewegungen zu kontrollieren.
Sven Weingarth will den Schülern beim »Kreativen Kämpfen« helfen, ihre Emotionen mit Körperbewegungen zu kontrollieren.

Corona hat den Schülern einiges abverlangt, vor allem die Einschränkung der sozialen Kontakte. Aus diesem Grund gab es an der Albert-Schweitzer-Realschule-plus einen besonderen Projekttag. Die Schüler haben dabei „Kreatives Kämpfen“ geübt.

Beim „Kreativen Kämpfen“ geht es nicht darum, neue Kampfstile zu erfinden, wie man vielleicht denken könnte. Etwas ganz anderes steckt dahinter: Es geht um emotionale Kontrolle, seine Impulse und möglicherweise Aggressionen mithilfe von Körperbewegungen in den Griff zu bekommen.

Die Schüler haben sich in der Turnhalle versammelt, stehen in einem Kreis. Sven Weingarth, ehemaliger Schulsozialarbeiter und jetzt mit dem „Kreativen Kämpfen“ an Schulen unterwegs, trägt den Kindern auf, einen stabilen Stand zu finden. Dann übt er Druck mit dem Arm aus, deutet einen Schlag an. Die Schüler blocken den „Angriff“ mit ihrem Arm sanft zur Seite ab. Sie sollen erkennen: Wo geht der Druck hin? Wie wende ich ihn ab?

Sichere Haltung finden

Die nächste Übung trainiert den ganzen Körper. Weingarth zieht sich Boxhandschuhe an, die Schüler müssen links und rechts dranschlagen, dann ein Tritt, dann noch ein Schlag. „Die körperlichen, logischen Bewegungsabläufe sind wichtig für das Denken“, sagt Weingarth. Wichtig sei das Gleichgewicht von innerer und äußerer Haltung, damit man sich richtig verhält.

„Über die Körpersprache erkennen wir, ob es jemandem gut oder schlecht geht“, erklärt Weingarth. „Und das beeinflusst auch unser Denken.“ Das „Kreative Kämpfen“ geht deswegen den umgekehrten Weg: Die Körperhaltung verändern, damit man dadurch positiv auf die Emotionen einwirken kann. Das fängt mit einem stabilen Stand an, gerade, Blick nach vorne. „Die Kinder sollen lernen, was ist eine Haltung, in der ich mich gut und sicher fühle, damit sie diese dann im Alltag immer wieder einnehmen können“, beschreibt Weingarth den Prozess.

Kampfkunst und Boxen

Gerade jetzt sei diese Erfahrung für die Schüler wichtig – wegen der langen Corona-Phase. Da die Pandemie vor allem bei den Schülern einen großen Einschnitt hinterlassen hat, wurde 2021 das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ gestartet. Die Albert-Schweitzer-Realschule hat jetzt ihre Fünftklässler in den Blick genommen, um deren Persönlichkeit zu stärken. „Die Kinder brauchen gerade nach Corona wieder Bewegung“, sagt Schulleiter Torsten Edinger. Ein Pluspunkt sei außerdem, dass bei dieser Übung die Sprachbarriere wegfalle, wovon ukrainische Kinder profitieren und sich so in die Klassengemeinschaft integrieren können.

Die beiden Schüler Jamie und Enrico finden das „Kreative Kämpfen“ „cool, aber auch anstrengend“. Während Corona hätten sie viel zuhause vor dem Bildschirm gesessen. Mannschaftssport sei auch nicht möglich gewesen. Da machen die Übungen heute noch mehr Spaß, „das ist besser, als im Schulraum zu sitzen“. In das Training werden verschiedene Kampfkunstelemente eingebunden sowie therapeutisches Boxen. Am wichtigsten ist der Körper-Kopf-Transfer. Die Kinder können sich bei den Übungen Zeit lassen, die Perspektive wechseln und dann individuell reagieren.

Gegen den inneren Schweinehund

Weingarth benennt drei wichtige Phasen: Als Erstes das Körperbewusstsein entwickeln. Dann das Selbstbewusstsein aufbauen, indem die Schüler lernen, alle körperlichen Ressourcen und Stärken nutzen, und ihre Defizite auszugleichen. Und als Letztes die Situation kontrollieren, reaktionsflexibel werden. Ein „das kann ich nicht“, gibt es dabei nicht. Schritt für Schritt wird an das Problem herangegangen und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Das lasse sich dann beispielsweise sehr gut in den Schulalltag übertragen.

Und was haben Jamie und Enrico vom „Kreativen Kämpfen“ gelernt? „Unser Gegner ist der innere Schweinehund, den müssen wir in den Griff bekommen“, sagt der zehnjährige Jamie. Enrico (11) gibt ein konkretes Beispiel: „Wenn man beleidigt wird und die Faust ballt, beleidigt man wahrscheinlich zurück. Wenn man die Hand entspannt, hat man bessere Kontrolle.“

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