Reportage
Otto-Erich Juhler verbindet Theologie und Leichtathletik
Er hatte es nur gut gemeint. Ein Vater schwört seinen Filius auf den bevorstehenden Wettkampf ein, will ihn stark reden. Mit einem abschließenden „Ich drück' dir ganz fest die Daumen“ schickt er den Jungen los. Der Trainer beobachtet die Szene, zwinkert dem Vater zu und gibt ihm einen gut gemeinten Rat: „Beten Sie lieber statt Daumen zu drücken.“ Er vertraut auf Gott, doch missionieren möchte er niemanden. Otto-Erich Juhler, vor 68 Jahren im holsteinischen Pansdorf geboren, ist ein hoch aufgeschossener Mann mit einem stolzen, aufrechten Gang. Und doch wirkt er sanftmütig, nordisch nobel und ja, auch ein Stück weit pastoral. Er weiß, dass Religion und Spiritualität sehr wohl etwas mit Sport zu tun haben. Sein Kronzeuge ist kein Geringerer als Apostel Paulus, der an die Korinther schrieb: „Von allen Läufern, die im Stadion zum Wettlauf starten, gewinnt nur einer den Siegeskranz. Lauft so, dass ihr ihn gewinnt.“ Dass Sport und Religion seit jeher eng miteinander verwoben sind, zeigt ein Blick ins Neue Testament.
Als Jugendlicher verbrachte Juhler die meiste Zeit auf dem Sportplatz oder in der Turnhalle. Mit Leidenschaft und einem vielfältigen Talent ausgestattet, begeisterte er sich sehr früh für Fußball, Leichtathletik und Tischtennis, später gab er Schwimmunterricht und trainierte Jugendliche im Langlauf und Speerwerfen. Sehr früh reifte sein Berufswunsch Lehrer. Doch es kam anders.
Ein Blick für Talente
Nach seiner Fachhochschulreife zog es ihn mit 21 Jahren zur theologischen Ausbildung nach Bettingen bei Basel. Auch die Physik interessierte Juhler, doch als er während eines Firmenpraktikums mehrmals krank wurde, war ihm schnell klar: „Gott wollte es anders.“ Als Jugendpastor in Oppenheim und Jugendreferent für Süddeutschland sammelte Otto-Erich Juhler erste Berufserfahrungen, bevor er in Butzbach für die Gemeindearbeit zuständig war. 1988 zog es ihn noch einmal in die alte Heimat. In Neumünster wirkte er acht Jahre lang als Pastor. Nach einer Zwischenstation in Lörrach ereilte ihn 1998 der Ruf aus der Pfalz. Als Gemeinschaftsinspektor des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Pfalz mit Sitz in Eisenberg zog Juhler 1998 nach Wartenberg-Rohrbach, 2000 wurde er von der Protestantischen Kirche der Pfalz als Prädikant ordiniert.
In Wartenberg angekommen, wurde schnell klar, dass es an Trainingsmöglichkeiten für seine vier Töchter mangelt. Bis zu seiner Pensionierung vor drei Jahren versuchte Juhler, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste herauszuholen, 2007 erwarb er zudem die Trainerlizenz. Sein Blick für Talente ist in der Region längst bekannt. Sehr früh erkannte er, dass seine Hürdenläuferin Elena Hartmann aus Börrstadt weit mehr Potenzial besitzt als es der Gewinn der Pfalzmeisterschaft ausdrücken könnte. Der Apostel wusste es schon vor 2000 Jahren: „Ich laufe und habe dabei das Ziel klar vor Augen. Wenn ich kämpfe, geht mein Schlag nicht ins Leere.“ Elena Hartmann, die mittlerweile zu Verbandstrainer Jochen Allebrand gewechselt war und für den 1. FC Kaiserslautern an den Start ging, wurde bei den deutschen Meisterschaften Vierte in ihrer Altersklasse.
Gleichnisse aus der Bibel
Von Wartenberg-Rohrbach ging es 2019 nach Börrstadt, für Otto-Erich Juhler ein „echter Perspektivwechsel“. Die Leichtathletikanlage wurde gerade vom Sportbund überplant, rund 70 Kinder und Jugendliche standen in den Startlöchern. Gemeinsam mit einem Lehrer des Wilhelm-Erb-Gymnasiums in Winnweiler bietet Juhler beim SV Börrstadt jede Woche zwei Trainingseinheiten an. Doch neben den sportlichen Leistungen will der Theologe auch Werte und Sozialkompetenz vermitteln. Timotheus, ein Mitarbeiter von Paulus, hat das schon sehr früh erkannt: „Ein Sportler kann einen Siegeskranz nur gewinnen, wenn er sich an die Wettkampfregeln hält.“
Juhler erinnert sich an ein hochbegabtes Mädchen, das in seine Trainingsgruppe kam. Die Eltern legten jedoch größten Wert darauf, dass auch deren Sohn am Training teilnehmen darf. Der Coach wusste zuerst nicht, was er mit diesem für die Leichtathletik eher unprädestinierten Jungen anfangen soll. Doch er erkannte seine Gabe, förderte ganz gezielt sein Talent. Nur wenig später errang der Junge die rheinland-pfälzische Vizemeisterschaft im Kugelstoßen. Paulus wusste es: „Wie schnell ist ein Siegeskranz verwelkt. Wir dagegen kämpfen für einen unvergänglichen Preis.“
Der Wunsch nach Liebe
Der Glaube ist Juhlers Leitplanke. Auch, und ganz besonders, beim Leichtathletik-Training mit Kindern und Jugendlichen, aber auch bei den Gesprächen, den Hilfestellungen und den kleinen Aufmerksamkeiten im Alltag. Dabei ist es oft nur die Bereitschaft, seine Perspektive zu ändern, um positive Entwicklungen anzustoßen. Denn wenn etwas schief läuft, verfestigt sich sehr schnell das Negative. Juhler dagegen versucht es mit dem „positiven Vorbild“, dem Glauben an sich selbst und dem Vertrauen auf sein Talent.
Aber versetzt der Glaube deshalb bereits Berge? „Der Glaube kann stark machen“, bestätigt der Theologe. Wichtiger aber noch: „Der Glaube kann uns helfen, aus Niederlagen zu lernen, gelassener und entspannter zu werden.“ Denn die Beziehung zu Gott könne vieles bewirken und sei beileibe nicht von Sieg und Niederlage abhängig. „Wer sich von Gott geliebt fühlt, weiß, dass dies nichts damit zu tun hat, was jemand ist oder was jemand kann.“ Juhlers Worte hallen nach. Ansonsten herrscht andächtige Stille. Der Chronist faltet, ohne es zu merken, seine Hände. Es ist irgendwie tröstlich zu wissen, dass Sieger und Unterlegene gleichermaßen der eine Wunsch eint: Nämlich geliebt zu werden. Von wem auch immer.