Albisheim
Ohne „Ayo Technology“: Weltstar Milow gibt sich im Zellers die Ehre
Es gibt Lieder, die kann man hören, und es gibt Lieder, die kann man immer wieder hören. Der Hit „Ayo Technology“ von Milow ist so ein Song, der einen großen Ohrwurmcharakter besitzt und mit mehr als 73 Millionen Aufrufen bei Youtube auf dem besten Weg ist, ein Klassiker der Pop-Musik zu werden. Mit dem Titel erreichte der 1981 geborene Sänger, der mit bürgerlichen Namen Jonathan Vandenbroeck heißt, im Jahr 2008 den internationalen Durchbruch. Milow wurde damals als Newcomer gefeiert, obwohl er schon Jahre zuvor zwei Alben veröffentlicht und zahlreiche Konzerte gegeben hatte.
Interview sorgt für Intimität
Wer einen so großen Hit landet, wird unweigerlich für alle Zeit daran gemessen. Aber nichts ist schlimmer für einen Vollblutmusiker, als mit nur einem Titel identifiziert zu werden. Und Milow ist so ein Vollblutmusiker, dessen sanfte, raue Stimme die Seele berührt. Da verwundert es auch nicht, dass trotz aller lautstarken Rufe nach Zugabe und riesigem Applaus, genau jener Song eben nicht an diesem Abend gespielt wurde. Enttäuscht wurden die Fans aber trotzdem nicht.
Mit „Whatever It Takes“ und „Christmas Is Finally Here“ (Endlich ist Weihnachten da) kann es eigentlich keine besseren Titel aus dem Repertoire des Musikers geben, um ein energiegeladenes Publikum in die besinnliche Vorweihnachtszeit zu entlassen. Zum Ende hin hält es nämlich niemanden mehr auf den Sitzen. Bei „You and Me“ geht der ganze Saal mit, die Fans klatschen im Takt zur Musik und sind eins mit der Musik. Es herrscht eine unheimlich intime Atmosphäre. Die Bühne ist nur etwa einen halben Meter hoch, zwischen dem Sänger und der ersten Sitzreihe sind es keine drei Meter. Neben der kurzen Distanz zum Sänger ist jedoch vielmehr das Interview mit Milow vor Konzertbeginn der eigentliche Faktor für die erlebte Intimität.
Kabarettkünstler, der über Ernstes reden kann
Miriam Audrey Hannah, Moderatorin des RPR1-Formats „Liedergut“, stellt dem Künstler ausgewählte Fragen, die zuvor vom Publikum auf kleine Karten geschrieben wurden. Die brennendste Frage, wie Milow zu seinem Künstlernamen kam, bleibt jedoch bis zuletzt unbeantwortet. Vielmehr witzelt der Sänger immer wieder und überrascht mit einem locker leichten Humor das Publikum, das im Gegenzug immer wieder laut lacht. Die Stimmung ist schon zu Beginn durchtränkt von Frohsinn. In Milow steckt neben dem Sänger auch ein Kabarettkünstler, der aber auch über ernstere Dinge im Leben sprechen kann.
Milow erzählt über seine Frau und die zwei Kinder, denen er seinen neuen Song des gleichnamigen Albums „Nice To Meet You“ gewidmet hat. Es ist ein ruhiges Stück, dass aus dem Leben erzählt und mitfühlen lässt, so wie der Titel „How Love Works“, der – gefühlvoll gesungen – tief unter die Haut geht. Sämtliche Stücke werden dabei auf einer Akustik-Gitarre mit Verstärker gespielt, sozusagen „unplugged“. Dadurch erhalten die Titel eine Aufwertung, die verblüfft. Je weniger Instrumente zum Einsatz kommen, desto brillanter kommt die Stimme von Milow hervor. Das Zupfen der Gitarrensaiten ist zudem enorm gefühlvoll.
Bass-Kick geht früh kaputt
Milows neues Album kam Mitte des Jahres heraus und ist zum Großteil klasse Pop-Musik zum Kuscheln. Einzig die Titel „DeLorean“ und „Asap“ versprühen etwas mehr Drive, der beim Publikum umgehend in Bewegung umgesetzt wird. Im Sitzen wippen die Füße, und im Stehen wird das Tanzbein geschwungen.
Auf der Bühne wird Milow von Tom Vanstiphout (Akustik-Gitarre) und Nina Babet (Gesang) begleitet, die beide seit Anfang 2008 mit ihm auf Tour gehen und Milow wunderbar in der extra lang gespielten Version von „Lay You Worry Down“ ergänzen sowie teilweise Soloparts einnehmen. Ursprünglich wurde der Titel mit Matt Simons aufgenommen und klingt bei Youtube ganz anders als in der Akustikversion vor Ort. Und wie der Zufall es will, geht gleich zu Beginn des Konzerts der Bass-Kick von Vanstiphout kaputt, sodass die musikalische Entfaltung gänzlich frei von wummernden oder schlagenden Bässen ist. Das tut der Sache keinen Abbruch – je minimalistischer die Songs daherkommt, umso besser scheinen sie zu klingen.
Keine Tickets im freien Verkauf
In der Weinlounge ist es gemütlich, aber für optimalen Hörgenuss wurde das Bauwerk natürlich nicht ausgelegt. Umso verblüffender ist es, wie gut dennoch die Musik rüberkommt. Die Stücke klingen klar und knackig, sodass man sie glatt auf CD pressen könnte. Was man darauf aber nicht sehen würde, wären die tollen Lichteffekte während des Konzerts. Obwohl nicht sonderlich viel Technik zum Einsatz kommt, erstrahlt Milow zwischen den Scheinwerfern wie ein großer Star, trotz kleiner Bühne. Und an der Decke wechseln die Farben und Helligkeiten je nach Titelsequenz.
Etwa 100 Fans erleben so im obersten Stockwerk der Weinlounge ein Konzert der Extraklasse, das zudem nichts gekostet hat. Sämtliche Tickets wurden bei einem Gewinnspiel verlost. „Music made in Germany“ von Tour von Lotto Rheinland-Pfalz und RPR1 präsentiert Hautnahkonzerte – gestern Abend ein ganz außergewöhnliches an einem außergewöhnlichen Ort.
Info
Das aufgezeichnete Konzert ist auf RPR1 am Donnerstag, 8. Dezember, zwischen 19 und 22 Uhr zu hören. Wiederholung am darauf folgenden Sonntag zwischen 18 und 21 Uhr.