Donnersbergkreis Nur mit Ohrstöpsel auf den Balkon

Täglich fahren 76 Züge über die Gleisbögen in den Grünstadter Bahnhof ein und aus, mal mit mehr, mal mit weniger lautem Gequiets
Täglich fahren 76 Züge über die Gleisbögen in den Grünstadter Bahnhof ein und aus, mal mit mehr, mal mit weniger lautem Gequietsche, wenn das Metall der Lintzüge auf Metall reibt – trotz Schmieranlage.

„Eigentlich hat sich das Quietschen der Züge sogar verschlechtert – denn nun kreischen sie sogar auch, wenn’s geregnet hat. Wenigstens bei nassen Gleisen hatten wir ja damals unsere Ruh’.“ Mit damals meint Dieter Berzel die Zeit vor dem Einbau der Gleis-Schmieranlage am Grünstadter Bahnhof im Oktober 2018. Von den Hoffnungen auf die neuartige Lärmschutztechnik ist acht Monate nach dem Einbau nichts mehr übrig. Berzels Gattin Veronika geht nach wie vor nur mit Ohrstöpseln zum Kaffeetrinken und Lesen auf den Balkon im Bitzenstraßen-Hochhaus. Eventuell Mischungsverhältnis der Schmierung verändern „Es quietschen nach wie vor sowohl die ein- als auch die ausfahrenden Züge. Der Lärm beginnt, sobald sie aus dem Bahnhof ausfahren, und endet kurz bevor die Züge am Bahnsteig halten: von morgens 4.30 Uhr bis abends 23.30 Uhr“, sieht auch Bahnanlieger Otwin Schneider keine Verbesserung. Nach acht Monaten Betrieb kommt er zu dem Ergebnis: „Das Verfahren, das zur Lärmminderung in Grünstadt installiert wurde, ist untauglich. Und wenn ich mir vorstelle, dass der, laut DB, zweijährige Probebetrieb auch noch 200.000 Euro kostet (für Freinsheim gilt das gleiche), dann wirft die DB 400.000 Euro zum Fenster raus.“ Ein Sprecher der Deutschen Bahn teilte auf Anfrage mit, dass momentan die Messungen ausgewertet würden, die im Bereich der Schmierungen an den Gleisbögen gemacht worden sind. Konkrete objektive Ergebnisse lägen noch nicht vor. Es könne durchaus sein, dass das „subjektive Empfinden der Anlieger“ bestätigt werde. Der Wirkungsgrad der neuartigen Schienenschmierung solle mit dem Projekt am Grünstadter Bahnhof ja ermittelt werden: also, ob das Quietschen leiser oder weniger wird oder sich nichts ändert. Für diese Ermittlungen sei man mitten in der Testphase. Diese sei für das Projekt bis Ende 2020 angelegt. Daran änderten auch mögliche negative Messergebnisse nichts, so der Sprecher, denn nur so erhalte man aussagekräftige Werte über den Wirkungsgrad. Sollten sich die subjektiven Wahrnehmungen der Gleisanlieger bestätigen, sei es eventuell denkbar, dass einzelne Parameter der Schmieranlage verändert würden, etwa beim Mischungsverhältnis des Schmierstoffes. Den Ergebnissen wolle er aber nicht vorgreifen, sagte der Sprecher. „Nachgebessert“ hatte die Bahn schon einmal, nachdem sechs Wochen nach Inbetriebnahme der Anlage ein „Nulleffekt“ festgestellt worden war. Das Grünstadter Kurvenkreischen resultiert aus der Unfähigkeit der seit fast vier Jahren in Grünstadt eingesetzten Lintzüge, enge Gleisbögen so zu durchfahren, dass nicht Metall auf Metall reibt. Über das hochfrequente Quietschen beschweren sich Anlieger rund um den Grünstadter Bahnhof. Bei der vor acht Monaten installierten Anlage sprühen sechs Düsen Spezialöl auf ein Gleis vorm Bahnhof. Innerhalb von drei Wochen sollte sich schon ein erster Ölfilm auf 150 Metern Schiene ausgebreitet haben, der das Metall-auf-Metall-Reiben zumindest mindert, hieß es. Die sechs Düsen sollen ein Gleis von innen mit Spezialöl besprühen. Über einen Sensor wird der Sprühvorgang aktuell so getaktet, dass sich die Düsen bei jeder fünften durchfahrenden Achse öffnen. Über die spezielle Dosierung sollte nach Herstellerangaben eine möglichst große Wirkung erreicht werden. Anlieger fordern Test einer in Österreich erfolgreichen Anlage Von dieser haben Schneider, Berzel und Co. noch nichts feststellen können. Ganz im Gegenteil zu den Bahnanrainern im österreichischen Schruns, weisen die beiden erneut auf ein anderes Verfahren hin. Dort sei, so Schneider, „nach über 20 Jahren Bahnterror – teilweise über 100 dB – die Schienenschmieranlage der slowenischen Firma ELPA zirka sieben Meter neben Wohnprojekten im März 2016 montiert worden: mit geringsten Kosten, auf privaten Druck und enormen Einsatz einiger Bahnanrainer“. Diese Anlage funktioniere – auch aus Sicht der Bahnanrainer und Bewohner – einwandfrei. „Dort ist das ab 5 Uhr früh im Halb-Stundentakt nervtötende Schienengequietsche inzwischen Geschichte“, fordern Berzel und Schneider, dass die Firma ELPA auch in Grünstadt tätig werden soll. Zumal die Slowenen der DB vor etwa zwei Jahren angeboten hätten, einen vierwöchigen kostenlosen Probebetrieb zu installieren. Damals lehnte die DB ab. „Zunächst hieß es, die Firma habe keine Zertifizierung, und als das widerlegt wurde, die Firma ELPA habe beim Eisenbahnbundesamt keine Zulassung.“ Noch haben Berzel und Schneider die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich „Mitarbeiter und Entscheider der DB mal die Schienenschmieranlage in Schruns ansehen und dem Bundesamt Druck machen, damit zumindest der vierwöchige Probebetrieb durchgeführt wird“, so Schneider. Er prognostizierte, dass Veronika Berzel weiter mit Ohrstöpseln auf den Balkon muss: „Das derzeitige System wird auch nach zwei Jahren keine Verbesserung erzielen.“

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