Winnweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Nach fast 30 Jahren: Adolf Stauffer zählt keine Kraniche mehr

Seit 1992 hat Adolf Stauffer für die Nabu-Kreisgruppe Donnersberg alle Zählungen von Kranich-Überflügen gesammelt. Einsamer Reko
Seit 1992 hat Adolf Stauffer für die Nabu-Kreisgruppe Donnersberg alle Zählungen von Kranich-Überflügen gesammelt. Einsamer Rekord: Am 3. November 2006 sind rund 60.000 Vögel auf dem Weg ins spanische Winterquartier über unsere Region hinweg gezogen. Charakteristisch sind neben ihren Trompeten-Rufen die V- oder keilförmigen Formationen. Durch das Fliegen im Windschatten sparen die Tiere Kraft für ihre anstrengende Reise.

Fast 30 Jahre glühten bei Adolf Stauffer die Telefondrähte, wenn die Kraniche unsere Region überquert haben. Fein säuberlich hat der Nabu-Vogelkundler alle Zahlen notiert, die ihm Augenzeugen mitgeteilt haben. Nun ist leider Schluss: Gesundheitsbedingt muss der 82-Jährige seinen „Job“ aufgeben. Den übte er mit viel Herzblut aus. Nur eines hat ihn gestört.

An manchen Tagen, wenn die Kraniche zu hunderten oder gar tausenden mit ihrem markanten Trompeten-Rufen aus oder in Richtung Süden über die Nordpfalz hinweggeflogen sind, hat Adolf Stauffer fast ausschließlich zweierlei gemacht: Er hat telefoniert – und anschließend die übermittelten Zahlen Schwarz auf Weiß festgehalten. „Einmal hatte ich von morgens bis abends 80 Anrufe – da war ich anschließend aber ganz schön geschafft“, sagt Stauffer im Gespräch mit der RHEINPFALZ, das coronabedingt nur fernmündlich stattfinden kann.

Jedenfalls haben ihn die Menschen rund um den Donnersberg darüber informiert, wenn sie eine der charakteristischen Keil-Formationen entdeckt und aus wie vielen Exemplaren diese bestanden haben. Stauffer saß in der Ein-Mann-Melde-Zentrale in Winnweiler und hat sich die Finger wund geschrieben. Mit dem Nachteil, „dass ich selbst die Vögel nie gesehen habe“. Das hat ihn so geärgert, dass er eines Tages zu einem „Trick“ gegriffen hat: „Wenn mir jemand aus Kirchheimbolanden einen Kranich-Zug gemeldet hat, dann habe ich mich in Winnweiler einfach 20 Minuten später auf die Straße gestellt und die Vögel auf ihrer Durchreise vom Boden aus gegrüßt.“

Ein Herz für Tiere und Pflanzen

1992 hat Stauffer mit den Kranich-Zählungen im Kreis begonnen. Zu diesem Zeitpunkt war er schon fast 20 Jahre Mitglied des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), hat 1975 die Gründung einer Kreisgruppe initiiert. Ob das Aufhängen und Kontrollieren von Brutkästen beziehungsweise -höhlen für Schleiereulen und Fledermäuse sowie von Kunstnestern für Mehlschwalben, das Beobachten der Schmetterlinge oder das Verfassen unzähliger RHEINPFALZ-Artikel über die „botanischen Kostbarkeiten“ in der Nordpfalz: Der gebürtige Langmeiler hat schon sein Leben lang ein großes Herz für die Tiere und Pflanzen rund um den Donnersberg.

Und ganz besonders eben für die Vögel, bei denen das V zugleich charakteristisch für ihre Flugformation ist: Die Aufreihung in Keilen oder Ketten hat den Vorteil, dass die jeweils nachfolgenden Kraniche im Windschatten fliegen und für den bis zu 2000 Kilometer langen Flug von Nord- nach Südeuropa Kräfte sparen. Dabei übernehmen die kräftigsten und erfahrensten Tiere die Spitze, sie wechseln sich in der Führungsarbeit ab.

Stauffer hatte Anfang der 90er Jahre mitbekommen, dass es in Mayen eine landesweite Meldezentrale gibt, bei der die lokalen Zählungen gesammelt werden. Daran hat sich fortan auch der Nabu Donnersbergkreis beteiligt. Zwar ist die Einrichtung im nördlichen Rheinland-Pfalz schon vor Jahren mit dem Mann, der sie betrieben hat, gestorben. Und auch die Weitergabe seiner Daten an eine Bundeszentrale hat Stauffer irgendwann eingestellt, „weil man eigentlich nie mehr etwas davon gehört hat, was damit eigentlich passiert“. Er selbst hat weiter jeden Vogel, der die Donnersberger „Flug-Autobahn“ benutzt hat, akribisch festgehalten.

Von Berlin zum Donnersberg

Diese Zugstraße ist sehr beliebt bei den Kranichen, die sich im Oktober von Skandinavien, dem Baltikum oder der Ostsee auf den Weg ins spanische Winterquartier machen und üblicherweise im Februar zurückkehren. Die Formationen, die unsere Region überqueren, starten fast ausnahmslos von einem Sammelplatz im brandenburgischen Linum. Bei dem Dörfchen nahe Berlin verläuft der Fluss Rhin – „da gibt es so viele Feuchtwiesen, auf denen sich die Vögel zu Zehntausenden zusammenfinden“, erzählt Stauffer. Nachdem sie die Nordpfalz passiert haben, gibt es übrigens nochmals einen ähnlich großen Treffpunkt in der Champagne: Am Lac du Der-Chantecoq – dem größten Stausee Frankreichs – legen sie vor dem Weiterflug nach Spanien noch Zwischenrast ein.

In erster Linie aus der Zeitung haben die Menschen erfahren, dass der frühere Grundschullehrer und begeisterte Sportabzeichen-Abnehmer die Kranich-Meldungen sammelt. „Hunderte, wenn nicht tausende“ Beobachter hätten sich im Laufe der Zeit an den Zählungen beteiligt, die natürlich nie exakt sein können. Bis zu 500 oder 600 Tiere auf einmal seien ihm schon mitgeteilt worden, Doppelmeldungen musste er aussortieren. „Manche Anrufer habe ich bereits an der Stimme erkannt“, sagt Stauffer schmunzelnd. Unvergessen der 3. November 2006, als zirka 60.000 Exemplare über die Köpfe der Nordpfälzer hinweg gesegelt sind. Genau weiß es der Nabu-Vogelexperte zwar nicht - aber „mehrere Hunderttausend“ werden seit 1992 schon zusammengekommen sein.

Die Vögel des Glücks

Die nackten Zahlen sind die eine Seite – das Thema Kraniche hat jedoch noch eine zweite, emotionale. Nicht umsonst werden sie schließlich die „Vögel des Glücks“ genannt, weil mit ihnen in den über Winter meist dunklen Ländern Nordeuropas der Frühling und die helle Jahreszeit zurückkehrt. Hierzulande „haben das die Menschen registriert und sich darüber gefreut“, wenn der langjährige RHEINPFALZ-Mitarbeiter mal wieder geschrieben hat über die stolzen Tiere, die bis zu 1,30 Meter groß werden und über eine Spannweite von fast zweieinhalb Metern verfügen. „Und waren sie mal ein bisschen später dran, haben mich des öfteren Leute angesprochen und gefragt: ’Wo bleiben denn die Kraniche’?“, berichtet Stauffer auch davon, „dass manche Tränen in den Augen haben, wenn sie das Trompeten der Vögel hören und den Tross über uns hinweg fliegen sehen“. Dankbar ist er neben dem Bolander Naturfotografen Uwe Nielsen, der zig wunderschöne Kranichfotos geschossen hat, allen Menschen, die mit ihren Informationen seine Tätigkeit unterstützt haben.

Der kann er altersbedingt nun nicht mehr nachgehen. Mit Cornelia Reuther hat die Kreisgruppe eine Frau gefunden, die Stauffers Arbeit fortführen möchte. Er selbst erholt sich derzeit in der Zoar-Wohnanlage in Winnweiler von den Folgen einer Krankheit. „Sehr gewundert und gefreut“ hat ihn in seiner typischen Bescheidenheit, „wie viele Bewohnerinnen und Bewohner mich wegen meiner Artikel über die Vögel kennen“. Auch wenn er selbst ihre Anzahl nicht mehr dokumentieren kann, auch wenn Corona unsere Welt auf den Kopf gestellt hat – die Kraniche werden weiter ihre Bahnen über der Nordpfalz ziehen, zweimal pro Jahr, hin und zurück. Nicht nur für Adolf Stauffer ein tröstlicher Gedanke: Wenigstens auf die Natur ist Verlass.

Kraniche werden bis zu 1,30 Meter groß und haben eine Spannweite von fast zweieinhalb Metern.
Kraniche werden bis zu 1,30 Meter groß und haben eine Spannweite von fast zweieinhalb Metern.
Adolf Stauffer hat nicht nur ein Herz für Kraniche, sondern generell für alle Tiere und Pflanzen rund um den Donnersberg. Unser
Adolf Stauffer hat nicht nur ein Herz für Kraniche, sondern generell für alle Tiere und Pflanzen rund um den Donnersberg. Unser Foto zeigt ihn vor einigen Jahren beim Anbringen von Schwalbennestern.
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