Donnersbergkreis Mit Charme und Charisma

Von entwaffnender Natürlichkeit: Ann Vriend.
Von entwaffnender Natürlichkeit: Ann Vriend.

«WINNWEILER.» Einmal mehr gelang dem in Katzweiler ansässigen Kleinkunst-Veranstalter „Kunstgriff“ mit dem Engagement des kanadischen Stars Ann Vriend ein Glücksgriff: Bereits zum elften Mal gastierte die Singer-Songwriterin und Pianistin auf deren Initiative in der Pfalz. Und die erstaunliche Erkenntnis am Donnerstag im „Max“ in Winnweiler war einmal mehr, dass sich ihre Auftritte trotz minimalistischer Duo-Besetzung mit ihrem Bass-Gitarristen Reid Thiel nicht abnutzen. Bisherige Erfolgstitel und Kostproben aus ihrem neuen Album „Anybody’s different“ lösten begeisterte Resonanz beim Publikum aus, sie konnte sogar bei einigen Passagen zum Mitsingen anspornen.

Das Erfolgsrezept der sympathischen Musikerin und Entertainerin basiert auf ihrer entwaffnenden Natürlichkeit, wenn sie mit Charme und Charisma ihre eigenen Texte und Stilmischungen gekonnt und souverän vorträgt: Perfektioniert und nur scheinbar improvisiert wirkend, laufen die Titel ab, fließen nahtlos ineinander. Dabei zeigt sie in der Verarbeitung von Stileinflüssen aus Blues, Folk, Country und Soul sowie Pop eine erstaunliche melodische und rhythmische Vielseitigkeit und kosmopolitische Offenheit. Von Emphase bis zur Ekstase reicht dabei der Gefühlsgehalt ihrer Herzensergießungen, wenn sie mit Hingabe ihre wechselnden Textinhalte nachhal(l)tig vermittelt und nie in Routine erstarrt. Jeder Titel hat eine individuelle Note, ist geprägt von dem Dualismus aus ostinaten oder durchlaufenden (Walking-) Basslinien und den melodischen Floskeln, über ideenreicher Harmonisierung, die sie auch mal lautmalerisch ausgestaltet: eine Klasse für sich! Ihre Titel wechseln ständig zwischen einem balladesken, meist melancholisch-meditierenden Tonfall und dem mitreißenden, tänzerisch inspirierten Rhythmus. Dabei ist der Basspart sehr sensibel auf den melodischen Duktus ihrer Lieder abgestimmt. Ihre Vortragsweise ist von großer gestalterischer Intensität und Expressivität geprägt, ihre Stimme hat Seele, Ausdruck und Wärme – aber bisweilen in Passagen innerer Erregtheit auch mal markante und provozierende Schärfe und durchdringende Kraft. Wie bei Theater/Opern-Rezitativen ist auch ihre humoristisch gestimmte Moderation von Begleitakkorden umspielt. Überhaupt geht ihre pianistische Umspielung ihrer Erfolgstitel weit über das stereotype „Einerlei“ vieler Liedermacher hinaus: Sie beherrscht exzellent die Kunst des melodischen Paraphrasierens (Umspielens), und dies in Spielfiguren, Verzierungen oder percussiver Harmonik und Variationen bis hin zu gekonnten Überleitungen und Zwischenspielen. Auf Anhieb fand die immer souverän und selbstsicher wirkende Kanadierin im Rahmen ihrer jetzigen Deutschland- und Österreich-Tournee den Zugang zum zahlreich erschienenen Publikum, das sie schnell aus der Reserve lockte und sogar zum Mitsingen motivieren konnte – und das ihr dann zwischendurch restlos begeistert applaudierte. Besonders fiel auf, wie virtuos Ann Vriend ihr wichtige Textsilben ausgestaltet und dies zudem in schnellen Skalenläufen. Dies ist ihr Markenzeichen, da zog sie alle Register ihres enormen gesangstechnischen Könnens – das weit über das in der Kleinkunst gewohnte Maß hinausgeht. Ein Wermutstropfen ist vielleicht, dass die Präsentation einseitig auf sie ausgerichtet ist und der Bassist damit zu verhalten im Hintergrund bleibt – obwohl er an diesem Abend in einigen gestalterischen Initiativen und zündenden Ideen andeutete, dass er weitaus mehr kann. Leider wurde er noch nicht mal im Programmheft erwähnt oder abgebildet. Schade, auch er hätte eine Würdigung verdient!

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