Donnersbergkreis „Menschen von großer Einzigartigkeit“
«KIRCHHEIMBOLANDEN.»Wer seine autobiografischen Bücher gelesen hat, der ist Jörn Wilhelm schon nach Irland gefolgt. In den 50ern war es, dass er mit seinen Eltern und seinem Bruder mehrfach die grüne Insel bereist hat. Per Anhalter. Kaum vorstellbar, ein Abenteuer. Und ein Land, das den früheren Gemeindepfarrer, der heute in Steinbach lebt, nicht losgelassen hat. Das hat nun auch in der Übersetzung eines Buches Gestalt angenommen, das tief hinabsteigt in ein besonderes Stück irischer Identität. Bei der Sommerredaktion haben wir uns mit dem 74-Jährigen über seine schriftstellerische Arbeit unterhalten.
Jörn Wilhelms Schreiben dient dem Festhalten und Bewahren des Flüchtigen, jener Eigenheiten, die einer Zeit ihre Farbigkeit und Identität geben. Das ist ein Anliegen seiner Lebenserinnerungen, wie er im Gespräch bestätigt. Damit ist schon eine Brücke geschlagen zu seiner Übersetzung von Robin Flowers 1945 erschienenem Buch über die „Westliche Insel“, über das karge Leben der letzten Menschen, die auf dem heute verwaisten Great Blasket Archipel vor der Südwestküste Irlands gelebt haben. Diesem Buch liegt ein ähnliches Motiv zugrunde. In der 90er Jahren hatte ihn, wie Wilhelm erzählt, eine seiner vielen Irland-Reisen gemeinsam mit seiner Frau in das „Blasket Heritage Center“ in Dunquin geführt, der letzten Stadt vorm Meer und den Inseln. Dort sah er das Buch von Flower, kaufte es – um es dann jahrelang ungelesen im Bücherregel stehen zu lassen. Bekannt war er mit dem Thema schon durch das Buch des Fischers und Dichters Tomás O’Crohan „Die Boote fahren nicht mehr aus“ geworden, das Annemarie und Heinrich Böll übersetzt hatten – anhand der Übersetzung Robin Flowers aus dem Gälischen ins Englische. Ein bewegendes Buch, so Wilhelm, und eines, das zu den wichtigsten der gälischen Literatur gezählt wird. Tomás O’Crohan, 1937 verstorben und einer der letzten Eingeborenen der Blasket Islands, ist nun auch eine der Figuren, die in Flowers Buch eine bedeutende Rolle spielen. „Ich fand das so schön, dass ich das nicht unübersetzt lassen wollte“, so Wilhelms Reaktion auf die erste Lektüre nach einigen Jahren. So habe er sich vorgenommen, das Buch zunächst für sich ins Deutsche zu übertragen. Kein einfaches Geschäft bei einem Text, der auch in gälische Zusammenhänge hineinreicht und viel Spezialvokabular enthält. Das Internet half weiter, in Foren bekam er Unterstützung, einmal sogar von einem Mann aus Kanada, der ihm Fachbegriffe aus dem Bootsbau übersetzte, wie er erzählt. Als die Übersetzung nach der Arbeit von zwei Wintern 2012 fertig war, dachte er sich dann doch, dass das anderen zugänglich werden sollte. So machte er sich auf die Suche nach einem Verlag. Rund 20 habe er angeschrieben – ohne Erfolg. Nun hat er das Buch wie seine Lebenserinnerungen veröffentlicht bei „Books on Demand“. Die letzten Jahre seit 2012 habe er noch verstreichen lassen müssen bis zum Ablauf der Frist von sieben Jahrzehnten, innerhalb derer noch Verlagsrechte auf dem Buch lagen. In dem Buch, das Flower kurz vor seinem Tod veröffentlicht hat, gibt sich der Autor Rechenschaft über seine Besuche auf den westlichen Inseln seit 1910. Zwei Jahrzehnte lang hat er dort jeden Urlaub verbracht, dort mitgearbeitet, mitgelebt, geforscht, zugehört, dabei bald akzeptiert wie ein Einheimischer – wovon den irische Rufname zeugt, den die Insulaner ihm gegeben haben: „Blaheen“ nannten sie ihn, ein Diminuitiv für „Blume“. Tomás O’Crohan wird sein Freund, wie viele andere Insulaner. Flower, selbst Dichter und als Archivar des British Museum mit der Katalogisierung irischer Manuskripte befasst, hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben, sprachlich glanzvoll in den Beschreibungen dieser Inselwelt und ihrer Menschen, volkskundlich motiviert und dabei doch voller Poesie und Zugewandtheit. Die Westliche Insel ist ein Ort, der überschäumt vor Geschichten, die sich die Menschen erzählen und weitergeben, Märchen, Sagen, Begebenheiten aus dem Alltag der Insulaner und ihrer Vorgänger – mit einem breiten Saum an Mythischem bis hin zu den Spuren eines verschwundenen Volkes, das vor vielen Jahrhunderten die Inseln besiedelt hat. Und dessen Verschwinden ein Echo ist der Erzählgegenwart, in der die karge Lebenswelt zunehmend an Menschen verliert. Flower will bewahren, was an tradierter Kultur in den Köpfen der Insulaner lebt, notiert Geschichte um Geschichte, weil er mit Tomás O’Crohan weiß: „Leute wie uns wird es nie mehr geben.“ Insofern liegt über dem Buch auch eine Melancholie, die Traurigkeit eines Abgesangs. Da ist eine geschichtliche Scheidelinie erreicht zwischen einer gewachsenen, symbiotischen, naturnahen Welt und der „modernen“. Über diese Scheidelinie werden die Menschen der Great Blaskets nicht hinübergelangen: 1953 wurden die letzten 22 von Great Blasket Island evakuiert, seither sind die Inseln unbewohnt. „Nun ist es die große Angst der Angehörigen, dass das alles verloren gehen könnte“, so Wilhelm zur Sorge der Nachgeborenen um das kulturelle Erbe. Erst kürzlich war Wilhelm selbst vor Ort, mit seiner Übersetzung, um sie Buchhändlern in der Region nahe den Inseln zu zeigen. Der Besuch galt dabei der, wie er sagt, geheimnisvollsten Insel des Archipels, Inishvickillane. „Der frühere irische Ministerpräsident Charles Haughey – inzwischen verstorben – hat einst diese jetzt unbewohnte Insel gekauft, ein Haus auf ihr gebaut und auf ihr u.a. den französischen Präsidenten Mitterand zu Gast gehabt. Sein Sohn Conor Haughey hat mir jetzt auf Grund meiner Übersetzung von Robin Flowers ,Vermächtnis’ die sonst nie erlaubte Genehmigung erteilt, für einen ganzen Tag die Insel besuchen zu dürfen.“ Irland, das schon das Sehnsuchtsland seiner Mutter war, ist für Wilhelm immer eine Art zweite Heimat gewesen. Nach der ersten Tramptour mit der Familie folgte eine zweite wenige Jahre später. In jungen Jahren habe er auch allein die Insel per Anhalter erkundet, immer mit Jugendherbergen als Stationen. Viele Freundschaften hätten sich ergeben, sogar mit dem Nordirland-Konflikt sei er in Berührung gekommen, erzählt er von Kontakten zur IRA, denen er sich aber entzogen habe. Auf die Frage, was ihn zur grünen Insel ziehe, verweist er auf die Iren selbst: „Die Menschen dort sind von einer großen Einzigartigkeit und Freundlichkeit, und das Erzählen dort ist etwas ganz Wunderbares.“ Ebenso empfinde er die Landschaften einzigartig, die Nähe des Meeres. Weitergehen soll es auch mit seinen Lebenserinnerungen, die ja nun, nachdem er am Ende des zweiten Bandes als Gemeindepfarrer in Göllheim angelangt ist, seine Zeit in der Donnersbergregion zum Thema haben. Er hoffe, im kommenden Winter den nächsten Band schreiben zu können, sagt er.